Ortsgespräch

Komiker Thomas Steierer: „Mit Feuertonnen wie in der Bronx“

Interview Kabarettist Thomas Steierer
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Thomas Steierer

Mit trockenem Galgenhumor ist er ganz gut durch die Krise gekommen. Doch jetzt fürchtet Thomas Steierer die kühlere Zeit und den Rückschlag der Mainstream-Fernsehnasen-Industrie. Er liebt es publikumsnah: Etwa am 2. Oktober im Gans Woanders. Und nah an den Flammen.

Herr Steierer, mit Ihrer unverwechselbaren Mischung aus Melancholie, stoischer Gelassenheit und Sisyphos-Fleißarbeiter-Humor haben Sie sich einen festen Namen in der Szene gemacht. Ist das genau die richtige Mischung, um selbst harten, kleinkünstlerisch kargesten Zeiten immerhin noch mit einem Lächeln zu begegnen?
Immerhin: Das könnte mal wohl tatsächlich so sehen. Ich hatte auch schon vor Corona keine absolute Komfortzone und jene Unsicherheit, die jetzt herrscht im Kulturbereich und im Leben von allen, die hatte ich auch vorher schon. Das ist auch einer der roten Fäden meines Bühnenschaffens: Mein Lebenslauf hört sich wohl ganz gut an auf dem Papier. Die Realität dahinter ist nicht so rosig. Darauf habe ich mit meinem Galgenhumor reagiert. Bin gewissermaßen also mental geimpft und mein Standup-Programm passt, wenn man so will, zu dieser schwierigen Pandemie-Zeit gerade.

Mein von Oliver Kahn adaptiertes Credo Weitermachen, immer weitermachen: Das zu verinnerlichen könnte dieser Tage wohl ziemlich hilfreich sein. Das Do-it-Yourself-Prinzip, das meine Herangehensweise als Komiker ist, könnte auch helfen, verstärkt kreative Auftrittsmöglichkeiten zu generieren, wenn in den etablierten Spielstätten wegen Corona und in der Folge keine Auftrittsmöglichkeiten bestehen. Das ist in der Umsetzung noch fragil wie die bürokratischen Auflagen bei der insgesamt tollen Aktionsreihe Sommer in der Stadt gezeigt haben, aber nichtsdestotrotz ein Plan B, der zum Plan A werden könnte. Ich könnte mir im Herbst und Winter Draußenveranstaltungen vorstellen, mit Feuertonnen wie in der New Yorker Bronx (lacht).

Kann man Corona denn überhaupt mit Humor begegnen?
Der Virus selbst ist nicht lustig. Im Gegenteil: Wenn man sich die persönlichen Schicksale bei harten Verläufen, die Situation ansieht in Altenheimen während dem Lockdown, die Schüler und Studenten, denen ein Teil ihrer vielleicht schönsten Zeit in ihrem Leben abhanden kommt und die Existenzbedrohung bei Selbstständigen.

Aber so manche Auswüchse beim Umgang damit, von Klopapierhorten, über Aluhüte und die Willkür bei Hygienevorschriften bis zu obskuren Verschwörungstheorien und wie sich die Prioritäten unseres Lebens verändern, das birgt tatsächlich eine gewisse Komik. Die Frage stellt sich mir und anderen seit dem Frühjahr oft: Was macht man als Komiker zu Corona, was neu und angemessen ist? Meiner Begeisterung für Wortspiele freien Lauf lassen im Pandemie-Kontext?

Ein Beispiel, bitte.
Ich habe kein Smartphone: Die Corona-Warn-App, die kann sich Jens Spahn. Oder: Markus Söder als Abstandswauwau. Kann man machen. Mein Ansatz ist aber zunehmend eher, ernsthaft nachzudenken über den Lauf der Dinge und auf dieser Grundlage die Ironie des Schicksals herauszudestilieren. Vorher im Hamsterrad hat man gehofft, dass man irgendwann eine Auszeit nehmen kann. Es ist Ironie des Schicksals, dass die herbeigesehnte Zeit zum Durchschnaufen ausgerechnet während Corona gekommen ist, dem Lungenvirus. Das muss bei Überlegungen zu Corona genannt werden. In einem Atemzug (lacht).

Wie haben sich die Wochen der extremen Abgeschnittenheit für dich ganz persönlich angefühlt: Wie stark ist das Lampenfieber vor den ersten Auftritten „danach“ angemessen?
Als ich Im Juni die Anfrage bekam, Ende Juni im Peepshow-Schaufenster des Cafe Kosmos aufzutreten, für meinen ersten Standup-Auftritt während Corona nach dreieinhalb Monaten Zwangspause, hielten sich bei mir Vorfreude und Aufbruchstimmung aber auch Respekt die Waage. Einerseits: Gut zurück auf der Bühne zu sein. Mein letzter Soloauftritt vor Corona war Mitte März. Vor fünf Zuschauern.

