Ortsgespräch

Kabarett-Chef Stefan Hanitzsch: „Angst ist nie hilfreich“

Stefan Hanitzsch von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft
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Will nach links und rechts austeilen: Stefan Hanitzsch

Zusammen mit Laila Nöth und Bruno Jonas führt Stefan Hanitzsch die ehrwürdige Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Am 16.1. geht’s wieder los – mit Hosea Ratschiller!

Herr Hanitzsch, zuletzt war ja rund um die ehrwürdige Lach & Schieß das eine oder andere Gerücht zu hören und zu lesen. Gut möglich, dass sich ein paar treue Fans bereits Sorgen gemacht hatten. Wie wichtig ist es nun, mit der Wiedereröffnung ein sehr erfreuliches Signal zu senden?
Die ganze Branche fragt sich, wie es weitergeht. Niemand versteht, warum ein Lokal ohne Bühne voll sein darf und eine Bühne mit Lokal, wie die Lach und Schieß, nur zu 25 Prozent. Das so zu betreiben, bringt nichts, da zahlen wir ordentlich drauf. Auf eine Wiedereröffnung unter „normalen“ Bedingungen hoffen wir für den Sommer. In der Zwischenzeit wollen wir natürlich ein digitales Angebot machen, das eigentlich niemand ablehnen kann. Einen Live-Stream zu einem vernünftigen Preis. Mal mit Bild, mal als 3D-Audio-Erlebnis.

Natürlich stecken die Bühnen – wie leider so viele Andere auch – noch immer mitten im Pandemiedurcheinander und oft auch in einer gewissen Hoffnungslosigkeit fest. Trotzdem: In Zeiten, in denen bedauerlicherweise mal wieder so wenig geht, machen Sie Mut – auch wenn’s erstmal nur mit angezogener Handbremse ist. Wie viel Kraft braucht man dafür?
Danke für die Blumen! Sowas macht wiederum uns Mut! Es ist eine schöne, spannende Aufgabe, die mir Freude und Kraft gibt. Die Förderungen von Bund, Land und Stadt helfen uns durch diese Zeit. Wir sind dankbar dafür und hoffen, dass sie bald ausgezahlt werden.

Manchmal kann man Krisen ja auch dafür umfunktionieren, sich ganz viele neue Gedanken zu machen. Können Sie noch mal kurz erklären, warum es hinter den Kulissen bei Ihnen zuletzt gerumpelt hatte?
Wir schauen nur nach vorne. Die Idee ist, die Lach und Schieß so aufzustellen, dass sie auf eigenen Beinen wirtschaftlich erfolgreich sein kann.

Wie ist die Lage nun: Was wird sich im Laden ändern, was soll unbedingt bleiben?
Was bleibt ist, dass im „Laden“ top-aktuelles Kabarett und witzige Kleinkunst mit Haltung und Anspruch zelebriert werden. Ändern soll sich, dass die Lach und Schieß vor sich hin knapst. Wir wollen die alten Geschäftszweige wieder aufleben lassen, sprich Veranstaltungen in größeren Häusern durchführen und an die TV-Tradition anknüpfen, die von Anfang an Teil der Geschichte der Lach und Schieß ist. Warum gab es in den vergangenen Jahren im Laden keine TV-Sendung mehr?

Sie führen das Haus ja in einem Kollektiv: Wie sehen eigentlich die Aufgabenaufteilungen genau aus?
Mein Team und ich sind für das Geschäft zuständig mit allem, was dazugehört, Booking, etc. pp. Laila Nöth und Bruno Jonas tragen als Mit-Gesellschafter mit mir gemeinsam die unternehmerische Verantwortung. Bruno Jonas als Urgestein der Lach und Schieß wird im „Laden“ auftreten und auch als Autor tätig sein. Wir sind alle drei im engen Austausch.

