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Sara Mack und Simone Schulte-Aladag: „Mut machen, um wieder miteinander in Kontakt zu kommen“

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Von: Andreas Platz

Simone Schulte-Aladag und Sara Mack
Setzen sich für starke Stücke ein: Simone Schulte-Aladag und Sara Mack © Jean-Marc Turmes / Privat

Sara Mack und Simone Schulte-Aladag weiten mit den Bühnen-Festivals „Grenzgänger“ und „Think Big“ den Horizont. Worauf man sich freuen darf.

Frau Mack, das „Grenzgänger“-Festival hatte schon immer Türen geöffnet, neue Perspektiven ermöglicht und Theatermacher sowie Publikum auf ganz spezielle Weise zusammengebracht und beim gemeinsamen Erlebnis eingebunden. Nach oft so langen Monaten der Isolation: Wie wichtig ist diese fast schon therapeutische Funktion Ihres Festivals in diesen Tagen?
Sara Mack: Echte Begegnung von Menschen ist durch nichts zu ersetzen, das haben die letzten beiden Jahre gezeigt. Das gilt nicht nur für uns als Zuschauer, sondern auch für unsere Künstler*innen. Sie alle kommen nach München, um ihre Kunst hier zu zeigen, um sie mit dem Publikum zu teilen, sich auszutauschen und gegenseitig zu inspirieren. Dafür bietet das inklusive Theaterfestival Grenzgänger an zehn Tagen einen wunderbaren und ja, ich würde auch sagen, „empowernden“ Rahmen.

Unter Pandemie-Bedingungen, aber auch mit den neuen Krisen und des schlimmen Kriegs im Osten Europas: Wie schwer war es aktuell, so ein umfangreiches, buntes neues Programm zusammenzustellen?
Sara Mack: Einerseits fällt es tatsächlich nicht schwer, da in den vergangenen zwei Jahren so viele Veranstaltungen aufgeschoben wurden, dass alle darauf warten, endlich wieder auftreten zu können. Andererseits führt die aktuelle Lage in besonderem Maße dazu, gesetzte Standards und Prioritäten immer wieder kritisch zu hinterfragen. Das ist oft durchaus fordernd, führt aber zu einer Sensibilisierung, die wir im Umgang mit den aktuellen Herausforderungen sicherlich benötigen. Zum Glück bieten dafür gerade auch die künstlerischen Positionen bei Grenzgänger eine Fülle an wertvollen Impulsen.

Frau Schulte-Aladag, den Wunsch, die Dinge „groß zu denken“ trägt auch Ihr Festival „Think Big“ ja schon immer im Titel. Wie sehr ist das in extrem angespannten Zeiten wie diesen tatsächlich Anspruch, Herausforderung, aber auch ein sehr optimistisches, zukunftsfrohes Versprechen?
Simone Schulte-Aladag: Nach einer sehr kleinen Pandemieausgabe unseres Festivals im vergangenen Jahr, bin ich sehr froh, dass diese 9. Festivalausgabe tatsächlich wieder eine ansehnliche Größe umfasst: wir zeigen 22 Vorstellungen von 10 Kompagnien/Künstler*innen aus 6 Ländern und bieten einige Workshops und Begegnungsformate an. Viele Kinder, insbesondere die im Grundschulalter, werden vielleicht das erste Mal mit ihren Familien oder mit der Schule ins Theater gehen. Unser Festival will zu Begegnung, Erfahrung und Lebensfreude beitragen. Durch eine zusätzliche Förderung des Bundes aus dem Hilfsprogramm Neustart Kultur können wir einiges auffangen und uns darauf konzentrieren, die Kunstform Tanz für junges Publikum in München insbesondere auch für Kinder und Jugendliche erlebbar zu machen, die bisher kaum in Kontakt mit Kulturangeboten kommen.

Die Offenheit war immer schon einer der Grundkonstanten von „Think Big“: Wie sehr wirkt da auch noch die Hoffnung auf eine neue Art von Solidar-Geist unter Künstlern und Kulturschaffenden in Zeiten, in denen Spielen und Auftreten oft so schwierig war, positiv nach?
Simone Schulte-Aladag: In der Zeit des Lockdowns und in den Folgemonaten haben sich viele Diskurse entwickelt und die Kunstschaffenden haben sich vielen Themen gestellt, vieles wurde kritisch hinterfragt. Dieser Prozess dauert auch noch an und es führt sicherlich zu einer neuen viel aktiveren Szene. Die Stellung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft und das Arbeiten von Kunstschaffenden unter fairen Bedingungen sind hier nur einige der wichtigsten Topics.

