Interview

Thomas Hermanns: „Es ist wie beim Sex“

Thomas Hermanns

Wie Thomas Hermanns im Münchner Quatsch Comedy Club die perfekte Gag-Überraschung plant

Ab 17. Januar wird losgewiehert: Dann öffnet Münchens neueste erste Adresse für Stand-up-Comedy mit den Mixed-Abenden jeweils am Freitag und Samstag ihre Pforten. Als Clubgebäude hat Thomas Hermanns, dessen TV-Show aktuell bei Sky läuft, die Nachtkantine im sich schnell verändernden Werksviertel am Ostbahnhof ausgewählt.

Herr Hermanns, wenn man in unserem Magazin nach Unterhaltung, Comedy, Kabarett oder offenen Bühnen sucht, findet man schnell Einiges. Wie kann sich in so einem dicht gefüllten Programmkalender eigentlich Ihr Quatsch Comedy Club künftig gut behaupten?
Ich glaube, dass wir etwas machen, was es in dieser Form in München wohl noch nicht gibt.

Das sagt man gern. Was meinen Sie damit genau?
Es ist der klassische Comedy Club nach amerikanischem Vorbild. Das ist unsere Spezialität seit fast 30 Jahren. Wir stehen für eine gemischte Show, jede Woche neue Leute, immer neue Moderatoren. Es ist die verdichtete Kurzform. München hat für mich eine starke Brettl-Tradition bayerisch-österreichischer Prägung. Es gibt hier viel Kabarett. Und natürlich viele Solo-Gastspiele. Und es gibt eine starke humoristische Grundstimmung in der Stadt.

Wo passen Sie da neu dazu?
Bei uns ist vieles auf die Anglo-Variante angelegt. Auch darin, wie unser Club aussieht. Man könnte da auch in New York oder London sein. Wer zu uns kommt, befindet sich auf dem Spielfeld der internationalen Stand-up-Comedy. Und so etwas gibt es eben noch nicht in der Stadt, obwohl es natürlich gemischte Abende gibt. Es gibt aber nicht einen festen Club, der extra dafür definiert ist.

Was macht denn für Sie über all die Jahre hinweg noch den Kitzel, aber auch den Irrsinn von Stand-up aus?
Der Reiz ist für mich immer noch die puristische Form. Ein Mann, eine Frau, ein Mikro. Das ist ja das Puristischste, was es im Theater oder in der Show überhaupt gibt.

Sie gönnen Ihren Künstlern nicht mal ein Tischchen oder einen Stuhl?
Na ja, ab und an mal vielleicht einen Barhocker. Aber in der klassischen Stand-up-Comedy gibt es auf der Bühne eben gar nichts – außer dem Künstler. Wie jeder von diesen Künstlern diese Leere Abend für Abend neu füllt, ist auch für mich nach all den Jahren immer noch extrem überraschend. Bei uns sieht man die bunteste Mischung – aus etablierten Stars und aus Newcomern sowie Leute, die einfach sehr gerne die Clubs füllen. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie man diese Form neu mit Leben füllen kann. Selbst ich kann nicht vorhersagen, was an so einem Abend passiert. Ich sitze gerne hinten und lasse mich mitreißen. Der Spaß an Stand-up ist der Kontrast zwischen dem puristischen Setup und den irren Geschichten, die wir dort erzählen.

So ein Abend lebt natürlich auch von einem Publikum, das sich begeistern lassen möchte, interagiert und nicht mit allzu großer Weißbierträgheit abwartend rumsitzen sollte.
Ach ja, unsere Moderatoren kriegen die Stimmung im Saal meist recht schnell bestens in den Griff. Es wird ja bei uns niemand vorgeführt. Aber man wird im Publikum schon gern Teil der Show. Es geht eben ums Miteinander – und nicht nur das Miteinander-Lachen im Publikum und nicht alleine vor seinem Handy oder dem Fernseher. Sondern auch das Interagieren mit der Bühne macht so einen Comedy-Abend zu etwas Besonderem.

Man kann ja wohl davon ausgehen, dass Künstler, die sich auf die Stand-up-Bühne wagen, nicht gerade schüchtern sind. Aber ist es für Sie so etwas wie die Königsklasse? Wer bei Ihnen auftritt, muss ja auch darauf gefasst sein, dass an einem Abend alles nicht genau so läuft, wie sich der Künstler das vorher vielleicht gedacht hat.
Es ist schon so, dass viele Comedians durchaus schüchtern sind. Aber die Bühne gibt Ihnen eine Art von Schutz, wo man private Geschichten erzählen kann. Stand-up ist natürlich die härteste aller Unterhaltungsformen. Jeder, auch jeder Star, hat schon erlebt, dass so ein Abend überhaupt nicht klappt.