Die haben sich vielleicht gedacht, wo ist es in München an einem Samstagabend während Corona am sichersten? Bei einem Auftritt von mir, wo jeder fünf Sitzreihen für sich hat (lacht). Bei aller Vorfreude hatte ich zugleich Respekt vor der Herausforderung, ob ich es noch kann auf der Bühne und ob ich die richtigen Worte finde bei einem Corona-update meines Bühnen-Programms. Die Handvoll Auftritte seitdem haben aber andeutet dass mein Humor-Geschmacksinn durch Corona nicht verloren gegangen ist.

Der Druck, in den eigenen vier Wänden notgedrungen fleißig zu sein, war ja groß: Wie viel Energie blieb aber tatsächlich, an neuen Nummern oder Programmen zu arbeiten?
Mein Alltag seit März, der kein Alltag war, war wie bei wohl allen zwiespältig, er war geprägt davon, kaum einen klaren Gedanken fassen zu können. Eine Konstante bei all dem Wirrwarr war die immer wieder aufploppende Frage: Wann geht es weiter auf der Bühne und mit dem Leben? Und wie? Beim Blick über den Tellerrand über die Medien ist mir immer wieder bewusst geworden: Wir haben vergleichsweise Luxusprobleme bei allen Defiziten, die hierzulande jetzt zu Tage treten. Woanders geht es deutlich rauer zu: Marode Sozial-und Gesundheitssysteme, Polizeigewalt, Rassismus, Folter, Kriege, Hungersnöte und Naturkatastrophen.

Wir alle haben das Glück, zufällig hier geboren worden zu sein. Es gab bei mir während Corona nicht die eine neue oder vorher aufgeschobene Idee, die ich sofort in einem Superflow umsetzen konnte. Aber langsam aber sicher geht’s voran mit dem Schreiben und Ideenausbrüten. In kleinen Schritten habe ich neue Ideen zu Papier gebracht und habe bei Projekten, die schon länger auf meiner ellenlangen Agenda sind, mit der Umsetzung begonnen. Immerhin: Ich bin optimistisch. Wird schon. Mit Geduld und Dranbleiben.

Toller Trost immerhin: Sie konnten Fans zuletzt im Olympiastadion, dem Vereinsheim von Robbie Williams und den Rolling Stones, empfangen. Wie bekommt man nach solchen Auftritten den Größenwahn wieder einigermaßen in den Griff?
Ein halbes Jahr keine Auftritte und dann gleich im Olympiastadion, wo ich Ende August eine Mixedshow kuratieren und moderieren durfte mit der Bachmannpreisträgerin Nora Gorminger und dem Poetryslammer Jason Bartsch, da hatte die Stadt die Reihe Sommerbühne im Stadion ermöglicht. Das war surreal. Wenn Du denkst, es geht nichts mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Ein Stadionflutlicht. Das war eine spezielle Situation die Tage davor. Wenn ich kürzlich gefragt worden bin: Wo ist Dein nächster Auftritt? Und ich geantwortet habe: Im Olympiastadion. Dann hieß es oft: Alles klar, die Männer mit den weißen Jacken sind gleich da. Als Kleinkünstler im großen Olympiastadion. Auf den Spuren von Mario Barth, dem Stadionkleinkünstler.

Wie schnell sich Dinge ändern von vor fünf Zuschauern-Spielen beim letzten Gig, als Mitte März die Stimmung gekippt ist, vor Corona ins Oly. Und wieder zurück. Jetzt hätte ich sagen können: Das ist wohl der Zenit, hätte eigentlich aufhören können. Größer wird’s nicht. Was soll noch kommen? Aber der Alltag erdet genug, und das Bewusstsein, dass es dieses Jahr wohl nicht mehr allzu viele Auftritte geben wird. Bin in den letzten Monaten finanziell einigermaßen über die Runden gekommen. Auch ohne Auftritte als Komiker. Es war Glück im Unglück, wie sich nun während Corona herausstellte, dass die Indie-Nische meines Bühnenschaffens schon vorher zu eng war, um ausschließlich davon leben zu können. Weshalb ich vor eineinhalb Jahren das Zufalls-Angebot angenommen habe für einen befristeten Brotjob, eine halbe Stelle mit flexiblen Arbeitszeiten. Immerhin: Glück im Unglück (lacht).

