Ortsgespräch

Raphaela Bardutzky und Theresa Seraphin: „Wie kann man die Verhältnisse ändern?“

Theresa Seraphin und Raphaela Bardutzky

Was passiert in dieser schönen, schön teueren Stadt? Und wie meistert man den Alltagskampf?

Unter dem Titel „Münchner Schichten“, inspiriert von der Helmut-Dietl-Kultserie „Münchner Geschichten“, haben sich neben Raphaela Bardutzky und Theresa Seraphin die Autorinnen und Autoren Barbara te Kock, Benno Heisel, Amahl Khouri, Andreas Kohn, Leander Steinkopf und Jan Geiger mit dem Leben und Überleben auseinandergesetzt. Die nächste „Schichten“- Aufführung steigt am 25. Januar in einem Hinterhaus in der Bergmannstraße 4 im Westend. Pflichttermin!

Frau Bardutzky, Frau Seraphin, Helmut Dietl ist in der Stadt so eine Art Säulenheiliger. Wie kamen Sie auf die Idee, sich zumindest namentlich von seinen „Münchner Geschichten“ inspirieren zu lassen?
Bardutzky: Das waren zwei Schritte. Wir hatten erst die Überlegung, eine Theater- Serie zu schreiben. Die Idee verfolgen wir schon lange – etwa seit Anfang 2017. Fast das ganze Jahr über schrieben wir damals an dem Antrag ans Kulturreferat und überlegten uns, was darin stehen muss, damit wir Interesse wecken und einen München-Bezug herstellen. Plötzlich kam es uns: Oh Gott, wir haben ja die perfekte Vorlage! Es gibt mit den „Münchner Geschichten“ so ein starkes Vorbild. Warum erzählen wir nicht acht Geschichten von acht Autorinnen und Autoren mit acht Perspektiven auf unsere Stadt?

Wie selbstverständlich sprechen Sie eigentlich von Theater-Serien? So ganz üblich ist es ja nicht, gleich mehrere Stücke zu schreiben, die sich fortsetzen, aufeinander beziehen und gegenseitig vielleicht ein wenig kommentieren.
Bardutzky: Das ist die große Herausforderung. Und wir merken gerade, was es bedeutet. Natürlich hat die Idee auch mit dem Serien- Hype zu tun, den Netflix befeuert. Wir wollten wissen: Geht das auch auf dem Theater? Allein die Produktion ist unglaublich kompliziert. Wir haben drei Regisseurinnen, acht Autorinnen und Autoren – anders als bei einer normalen freien Theaterproduktion, wo es eine Regie gibt, die das gesamte Projekt leitet. Wir arbeiten komplett dezentral. In jeder Produktion übernimmt einer aus unserem Team die Dramaturgie, jemand anderes macht Regie und zwei andere schreiben.

Klingt sportlich.
Bardutzky: Die Produktion und die Regieassistenz behalten die Fäden in der Hand. Das sind Knotenpunkte, an denen alles zusammenläuft. Von der Kommunikation her ist das total kompliziert.

Landläufig ist ja allein schon das Arbeiten im Kollektiv nicht gerade selbstverständlich. Sie haben es sich noch ein bisschen schwieriger gemacht.
Seraphin: Der Unterschied zum Fernsehen ist: Dort gibt es einen Showrunner. Das ist letztlich eine Person, die die finalen Entscheidungen trifft und die den Stil der Serie festlegt. Bei uns gibt’s so jemanden nicht. Wir haben uns zu Beginn getroffen und munter darauf los die Handlung entworfen. Alle Entscheidungen haben wir mehr oder weniger demokratisch getroffen. Und wir wollen allen unseren Autorinnen und Autoren ihre Freiräume lassen in der Art, wie sie schreiben. Deswegen ist unser Ergebnis viel diverser als eine klassische Serie, die meist auf eigene Bögen achtet.

Die einzelnen Episoden spielen dann auch jeweils individuelle Schauspieler, oder?
Bardutzky: Am Anfang hatten wir die Regel, dass wie bei Schnitzlers „Reigen“ immer eine Figur weitergehen soll.

Als Verbindungsglied?
Bardutzky: Genau. Und auch, damit man zwischendrin einsteigen kann, wenn man den Anfang nicht gesehen hat, weil zumindest eine Figur die Handlung immer weiter trägt. Dieses Prinzip einzuhalten, haben wir nicht immer geschafft. Allerdings gilt: Alle unsere Schauspieler spielen nur eine Figur. Und wenn Schauspieler wieder auftauchen, dann bleiben sie in dieser Figur.

