1. Startseite
  2. Theater

Tänzer und Choreograf Patrick Williams Seebacher: „So viel mehr als Hip-Hop“

Erstellt:

Von: Andreas Platz

Fand über seine Türsteher-Dad den Weg in die Nacht: Patrick Williams Seebacher
Fand über seine Türsteher-Dad den Weg in die Nacht: Patrick Williams Seebacher © Privat

Urban-Dance-Workshop: Von Patrick Williams Seebacher lernt man nicht nur coole Moves, um in den Clubs alle Blicke auf sich zu ziehen. Sondern Haltung!

Herr Williams Seebacher, Sie sind ja auf vielen Bühnen präsent und arbeiten mit den großen Namen der Tanz- und Choreografen-Szene zusammen. Was hat Sie bei einem vermutlich gut gefüllten Terminkalender gereizt, einen Workshop bei der Tanzwerkstatt Europa anzubieten?
Termine wurden abgesagt oder verschoben, sodass ich froh war, die Zeit für einen Workshop bei der TANZWERKSTATT EUROPA zu finden. Die Zeiten ändern sich und so auch die Zeiten für unsere Kultur. Damit meine ich auch die Einstellung, dass Urbaner Tanz nicht Teil einer „höheren“ Tanzkultur sein kann, die Einstellung, dass er weniger wert ist, dass Hip-Hop nur für die Straße und die Abtrünnigen ist. Mit meinem Workshop trage ich meinen Teil dazu bei, dieses falsche Bild zu polieren und den Urbanen Tanz in seinem eigentlichen Glanz erscheinen zu lassen.

Bei Urban Dance denkt man spontan an Hip-Hop oder vielleicht auch noch an Breakdance: Wie muss man sich das genau vorstellen?
Urbaner Tanz ist so viel mehr als nur Hip-Hop und Breakdance bzw. B-Boying. Inzwischen lassen sich unglaublich viele verschiedene Stile und Sub-Stile unter dieser Terminologie zusammenfassen: Vom Popping über House bis hin zu Krump und so viele mehr. Was Vielen noch nicht bewusst ist, ist, dass wir damit nur an der Oberfläche kratzen, wenn es um die Möglichkeiten und die Vielseitigkeit von Urbanem Tanzen geht. Um meinen Style ansatzweise zu beschreiben, wäre IDF (Illusionary Dance Forms) die beste Terminologie. Das sind Tanzformen, die illusionäre Effekte erzeugen.

An wen richtet sich der Workshop eigentlich genau, können da prinzipiell auch Tanz-Laien kommen?
Wer Tanz und Bewegung liebt, ist in der Lage etwas zu lernen. Im Tanz geht es nicht immer darum, der Beste zu sein - manchmal hat der Spaß Vorrang. Mein Kurs ist auf Entwicklung, Verständnis und Anwendung ausgerichtet. Deswegen haben wir das Level etwas höher, und zwar für Fortgeschrittene, angesetzt. Wer die Herausforderung aber nicht scheut, ist herzlich willkommen.

Was empfehlen Sie: Wie fit muss man sein?
Ein Körpergefühl sollte schon mitgebracht werden. Damit meine ich gar nicht, dass man unglaublich gelenkig oder fit sein muss. Die Übungen und Anwendungen sind teilweise etwas kompliziert; wenn man dann anfängt zu viel nachzudenken, verliert man gegen sich selbst. Manchmal ist es besser, den Kopf in den „Eco Mode“ zu schalten und den Körper einfach mal übernehmen zu lassen.

Zuletzt war das öffentliche Auftreten ja lange nicht so einfach. Wie wichtig ist auch für Sie persönlich der Rückenwind, der jetzt wieder von so einem Festival und von der Begegnung mit den vielen Kollegen und Fans ausgeht?
Auf diese Frage möchte ich gar nicht zu sehr eingehen. Ich bin der Meinung, wir schleppen alle unsere Vergangenheit mit, aber wir müssen im Jetzt leben und der Zukunft begegnen. Deswegen: Immer das Beste aus dem machen, was kommt.

Hand aufs Herz: Wie wichtig ist auch für einen Profi eine Reihe wie die Tanzwerkstatt Europa, um sich neu inspirieren und möglicherweise künstlerisch weiterbringen zu lassen?
An dieser Stelle würde ich gerne eine Gegenfrage an alle Profis stellen: Was macht jemanden überhaupt zum Profi? Über die letzten Jahre habe ich hauptsächlich mit Tänzern aus der Contemporary-Szene getanzt und mir ist aufgefallen, dass manche Tänzer, so unglaublich sie auch sein mögen, einfach auf der Stelle stehen bleiben und sich mit dem zufrieden geben, was sie haben, können oder tun. Für mich war es dagegen wichtig, immer etwas Neues zu erlernen. Auch wenn ich körperlich nicht auf dem gleichen Level bin wie jüngere Tänzer, habe ich mein Verständnis, meine Anwendung, meine Aufnahmefähigkeit und vieles andere geschärft und verbessert. Die Antwort auf die Frage hängt also davon ab, was man von sich selbst als Tänzer erwartet.