Welche neuen Schwerpunkte wollen Sie setzen?
Ich möchte gerne Klaus Peter Schreiner [Anm. D. Red.: Neben Hildebrandt der wichtigste Autor der goldenen Jahre] zitieren: „Von beiden Seiten will man uns baldmöglichst an den Kragen. Drum ist der Endzweck unsres Tuns, nach links u n d rechts zu schlagen.“ („Die Zeit spielt mit“, Kindler). Mein Eindruck ist, dass manche Nummer zu sehr auf alte Feindbilder schielt und auf die üblichen Verdächtigen drischt. Die Kleinkunst hat die Aufgabe, Extremisten und Mächtige a l l e r Couleur zu stören und auch das Publikum zum Nachdenken anzuregen. Da bleibt links wie rechts kein Auge trocken. Das Einzige, das es bei uns nicht geben wird, ist Kollegenschelte auf der Bühne. Gelästert wird, wenn es denn unbedingt sein muss, hinter vorgehaltener Hand.

Die Themen für politisches Kabarett brennen ja fast auf den Nägeln: Das müssten doch zumindest inhaltlich großartige Zeiten sein, oder lähmt das Geschehen auch die Kreativität?
An Themen mangelt es nicht. Immerhin geht die Welt wieder einmal unter - sagt sogar Yuval Noah Harari -, falls wir uns nicht alle vorher in rasend empathische Robotermenschen verwandeln. Die verdrahtete chinesische Sau mit Chip im Hirn lebt uns das vor. Oder war das Elon Musk? Manchmal verschwimmt der Wahnsinn auf eine raffinierte Weise. Das bietet genug Stoff. Man braucht halt immer den Mut, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Angst ist wiederum nie hilfreich.

Wie steht es denn überhaupt um die Kollegen: Wie schwer ist es, als Veranstalter aktuell Künstlerseelen zu massieren und vielleicht ein wenig angekratzte Egos wieder aufzurichten?
Wir können leider auch nicht ändern, dass sich viele Menschen komplett abschotten von der Realität, in der die große Mehrheit in diesem Land lebt. Da hat der Info-Krieg von Putin und Co. ganze Arbeit geleistet… Wir können in der Zwischenzeit ein digitales Angebot machen, das die Künstler auch sehr gern annehmen. Am Sonntag, 16. Januar, kommt Hosea Ratschiller, Ende Januar spielen dann Faltsch Wagoni bei uns. Auf beides freue ich mich sehr. Möglichkeiten zum Spielen zu bieten, ist, glaube ich, die beste Künstlerseelenmassage.”

Trotz aller Widrigkeiten: Worauf freuen sie sich für den Neustart und fürs noch immer neue Jahr am stärksten?
Am meisten freue ich mich auf die Heim-Premiere unseres Ensembles mit dem großartigen Stück „Aufgestaut“, brillant geschrieben und gespielt von Christl Sittenauer, Sebastian Fritz und Frank Klötgen. Die sind alle drei für sich eine Wucht, entwickeln dann als Trio aber eine unglaubliche Energie. Das Stück wird immer besser, je öfter man es sieht. Leider musste es immer wieder verschoben werden. Da hat sich auch viel Frust bei den Künstlern aufgestaut. Die werden unglaublich Gas geben im Februar. Auch diese Veranstaltung streamen wir live.

Letzte Frage: Besucher des Ladens platzen ja immer vor Neugierde. Was macht eigentlich für Sie ganz konkret Ihren Lieblingsort im Lokal aus, von dem Sie selbst immer wieder das Treiben beobachten?
Mein Lieblingsort ist die „Loge“ ganz hinten, wo früher die Bar war. Von da ist das ganze kleine, aber feine Lokal zu sehen, und der Platz atmet auch die Geschichte des Ortes. Da saß schon der Georg Kreisler und hat Sammy und Dieter ins Gewissen geredet, dass sie weniger Klamotten spielen sollen und mehr Aufklärung betreiben. Übrigens, den 95. Geburtstag von Dieter Hildebrandt und den 100. von Georg Kreisler feiern wir heuer im Laden.

Interview: Rupert Sommer

Tickets für den Stream-Auftritt von Hosea Ratschiller und natürlich alle Infos zum Programm in der Lach- und Schießgesellschaft gibt’s hier: www.lachundschiess.de

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