Muss man sich denn Sorgen machen bei Ihrer nächsten Aufführung, dass man keinen Zugang findet, wenn man die ersten beiden Abende im Lovelace oder in einem Coworking Space nicht gesehen hat?
Bardutzky: Nein, gar nicht. Die Folgen sind sehr unterschiedlich. Sie haben aber immer was mit München zu tun. Es gibt zwar einen Bezug zu den vorherigen Folgen ... Seraphin: ... und wir haben in jedem Stück auch einen kurzen „Was bisher geschah“- Block – wie bei Netflix- Serien. Bardutzky: Aber auch solche Infos sind vor allem für Insider interessant, wenn man die anderen beiden Abende schon gesehen hat. Zwingend ist das nicht.

Suchtgefahr besteht trotzdem – wie bei TV-Serienjunkies?
Seraphin: Hoffentlich. Bislang waren wir recht schnell ausverkauft. Das liegt aber auch am Spielort, an dem wir pro Show nur 40 Plätze haben. Wir spielen ja nicht im Theater, sondern vor Ort. Und dort müssen wir erst mal sehen, wie wir das Publikum gut unterbringen.

Die „Münchner Geschichten“ sind ja eine eher melancholische Serie. Trotzdem wird Dietl natürlich auch gern – vor allem wegen dem „Monaco Franze“ und wegen „Kir Royal“ – mit einer gewissen Münchner Heiterkeit und Leichtigkeit in Verbindung gebracht. War das eine Hürde oder eine Hilfe für Sie?
Bardutzky: Ich halte Dietl tatsächlich für sehr melancholisch. Und den Tscharlie halte ich manchmal überhaupt nicht aus. Was so faszinierend an diesen Serien ist, sind ihre Themen: Sie sind total Stadt-bezogen. Und sehr Stadt-kritisch. In der ersten „Münchner Geschichten“- Folge geht’s gleich um Gentrifizierung. Ein Haus wird abgerissen. Leute demonstrieren dagegen. Es geht oft auch um Zivilcourage und die Frage, wo will ich mit wem leben?

Tscharlie muss bei seiner Oma leben. Einige Studenten werden das auch heute noch kennen.
Bardutzky: Na klar. Und gleichzeitig auch sein Schickeria-Gehabe – das Sotun-als-hätte-man-was. Ich habe das Gefühl, dass die Themen in München seitdem die gleichen geblieben sind. Das hat uns wahnsinnig fasziniert, als die Idee erstmalig aufkam.
Seraphin: Wir benutzen die Dietl-Serie auch gerne als Reibung. Beim Schreiben konnte ich mich immer wieder fragen: Wo gehe ich denn heute noch mit? Welche Figur finde ich weiterhin interessant? Kann man mit dem Tscharlie etwas anfangen oder stößt er mich eher ab? Es gibt für mich sowohl Parallelen als auch totale Gegenbilder.

Wie äußert sich das konkret bei Ihnen?
Seraphin: Wie Frauen bei Dietl erzählt werden, ist für mich – nun ja – fragwürdig.

Entweder Therese Giehse als Oma, die ihm essen kocht. Oder seine verschiedenen Liebesinteressen.
Seraphin: Wobei die Oma super ist. Sie ist noch immer meine Lieblingsfigur.

Die politische Akzentverschiebung sieht man ja schon in Ihrem Titel – mit den „Schichten“ statt „Geschichten“. Mit welchen Schichten muss man sich denn in Ihren Stücken auseinandersetzen – hier die Grünwalder Oberschicht, dort die Giesinger Fußballfans?
Seraphin: Der Witz der Idee, dass einzelne Figuren mitgehen, liegt doch darin, dass man verschiedene gesellschaftliche Bereiche kennenlernt. Es ist bei uns nie so eindeutig, dass sich eine Figur bei uns nur an einem Ort aufhält. Eine Figur, die ich mitgenommen habe, lernen wir in der ersten Folge als Geflohene in einem Schreib-Workshop kennen. Bei mir steckt sie nun in einer linken Untergrund-Zelle. Was man erzählt, hängt bei uns auch immer davon ab, auf welcher Position man steht.

Man sagt ja immer, das Theater wäre das große Als-ob. Ist denn München aus Ihrer Sicht auch eine Stadt, die gewöhnliche Menschen zum Spielen und zum Sich-Verstellen zwingt?
Bardutzky: Das kommt darauf an, in welcher Schicht man sich bewegt.

Hochstapler gibt’s einige.
Bardutzky: In der ersten Folge ging’s um eine Casting-Show. Da ging es um Menschen, die versucht haben, sich als die perfekten Münchner auszugeben. Die Frage nach der Möglichkeit, die Verhältnisse zu ändern, ist ein Thema, das immer bei uns da ist.