Mit dem Gewinn des Passauer Scharfrichterbeils ging‘s für Sie einst fast über Nacht noch einmal so richtig los mit der Bühnenkarriere. Wenn Sie zurückblicken: Wie viel Rückenwind gibt der Zuspruch und was davon fühlt sich möglicherweise immer noch ein wenig irreal an?
Ich muss mich eigentlich täglich kneifen, dass alles kein Film ist, sondern tatsächlich stattgefunden hat und gerade wirklich passiert. Es gab und gibt seitdem reichlich Rückenwind in Form von Auftrittsmöglichkeiten, Medieninteresse und Zuspruch. Es gab aber auch nicht zu knapp Gegenwind, oft damit verbunden, dass ich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde, dass der Kulturbereich kein Benefiz sondern auch ein Business ist. Einiges ist super gelaufen, eigenes suboptimal. Wie es im Leben an sich auch so ist (lacht). Dass ich etwas Eigenes mache, das in keine bestehende Schublade passt, ist Segen und Fluch zugleich. Seit gut drei Jahren bin ich nun auf der Bühne als Komiker, kann - wenn denn Auftritte stattfinden - das machen, was ich mir immer erträumt hatte. Wunderbar. Einerseits. Andererseits: Manches, was ich erlebt habe im Bühnengewerbe, war kafkaesk. Das trifft sich ganz gut, weil die SZ hat mich mal mit Kafka verglichen.

Passt ja.
Self fulfilling prophecy. Wobei ich davor in meinem Leben auch schon genug Kafkaeskes erlebt habe, es gibt immerhin Kontinuität (lacht). Darüber spreche ich auch in meinem Bühnenprogramm, ich habe die negativen Erlebnisse also bereits verarbeitet. Soweit, so gut! Sorge macht mir, wie es weitergeht während Corona und danach. Ungute Entwicklungen werden sich verstärken, mit denen ich schon vor der Pandemie konfrontiert worden bin. Während Corona hat sich zwischenzeitlich erst mal Gleichheit eingestellt, insofern, dass niemand auftreten konnte. Ich hatte genauso viele Zuschauer wie der Stadionkleinkünstler Mario Barth. Null (lacht). In der Folge, fürchte ich, wird das Mainstream-Imperium zurückschlagen.

Viele nun finanziell unter Druck geratene Kultur-Veranstalter werden noch mehr auf Nummer sichergehen: Fernsehnasen-Entertainment buchen statt das Eigene. Und es gibt dafür gewissermaßen nun mehr denn je Argumente, ähnlich dem Totschlagargument der Wirtschaft: Sonst müssen Arbeitsplätze abgebaut werden. Die Nachholtermine der ausgefallenen Kulturveranstaltungen füllen den Terminkalender mindestens für das nächste Frühjahr. Die Menschen werden wohl weniger Geld für Kultur übrighaben. Das kostenlose Kulturangebot im Netz hat sich für die Konsumenten bewährt, die Hemmschwelle, eine Veranstaltung aufzusuchen, wird wahrscheinlich groß bleiben auch nach Corona. Ich vermute, erst 2022 wird es halbwegs normal weitergehen können.

Mit dem Gans Woanders bespielen Sie jetzt ja ein liebenswertes neues Hexenhäusl: Wie wichtig ist denn eine gemütliche Stimmung vor Ort?
Sehr wichtig. Damit steht und fällt alles. Das ist wohl die Grundvoraussetzung für einen gelungenen Kulturabend, dass sich Publikum und Performer wohlfühlen. Ich trete gerne nah zum Publikum auf wie im Valentin Musäum, auf der Alten Utting oder im Gans Woanders und spiele zwecks der Nähe und der sich daraus ergebenen dichten Atmosphäre gerne auch im Privaten, in Wohnzimmern und Ateliers, wenn dies Corona-technisch möglich ist, drinnen oder auch jetzt im Herbst oder dann im Winter draußen mit den am Anfang erwähnten Bronx-Feuertonnen, das ist eh ein lang gehegter Traum von mir (lacht). Für ihren Idealismus und ihre innovative Tatkraft schätze die Macher des Gans Woanders.

Sie betreiben auch das Gans am Wasser im Westpark und bewegen sich im Dunstkreis der Macher der Alten Utting und des Bahnwärter Thiel. Sie zeigen, dass möglich ist, was erstmal unmöglich erscheint. Grundsätzlich weiß ich es sehr zu schätzen, dass ich bislang an so tollen wie unterschiedlichen Orten mit jeweils einer ganz eigenen Stimmung spielen durfte. Hier in München in etablierten Kabarettbühnen genauso wie in Subkultur-Locations, was ich ganz bewusst forciert habe, um möglichst unterschiedliches Publikum zu erreichen. Vom Vereinsheim, Schlachthof, Fraunhofer Theater und Valentinmusäum bis Feierwerk, Import-Export, Backstage, Alte Utting und nun im Gans Woanders. Vom Olympiastadion ins Gans Woanders. Das fasst die Bandbreite ganz gut zusammen. Dieser Kontrast, der steht für die ambivalente Zeit gerade und ist genau mein Humor und mein Wetter (lacht).

Interview: Rupert Sommer

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