Ortsgespräch

Schauspielerin Maral Keshavarz: „Ich habe Kühe schreien gehört“

Schauspielerin Maral Keshavarz
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Freut sich auf den Frühling und Sommer in München: Maral Keshavarz

Immer im Rampenlicht: Maral Keshavarz hat sich in kürzester Zeit zum Star im Volkstheater-Ensemble entwickelt. Dabei lernt sie München gerade erst so richtig kennen.

Frau Keshavarz, Sie sind ja frisch am Volkstheater. Das Theatergebäude am Schlachthof ist selbst niegelnagelneu. Das könnte die perfekte Aufbruchstimmung sein – wenn nicht Corona zuletzt immer wieder gebremst hätte. Wie fühlt sich der Rückenwind durch so eine Art doppelten Neuanfang an?
Das ist schon eine sehr interessante Zeit. Ich habe die Schauspielschule im Oktober 2020 absolviert. Schon damals war die Pandemie an der Tagesordnung. Und wir wussten zunächst gar nicht, ob wir den Abschluss überhaupt machen können. Ich wurde dann nach München eingeladen und ich habe auch noch im alten Haus vorgesprochen. Dann wurde ich genommen – und kam im Sommer vergangenen Jahres hier an. Plötzlich hatte ich das komplett neue Gebäude vor mir. Wow! Natürlich fühlte sich das großartig an, vor allem, als dann auch alles irgendwie rechtzeitig fertig wurde. Das war total schön, und wir haben gleich mit dem Spielen angefangen.

Stimmt, Sie kamen gleich in der Eröffnungswoche dran.
Meine erste Produktion war ein Stück über das Schlachten an sich und den Fleischkonsum.

Heftiger Stoff.
Stimmt schon. Ich kam im Schlachthofviertel an – und habe Kühe schreien gehört. Und die vielen Metzgereien gesehen. Das war eine spannende Überraschung, aber auch ein komisches Gefühl. Ich kam ja direkt aus Berlin und kannte München noch gar nicht. Plötzlich war es eine neue Stadt. Und ein neues Haus. Als es losging, herrschte eine tolle Atmosphäre. Von Corona war da gar nicht die Rede. Ich konnte einfach ohne Maske alle Stücke ansehen. Und wir hatten die Premiere vor vollem Haus. Wie schön! Erst danach kamen die vielen Einschränkungen, die jetzt zum Glück wieder nach und nach gelockert werden.

Endlich.
Dann kam es aber auch zu den ersten Coronafällen im Ensemble. Wir waren eigentlich immer gut besucht. Aber zuletzt mussten viele Stücke krankheitsbedingt ausfallen oder umdisponiert werden. Mein Stück „Über Menschen“ hätte eigentlich seine Premiere im Dezember gehabt. Wir hatten die dann aber verschoben, weil wir vor einem vollen Haus spielen wollten. Dann kam die Information, dass es länger dauern kann. Also haben wir das Stück dann doch rausgebracht. Und schon steckte ich ab Februar wieder in der Endprobenphase für meine dritten Produktion – „Animal Farm“. Aber auch da gab’s dann zwei Corona-Fälle. Wir sind immer froh, wenn wir das, was wir erarbeitet haben, auch wirklich mal spielen können.

Ganz schöner Nervenkitzel.
Manchmal schon. Aber die Lage ist für mich natürlich nicht super neu, weil ich diese ständige Anspannung schon während meiner Schauspielschulzeit mitbekommen habe. Doch jetzt erlebe ich ein Gefühl des Unklaren tagtäglich. Natürlich ist so etwas energieraubend.

Man kann ja Ihre Kunst auch nicht auf Knopfdruck abrufen. Woher schöpfen sie die Kraft, sich trotzdem bereit und die Anspannung im Wirbel aufrecht zu halten?
Das ist nicht immer einfach. Als ich nach der länger verschobenen „Über Menschen“-Premiere gleich mit den Proben für meine neue größere Produktion angefangen hatte, musste ich mich im Kopf recht rasch von einem Team auf ein neues und von einem Thema auf das nächste umstellen. Dabei habe ich die Woche über noch jeden Abend von dem anderen Stück geträumt. Aber so etwas geht schon, das gehört zu meinem Beruf. Auch mit der Premiere ist die Arbeit mit einem Stück ja nicht zu Ende. Dann geht die Reise ja erst los.

Wenn Sie noch mal auf die Arbeit an „Über Menschen“ blicken: Den Stoff kennen die meisten ja vermutlich als Roman von Juli Zeh. Wie viel haben Sie als Hauptdarstellerin vom Prozess mitgekriegt, wie in der gemeinsamen Arbeit aus einem Buch ein Theaterstück wurde. Oder hat Ihnen Ihr Regisseur, der Intendant Christian Stückl, Ihren Part sozusagen fertig vorgesetzt?
Wir haben natürlich alle erstmal den Roman gelesen. Der ist ja Prosa, es gibt kaum szenische Schwerpunkte. Natürlich gibt es Dialoge, die wir eins zu eins aufgenommen haben. Aber viele Gespräche auf der Bühne mussten erst aus dem Erzählten herausgeschrieben werden – etwa die Auseinandersetzung meiner Figur Dora mit ihrem Exfreund Robert. Natürlich haben wir das zusammen gemacht und dafür auch Vorschläge eingebracht. Immer wieder hieß es: Lass uns mal die Rolle rausnehmen und der anderen Rolle ihren Text geben. Ich finde, Christian Stückl ist die Fassung sehr gut gelungen. Und das Arbeiten daran war höchst interessant. Es mag schon sein, dass einigen Zuschauern der eine oder andere Aspekt fehlt, der im Buch sehr präsent ist. Aber wir haben uns das nicht leicht gemacht.