In der von Ihnen, Frau Seraphin, geschriebenen neuen Folge, wird das ja ganz handfest. Es soll ja auch um die Frage gehen, wie man sich widersetzen kann und wie weit es so etwas wie linken Widerstand in der Stadt gibt. Hat das besonders Spaß gemacht zu schreiben oder war das eher hoffnungsvoll?
Seraphin: Na klar war das ein Vergnügen. Ich konnte mich mit Traditionen in der Stadt auseinandersetzen, die ich zunächst sogar gar nicht selbst kannte und die doch so präsent sind. Mich hat fasziniert zu sehen, was es für linke Traditionen in der Stadt gibt und wie man an sie anknüpfen und sie verwertbar machen kann. Dabei bin ich auf Sachen wie „Freizeit 81“ gestoßen.

Die legendäre, etwas kurzlebige linksalternative Aktionsgruppe, die sich der Verschmelzung von Kampf, Kunst, Punk und Politik, aber auch Hausbe - setzungen, Graffiti-Aktion oder etwa das Einschlagen von Bank-Schaufenstern auf die Fahnen geschrieben hatte.
Seraphin: Das war die einzige sogenannte terroristische Vereinigung ohne menschliche Opfer. Hat viel Spaß gemacht, sich mit ihr zu beschäftigen.

Spiegelt das manchmal die Sorge wieder, dass man der Stadt solche Bewegungen gar nicht zutraut? Auf den ersten Blick wirkt München nicht so rebellisch.
Seraphin: Ich bin jetzt zehn Jahre in München. Das war auch der Anlass, mit an der Serie zu schreiben und für mich ernst zu nehmen, was es bedeutet, in so einer Stadt zu leben. Klar, gibt es das oberflächliche Bild von München, das alles angeblich nur Schickeria ist. Aber nichtsdestotrotz leben hier über 1,5 Millionen Menschen – in den unterschiedlichsten sozialen und wirtschaftlichen Verbindungen. Mein Stück ist vielleicht nicht das prominenteste über die Stadt. Aber ich habe es an einem genuinen Interesse für solche Bewegungen geschrieben. Es geht mir auch darum, Mut-machende oder stärkende Geschichten zu erzählen und nicht die ganze Zeit Dinge zu kritisieren, die wir alle auf jeden Fall blöd finden. Ich wollte mal eine Alternative besprechen.

Ihr Stück ist ja an einem Doppelabend mit einem anderen Text zusammengespannt, der etwas Alltags - bedrohliches schildert – wenn man sich seine eigene Wohnung nicht mehr leisten kann.
Bardutzky: Natürlich ist die Immobiliensituation eines der brennenden Themen der Stadt. Seraphin: Treffen sich zwei Münchner, die nicht wissen, worüber sie reden sollen, dann sprechen sie über die Mieten.

Der Ort, den Sie für die beiden neuen Stücke gewählt haben, ist dann tatsächlich kongenial. Sie spielen in einem Stiegenhaus im Westend.
Bardutzky: Es ist ein sehr altes, sehr bayerisches Haus. Eigentlich kenne ich solche Gebäude vom Land oder von den Kleinstädten rund um München. Viel Holz – in einem alten knarzigen Treppenhaus.

Wie macht man auf so einer Bühne ganz praktisch Theater?
Seraphin: Das Publikum sitzt auf der Treppe. Jeder bekommt zwei Treppenstufen.
Bardutzky: Natürlich bedeutet das, dass man stark über das Hören ins Nachdenken kommt. Am Anfang fand ich das selbst schwierig. Aber nach den ersten Sprechproben mit den Schauspielern stand fest: Es ergibt sich der Effekt, den man kennt, wenn man selbst in einem Haus mit vielen Nachbarn wohnt. Man hört im Stiegenhaus plötzlich oben jemanden. Und dann will man unbedingt herausfinden – worüber? Die Schauspieler laufen viel rauf und runter. Wahrscheinlich wird ein Drittel der Zuschauer zunächst nichts sehen, dafür dann aber wieder später. Wir versuchen die Stücke immer grundsätzlich als Hörspiele zu denken. Aber es wird schon sehr spannend, wenn man versucht mitzubekommen, was gerade einen Stock darüber passiert.

Was passiert jetzt eigentlich, wenn bei entsprechendem Erfolg doch noch das Fernsehen für eine Serie anruft? Lieber schnell auflegen, schreiben und weiter Theater machen?
Bardutzky: (lacht) Wir reden natürlich mit dem Fernsehen.
Seraphin: Warum nicht? Einfach mal anhören, was die Leute vorschlagen.

Interview: Rupert Sommer

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