Wie geht man mit dem Druck um?
Pop-Musiker können ihren Song zu Ende singen, Theaterschauspieler können ihr Stück zu Ende spielen – und erst dann erfahren sie durch den Applaus, wie das alles ankam. Wir spüren das schon nach 30 Sekunden – und müssen das aushalten können. Wenn dann mal was nicht funktionieren sollte und einfach keiner lacht, ist das schon ein sehr harter Liebesentzug. Deswegen braucht man bei uns sehr starke Nerven. Und langjährige Erfahrung, die man sich nur live auf der Bühne und nicht zuhause vor dem Spiegel erarbeiten kann. Ganz schön anstrengend. Es ist doch wie beim Sex: Wenn’s klappt, ist es das Schönste, was es gibt. Dann ist es ein Geben und Nehmen. Aber wenn der Partner nicht will, dann ist es ein mieses Date.

Ihr Platz ist ja sowohl die Bühne, der Platz hinten im Publikum, aber auch oft der Backstage-Bereich: Wie aufgeregt sind denn Ihre Kollegen vor ihren Auftritten?
Es ist eine Sache der Erfahrung. Der Trick bei Pannen oder Stille im Publikum ist eigentlich ganz einfach, wenn auch schwer durchzuziehen: Man muss einfach weitermachen! Das Publikum sollte auf keinen Fall mitbekommen, dass man nervös wird. Leicht gesagt. Aber am Anfang einer Karriere ist das die Hölle.

Kann man gut nachvollziehen.
Oft ist es ja auch wie verhext. Gestern hat der Gag noch in Berlin gut geklappt. In München lacht keiner. Wie kann das nur sein? Natürlich bringt dich so eine Reaktion erst mal ins Flattern. Aber als Profi weiß man: Es gibt eben unterschiedliche Tage, unterschiedliche Stimmungen und manchmal ganz andere Voraussetzungen. Dann etwa, wenn die Leute im Publikum direkt aus der Arbeit gekommen und noch nicht wieder wach und warm sind. Das ist ja das Irre: Es kann derselbe Text sein – und trotzdem verläuft jeder Abend bei uns anders.

Sie haben als langjähriger Förderer der Szene aber nicht hinter der Bühne ein geheimes rotes Büchlein, wo für die besonders aufgeregten Kollegen die todsicheren Gags drinstehen?
Leider nein. Die Gags sind ja immer individuell. Was wir machen, ist ja Storytelling und nicht Witze-Erzählen. Soll heißen: Die Geschichten auf der Bühne haben mit dir selber zu tun. Mit deinen Erlebnissen, deinem Schulhof, deiner Fahrt im Zug – was immer dir eben passiert ist. Wenn ich einen der Zehn Besten Gags aller Zeiten - und ich denke, die gibt es durchaus - auf der Bühne brächte, würde er gar nicht zu mir passen. Weil er dann eben von Jerry Seinfeld, Amy Schumer oder Louis C.K. stammt.

Trotzdem: Führen Sie eigentlich ein Notizbuch stets mit sich - für all die irren Begebenheiten im Alltag, die man vielleicht für die Bühne aufschreiben müsste?
Na klar. Das ist aber das Schlimme am Berühmt-Werden. Ich kann leider schlecht im Café sitzen und die Leute beobachten, was ich gerne machen würde. Als Comedian ist man sicher hypersensibilisiert für all die merkwürdigen Alltagsskurrilitäten, die uns allen ständig zustoßen. Ich sehe mir sehr gerne Leute an. Aber wenn die das bemerken, dann denken sie oft, ich schreibe schon wieder was über sie. Dann verkrampfen sie sich. Und das gibt auch keine Nummer.

Stets im Dienst?
Irgendwie schon. Wenn dem normalen Menschen etwas Peinliches passiert, dann sagt er sich: Oh Gott! Und versucht das Malheur so schnell wie möglich zu vergessen. Comedians machen sich sofort eine Notiz – innerlich oder auf Papier –, um so etwas auf die Bühne zu holen, um Gemeinsamkeit zu schaffen. Wir sprechen ja Dinge öffentlich aus, die allen passieren und die oft ordentlich in die Hose gehen. In Deutschland ist das äußerst wichtig. Wir wollen immer alles richtig machen. Die Realität sieht natürlich anders aus. Comedy ist dafür da, die Dinge anzusprechen und den Leuten zu zeigen: Das geht uns allen so! Ich bin ja gar nicht dumm und blöd. Diese Erkenntnis macht das Lachen so befreiend.

Und wie reagiert Ihr enger Familien- und Freundeskreis?
Die lasse ich bei meinen Beobachtungen meist außen vor. Viele Ihrer Peinlichkeiten wären auch zu speziell und dann eben doch nicht allgemeingültig für uns alle. Meine Freunde leben nicht in der ständigen Angst, in meinen Nummern aufzutauchen. Außerdem muss man die Dinge schon selbst erleben. Gute Stand-up-Geschichten sind gleichzeitig erschreckend allgemeingültig und gleichzeitig unglaublich individuell. Vor allem die Sex-Geschichten. Die sind für uns alle gleich – weil sie aus dem Erleiden kommen – und dann doch wieder sehr privat. Je mehr man sich als Comedian öffnet und von Dingen erzählt, die nicht gerade gelaufen sind, auch im Bett, desto mehr Leute trifft man, die so was auch erlebt haben.

Interview: Rupert Sommer

Mehr Infos auf www.quatsch-comedy-club.de/muenchen

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