Ortsgespräch

Serdar Somuncu: „Ich habe zum Glück viele Talente“

Serdar Somuncu

Musiker, Krawall-Kabarettist, Hitler- Rezitator: Serdar Somuncu kommt endlich wieder nach München.

Hinweis: Der geplante Auftritt von Serdar Somuncu wurde aufgrund der Einschränkungen bei Veranstaltungen wegen des Coronavirus auf einen noch nicht bekannten Termin verschoben!

Zwei Jahre lang hatte er sich von der Bühne ferngehalten – um zwischenzeitlich als Kanzler zu kandidieren und viel für die ZDF-„heuteshow“ zu drehen. Nun meldet sich Serdar Somuncu als „GröHaZ – Der größte Hassias aller Zeiten“ zurück. Die Tickets für den 4. April in der Philharmonie gehen weg wie warme Semmeln. Schnell noch zugreifen!

Herr Somuncu, das soll jetzt nicht flapsig klingen: Aber wie ist denn Ihre Stimmung so derzeit im Allgemeinen? Sie gehen ja mit einem Programm auf die Bühne, zu dem auch Brüllen und Aus-der-Haut-Fahren gehören. Die Emotionen aus der Rolle können Sie aber schon gut kanalisieren?
Das schaffe ich. Außerdem gibt es an dem Programm auch viele andere Aspekte. Wer es schon kennt, weiß ja, dass ich immer auf eine Mischung aus Aufklärung, Comedy und Kabarett setzte. Der Mix ist bei mir halt gerne mal etwas drastischer, als das sonst andere Kollegen handhaben.

Bis hin zur Größten-Hassias-aller-Zeiten- Uniform, mit der man Sie ja auf den Plakaten sieht. Erschrickt man nicht selbst ein wenig, wenn man von sich so einen Auftritt und so ein Foto sieht? 
Ich bin ja Schauspieler und habe oft Kostüme getragen. Eine Uniform hilft mir auf jeden Fall, um in die Rolle zu kommen. Aber sie macht mich nicht besser oder schlechter.

Das hört man oft: Ein Kostüm kann wie eine Stütze wirken. 
Bruno Ganz hat das ja beim „Untergang“ gesagt. Sobald er in der Hitler- Uniform steckte, spürte er eine Art Verwandlung. Ich will das aber gar nicht positiv beschreiben. Es kann auch sehr negativ sein. Die Uniform hilft mir auf jeden Fall. Aber sie macht mich nicht besser in der Rolle. Als Mensch schon gar nicht.

Sie haben ja tatsächlich viele Rollen, waren lange auch mit Lesungen unterwegs, machen ja auch viel Musik und haben bereits das dritte Album herausgebracht. Was würden Sie denn in die Zeile schreiben, in der „Berufsbezeichnung“ steht?
„Künstler“. Ganz einfach. Ich habe zum Glück so viele Talente, dass ich mir aussuchen kann, wann ich was mache. In der Regel mache ich Theater, bin also eher Schauspieler. Aber ich habe Musik studiert, das war meine Basis. Und jetzt kehre ich zu ihr zurück.

Warum jetzt erst?
Musik ist eine sehr brotlose Kunst. Man hat kaum eine Chance, damit Geld zu verdienen. Man muss mucken, in Bands spielen. Daher habe ich mir gesagt: Wenn ich irgendwann mal erfolgreich bin, dann nehme ich mir die Zeit, Musik zu machen. Weil ich damit kein Geld verdienen muss.

Um die Gelassenheit für die Kunst zu haben?
Es verursacht einfach existenzielle Sorgen, wenn Sie Musiker sind. Wenn Sie davon leben müssen, sieht der Alltag so aus, dass Sie eben unterrichten. Dafür müssen Sie erst einmal Schüler haben. Oder Sie gehen auf Tour oder spielen in einer Cover-Band. An solchen Abenden kriegt man dann 200 Euro. Im Vergleich zu einem Abend im Gasteig, an dem 3000 Leute kommen und 30 Euro Eintritt zahlen, ist das eben eine andere Hausnummer. Das Geld bleibt natürlich nicht allein in meiner Kasse. Es ist aber schon erheblich mehr, als ich mit einer Band verdienen würde.