Es war aber nicht tabu, sich schon vor der Arbeit am Stück den Roman privat genau vorzunehmen? Manchmal heißt es ja, dass sonst die Gefahr bestünde, dass im Kopf feste Bilder entstehen – und die vielleicht dem im Wege stehen, was bei so einer Stückentwicklung herauskommt.
Nein, nein. Natürlich musste man das Buch gut kennen. Das ist ja auch wichtig für die Sachen, die man nicht spielt. Das ist auch bei anderen Stücken so: Selbst die Szenen, die man in den Proben herausstreicht, sind ja trotzdem Futter für deine Figur.

Vielleicht ein bisschen ein gewagter Vergleich: Aber Sie haben ja auch – wie Dora in „Über Menschen“ – so eine Art Aufbruch, einen Ortswechsel weg von Berlin hinter sich. Passte für Sie so ein Stück vielleicht sogar ganz gut, selbst wenn München hoffentlich nicht so ist wie Brandenburg?
Auf jeden Fall. Es ist nicht gerade optimal, mitten in der Pandemie die Stadt zu wechseln. Wie lernt man Menschen kennen? Indem man ausgeht und sich irgendwo trifft! Aber das war ja oft fast ausgeschlossen. Und ich bin schon auch sehr oft im Theater. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen verstehe ich mich sehr gut. Sie sind auch alle jung. Und sehr dynamisch. Wir kommen bestens miteinander klar. Aber klar, der Wechsel nach München hat auch was mit Vorurteilen zu tun. Mit welchen Vorerwartungen kommt man in eine neue Gegend? Das sind auch Fragen, die sich Dora stellt. Es sind diese Klischee-Bilder, die auch ich im Kopf habe. Von Berlin nach Bayern zu kommen, war auch für mich innerlich erst mal eine Reise – und ein Überprüfen meiner Vorurteile.

Aber Sie haben’s noch nicht bereut, oder?
Auf keinen Fall! Aber ich bereue, dass ich gerade wenig Zeit habe, München richtig kennenzulernen. Klar, man geht viel spazieren und auch ins Kino oder ins Museum. Aber ich freue mich auf den Frühling und den Sommer in der Stadt. Da kann man viel mehr mitnehmen.

Wie Sie ja sagen, ist das Ensemble jung und hat sich in weiten Teilen jetzt auch nochmal neu formiert. In einer idealen Welt würden Sie doch jetzt gemeinsam wild um die Häuser ziehen, wenn das der Probenplan zulässt, oder nicht?
Na klar. Private Freundschaften gibt es natürlich. Wir treffen uns als Ensemble, aber meist im Theater. Und dann reden wir über Theater-Themen. Je nachdem mit wem ich in einer Produktion zusammen arbeite, lerne ich die Leute nach und nach menschlich näher kennen. Das betrifft auch die Kollegen aus der Regie oder der Dramaturgie.

Wie sieht denn der Moment aus, wenn Sie abends nach Hause gehen und sich sagen: Jetzt möchte ich mal einfach gar nicht mehr ans Theater denken?
So ein Abstand ist mir sehr wichtig. In Berlin wohnen meine Familie und meine Freunde, die gar nichts mit Schauspiel zu tun haben. In München treffe ich gerade fast nur Theaterleute. Deswegen rede ich sehr oft am Tag über Schauspiel. Aber natürlich brauche ich auch mal was anderes. Sonst bewege ich mich nur in meiner Bubble.

Was ist dann konkret das krasseste Gegenteil von Theater, mit dem Sie sich privat beschäftigen?
Ich mache Yoga. Und ich gehe spazieren. Und ich schaue auch wahnsinnig gern Filme. Aber das hat auch wieder viel mit Schauspiel und dieser Welt zu tun.

Dann haben Sie doch noch nicht alles verraten. Nicht etwa: Zur Entspannung den Nachbarn bei der Steuererklärung helfen? Oder endlich mal was richtig Unkreatives?
Gute Idee. Aber damit kann ich nicht aufwarten.

Auf der Online-Visitenkarte, die Ihre Künstleragentur für Sie führt, stehen irre Dinge. Es ist ja toll, was Schauspieler noch so lernen, was Normalmenschen nie hinbekommen würden – Fechten oder höfische Tänze etwa. Bei Ihnen steht sogar: Jodeln. Wie gut kann man das in München brauchen?
Es war ein Angebot von der Schule. Wir hatten einen Jodel-Workshop. Und der hat mir großen Spaß gemacht. Es ist im Grunde wie Singen. Und das Jodeln verstärkt auch die Fähigkeit zu sprechen, zu singen und zu atmen. Über ein paar Monate hinweg kam ich eben einmal die Woche ein bisschen zum Jodeln. Wenn ich noch mal üben würde, könnte ich das sicher gut hinbekommen. Es gibt schon Fälle, wo man auf der Bühne jodeln soll. Oder fechten muss.

Es ist aber nicht so, dass Sie sich durch Jodeln schon bemerkbar machen, wenn Sie auf dem Weg ins Theater die Tumblingerstraße hochkommen?
Das wäre schön!

Christian Stückl würde vielleicht mitjodeln.
Aber sicher! Ich würde es lieben.

Interview: Rupert Sommer