Der Name, unter dem Sie in der Szene bekannt sind, klingt ja doch ein wenig geheimnisvoll: TwoFace. Verraten Sie doch mal ein bisschen was von Ihrer dunklen Seite – oder wie muss man das verstehen?
Der Name TwoFace ist über die ersten Jahre meiner Karriere entstanden und war ein Teil meiner Wettkampf- bzw. Battle-Einstellung. Ich weiß natürlich, dass der Name oft negativ aufgefasst wird, aber das liegt in der Interpretation des Einzelnen. Mir hat es die Möglichkeit gegeben, auf der Tanzfläche in jede mir vorstellbare Rolle zu schlüpfen und diesen Charakter zu vertanzen bzw. tänzerisch auszuleben. Oft habe ich Personen kennengelernt, die meinten, dass ich zu verrückt und teilweise sogar angsteinflößend auf sie wirkte, als sie mich tanzen gesehen hat. Dann haben wir super angenehme und tiefe Gespräche geführt, die am Ende bestätigten, dass TwoFace irgendwie trotzdem passen kann. Auch im positiven Sinn!

Sie kommen ja ursprünglich aus München: Wie sehr beflügelt denn so etwas wie ein „Back to the Roots“-Geist?
Ich bin gespannt, wie es sein wird. Aber ich habe aus den Fehlern meiner Erwartungshaltung zu München gelernt. Ich will einfach etwas teilen, und je mehr Menschen das hilft und weiterbringt, desto schöner. Auch wenn es am Ende nur eine*r ist, die oder der sich wirklich für einen Teil der Urbanen Stile begeistert und mitreißen lässt, habe ich mein Ziel erreicht.

Bleibt denn rund um die Workshop-Arbeit für Sie noch Zeit, alte Lieblingsorte aufzusuchen – und wo genau wären die denn?
Ja, das muss sein! Ich würde gerne den Botanischen und den Englischen Garten besuchen und da einfach etwas Natur und ein langsameres Tempo als im Alltag genießen.

Von ihnen hört man im Rückblick ja Dinge, die vermutlich eher besorgten Eltern nicht ganz so gut gefallen hätten: Wie kam es denn, dass Sie schon sehr früh als Junge in Münchner Clubs tanzten – und das auch öffentlich?
Mein Vater war viele Jahre lang Türsteher in Münchner Clubs, und da ich damals keine Lust auf Zigaretten, Alkohol und Drogen hatte, habe ich Tanz zu meinem Konsumgut gemacht. Das hatte öfter den schönen Nebeneffekt, mit jemandem zusammentanzen zu können, wenn der Vibe gestimmt hat. Für mich wurde aber auch relativ schnell klar, dass ich ohne Tanz nicht kann und deswegen bin ich froh, dass alles so seinen Lauf genommen hat.

Und jetzt?
Inzwischen gehe ich nur noch selten in Clubs. Irgendwann gewinnt man eine gewisse Ruhe, was dazu führt, dass man Nachtclubs nicht mehr als zweiten Trainingsort sieht, sondern sie eher dafür nutzt, sich fallen zu lassen und die Musik zu genießen.

Trotzdem, vielleicht noch ein Ausgeh-Tipp: Mit welchen Moves zieht man todsicher alle Blicke auf sich, wovon raten Sie aktuell eher ab?
Tatsächlich hat sich über die Jahre vieles geändert. In meinen Augen ist das Feiern inzwischen etwas extrem geworden. Tanz hat leider nicht mehr den gleichen Stellenwert in den Clubs wie früher. Ich folge gerne dem Sprichwort „Go with the time or you are gone with some time“. Um aufzufallen, empfehle ich, genau das Gleiche zu machen, wie alle anderen oder das, womit man sich am wohlsten fühlt, jedoch langsamer zu tanzen als alle anderen. Damit strahlt man Ruhe und Selbstbewusstsein aus.

Interview: Rupert Sommer

Der Workshop mit Patrick Williams Seebacher „Urban Techniques and Styles“ findet von 2. bis 12. August in der Iwanson Schule in englischer Sprache statt. Die Anmeldung erfolgt online. Im Rahmen des international besetzten Workshop-Programms der Tanzwerkstatt Europa können Gäste aus der ganzen Welt Tanztechniken ausprobieren, Einblicke in künstlerische Arbeitsweisen erhalten und eigenes choreografisches Material entwickeln. Im gleichen Zeitraum präsentiert Joint Adventures außerdem aktuelle Arbeiten von Wegbereiter*innen des zeitgenössischen Tanzes, darunter Jonathan Burrows und Matteo Fargion, Frédérick Gravel, Joe Moran, Salma Salem und Marta Wołowiec, Isabelle Schad, Noé Soulier, Alexander Vantournhout und Louise Vanneste. Infos und Tickets unter www.jointadventures.net.

Auch interessant