Die Philharmonie ist natürlich ein toller Ort. Es gibt in der Stadt zwar schon lange Diskussionen, ob sie auch ein schöner Ort ist. Aber was ist das für ein Gefühl, vor so einem riesigen Publikum zu spielen?
Super. Vor allem, wenn man die Entwicklung sieht. Ich bin ja nicht zum ersten Mal in München. Ich habe damals in der Pasinger Fabrik angefangen, die mich dankenswerter Weise oft eingeladen hat. Da war ich dann oft drei Tage lang in Pasing. Mal kamen zwei, mal zehn Besucher. Es war wirklich mühsam.

Tatsächlich? Das muss ja schon lange her sein.
Das war eben Anfang oder Mitte der 90er Jahre. Danach kam die Lesung aus „Mein Kampf“, die erfolgreicher war und in den Medien eine große Rolle spielte. Da landete ich dann schon im Schlachthof auch bei Otti Fischer, in einer ganz anderen Größenordnung. Dann kam für mich die Freiheiz-Halle, die fast ausverkauft war. Danach Das Schloss. Es gibt also eine stetige Entwicklung. Irgendwann war ich im Circus Krone drei Tage lang ausverkauft, später sogar sechs Tage ausverkauft. Jetzt ist es eben die Philharmonie. Das ist natürlich gigantisch, und ich bin sehr stolz darauf.

Jetzt stehen Sie allein auf der Bühne, wo sonst das große Symphonieorchester spielt.
Das hat etwas Feierliches.

Aber ist die Philharmonie nicht auch schwer zu bespielen? Sie werden ja vermutlich nur mit den ersten paar Reihen Sichtkontakt haben.
Das ist nicht schwer. Konzertsäle sind gut zu bespielen, weil sie eine gute Akustik haben. Und ich hatte schon das Glück, vor einem Jahr bei dem Filmfest, damals bei einem Event von Tele 5, bei der Veranstaltung von Thomas Gottschalk und dem grandiosen Orchester Gast zu sein. Da konnte ich den Saal schon kennenlernen. Es ist ein sehr schöner Ort. Und es ist ein etwas alter Saal.

Kann man so sagen.
Die Zeit ist dort ein wenig stehen geblieben. Aber es gibt in München nicht allzu viele Kapazitäten für ein großes Publikum. Wir mussten uns entscheiden, wo ich auftreten sollte. Die Philharmonie ist keine schlechte Alternative.

Und sie dürfte in die Zukunft weisen. Kommen Sie in drei oder vier Jahren mit einem Symphonieorchester wieder?
Das ist nicht ausgeschlossen. Ich habe das große Glück, dass meine Zuschauerzahlen stabil sind – und sogar immer größer werden. Ich weiß nicht, was es in München dann noch gibt. Vielleicht sollte ich dann mal die Olympiahalle ausprobieren?

Aber verraten Sie doch mal: Werden Sie in München ganz allein auf der Bühne sein oder kommen Sie mit einer Band?
Nein, ich komme allein. In manchen Städten habe ich eine Vor-Gruppe oder einen Vor-Comedian. Wenn ein Klavier auf der Bühne steht, werde ich spontan davon Gebrauch machen.

Das müsste in der Philharmonie zu beschaffen sein.
Ich meine, da steht sogar permanent ein Flügel auf der Bühne.

Wenn Sie mal die Zeit zurückdrehen: Wie leicht fiel es Ihnen, über die Jahre hinweg in die Kabarett-Rolle – Comedian trifft es ja nicht so ganz – oder in Ihre Bühnen-Figur zu schlüpfen?
Gute Frage, ich habe mir damit durchaus schwergetan. Mit dem Comedian- Dasein hatte ich immer Schwierigkeiten, weil zunächst mein Metier ja nie Fernsehen war. Als ich Erfolg hatte und dann auch erste Preise gewann wie unter anderem 2004 den Prix Pantheon, geriet ich ins Blickfeld der Fernsehsender. Und die denken natürlich anders. Sie brauchen zunächst einmal etwas sehr Oberflächliches. Entweder man spielt den Türken. Oder man spielt den Aggressiven. Eben dem, was das Klischee, was das Fernsehen transportieren möchte, entspricht. Damit tat ich mir natürlich schwer. Und deswegen habe ich immer gegen den Strich gebürstet.

So kann man das – vorsichtig ausgedrückt – sagen.
Ich musste mich durchsetzen mit meiner Art. Manchmal blieb das auch erfolglos, weil die Sender mir sagten: Das geht nicht. Dann haben sie mich einfach zensiert und Teile meiner geplanten Programme komplett gestrichen. Aber letztlich bin ich froh, dass ich die Ausdauer hatte, das nicht allzu ernst zu nehmen. Hätte ich darauf geschielt oder wäre ich noch darauf angewiesen gewesen, von diesen Leuten anerkannt zu werden, dann wäre vieles ganz anders gekommen.

Deswegen habe ich schon sehr früh gesagt: Ne, ich lass das mal lieber. De facto finde ich auf allen großen Veranstaltungen und Preisverleihungen nicht statt – und das, obwohl ich meinen Job seit 35 Jahren mache. Und gleichzeitig werden auf solchen TV-Events Leute, die noch nie zuvor prämiert wurden, plötzlich für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Dieser Kelch ist – Gott sei Dank – bislang an mir vorbeigegangen. Ich möchte auch nicht von Leuten, denen ich mich nicht zugehörig fühle, etwas bekommen.

Den intellektuellen Kitzel, Fernsehen so ein wenig auszureizen, müssen Sie aber doch schon immer wieder spüren. Ihre „So!muncu Show“ auf n-tv hat ja auch mit den Gegebenheiten einer klassischen Talkshow gespielt.
Es war der Reiz, aber auch der Auftrag, zu zeigen, dass es auch anders geht. Das war ungewöhnlich. Und es war auch ein Experiment. Aber im Nachhinein betrachtet ein sehr erfolgreiches Experiment, das gute Quoten holte und Nominierungen für den Fernseh- und den Grimme-Preis bekam. Der Sender hat aber entschieden, dass er damit nicht weitermachen möchte. Am Ende steht man dann da wie jeder andere auch, der in einem kommerziellen Betrieb arbeitet. Man muss sich damit abfinden – und nach vorne schauen.

Wenn Sie sich einmal ein bisschen in Fernseh- Verantwortliche reindenken: Sind Sie für solche Menschen einfach eine entsicherte Kanone, die stets losgehen könnte?
Ach was, da gibt’s viel Schlimmere. Ich bin Teamplayer genug. So weiß ich, dass man die Leute, die mir einen Auftrag geben, nicht unnötigerweise vor den Kopf stoßen sollte. Aber ich habe mich immer vehement gewehrt, wenn Leute angefangen haben, in meine künstlerische Freiheit einzugreifen. Ich finde es ok, wenn ich bei Fernsehsendern stattfinde. Wenn nicht, dann muss ich einen anderen Weg finden. Ich habe weiterhin viel mit Tele 5 zu tun. Meine Eitelkeit ist zur Genüge befriedigt.

Senderchef Kai Blasberg von Tele 5 kennt keine Angst?
Nein. Er ist mit Sicherheit einer der mutigsten Fernsehmacher, den wir in Deutschland haben. Er ist aber auch ein sperriger Typ, mit ihm muss man schon umgehen können. Aber in diesem Punkt stehen wir beide uns in nichts nach. Es gibt zwischen uns gute Schnittmengen. So lange die kreativ und konstruktiv sind, haben wir beide etwas voneinander. Außerdem bin ich natürlich weiterhin im Ensemble der „heute-show“. Das ist schön so. Und das reicht mir dann auch. Aber wer weiß: Es gibt so viele Sender. Und so viele Ideen, die man noch umsetzen könnte.

Interview: Rupert Sommer

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