Sie müssen ja überparteiisch, fair und weise bleiben: Aber Hand aufs Herz, auf welche Gastspiele oder Kooperationen freuen Sie sich ganz besonders?
Sara Mack: Tja, wenn ich das sagen könnte! Aber das ist bei einem so vielfältigen und wieder einzigartigen Programm zum 10. Jubiläum wirklich unmöglich. Ganz besonders freut mich aber schon, dass wir mittlerweile auf so viele und starke Kooperationspartner in der Stadt bauen können, darunter die Münchner Kammerspiele, das Volkstheater, Kulturzentrum Luise, Münchner Stadtmuseum und Gasteig. Das I-Tüpfelchen ist dann vielleicht doch die „Grenzgänger-Botschaft“ im Rathaus, im Herzen der Stadt und in der Mitte der Gesellschaft, wo das Thema Inklusion auch hingehört.

Grenzüberschreitungen, die Spaß machen: Wie kriegt man so viel Freude und Aufbruchsgeist in Ihr aktuelles Programm und wie haben Sie die Beiträge ausgewählt?
Simone Schulte-Aladag: Andrea Gronemeyer und ich achten bei der Programmierung auf hohe Qualität der Produktionen und auf vielfältige ästhetische Handschriften. Nachhaltig mit Künstler*innen zusammen zu arbeiten und immer einen Blick in die Nachbarländer zu werfen, ist uns auch sehr wichtig. So sind immer wieder mal neue Stücke von Compagnien dabei, die wir schon einmal in München gezeigt haben. Dieses Mal ist es die niederländische Gruppe The100Hands, die mit einem sehr physischen Tanzparcours in Grundschulen performt und die Schweizer Choreographin Tabea Martin mit einer Performance über die Macht der Vorurteile. Neue Stücke mit kraftvollem Tanz zu Themen wie Ausgrenzung, Identität und Aufbegehren für ein jugendliches und jung gebliebenes Publikum sind gerade in diesen Zeiten sehr wichtig, um Mut zu machen und um wieder miteinander in Kontakt zu kommen. Aber auch spielerische und sehr musikalische Stücke für Familien und ihre ganz kleinen Kinder sind dieses Mal mit dabei. Und vier Münchner Künstlerinnen zeigen eine Performance mit Street Dance und Live Musik auf dem Max-Joseph-Platz und laden Passanten ein, den öffentlichen Platz einmal anders zu erleben.

Die Freude von Künstlern und Veranstaltern, jetzt endlich wieder auftreten und planen zu können, ist stark spürbar: Wie knifflig ist es allerdings, überhaupt noch freie Termine zu finden und Publikum, das oft vor der Qual der Wahl steht, auch tatsächlich zu erreichen?
Sara Mack: Ganz ehrlich: Wir alle dürfen uns auf einen sensationellen und fulminanten Kultursommer in München freuen! Und was für ein schöner Umstand, wenn das Publikum einfach nur entscheiden muss, welche der tollen Veranstaltungen es als erstes besuchen möchte. Als Veranstalter*innen haben wir alle ja das gleiche Ziel, nämlich Kunst und Kultur möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Und da wir hier wunderbar kollegial zusammenarbeiten, wird uns das auch gelingen. Genießen Sie es!

Simone Schulte-Aladag: Die freie Performanceszene Münchens hat bereits ohne den pandemiebedingten Stau ein riesiges Problem, da Räume für Proben, Produktion und für Vorstellungen fehlen. Das hat sich jetzt natürlich noch verstärkt: leider konnten wir in diesem Jahr auch nicht in die Spielorte Muffathalle und HochX. Die Schauburg und das Schwere Reiter sind nun unsere zentralen Spielorte. Ich sehe momentan wieder ein wachsendes Interesse des Publikums an Theaterbesuchen, wobei wahrscheinlich viele die Entscheidung spontaner treffen und sich nicht festlegen möchten. Von den Lehrkräften wissen wir, dass sie sehr froh sind, mit ihren Kindern wieder ins Theater gehen zu können. Der Zeitpunkt des Festivals im Juli, kurz vor den Sommerferien ist daher günstig. Fokus Tanz bietet auch maßgeschneiderte Workshops für Schüler*innen und Lehrkräfte an. Wir haben ja viele Vormittagsvorstellungen für Schulen im Programm und können uns also auf volle Besetzung und ein sehr lebendiges Publikum freuen.

Zeitlich überschneidet sich „Think Big“ diesmal in Teilen unter anderem mit der „Grenzgänger“-Reihe. In „normaleren“ Zeiten wäre das ja ein planerischer Albtraum gewesen. Inwiefern kann das aber jetzt durchaus reizvoll sein, wenn sich spannende Überscheidungen ergeben?
Simone Schulte-Aladag: Das Gute an diesen Ausnahmeerfahrungen der letzten Jahre ist der gelebte Pragmatismus. Man versucht einfach das Beste aus der Situation zu machen. Wir haben in der Vorbereitungsphase auch mit dem Grenzgängerfestivalteam Gespräche über Kooperationen geführt und hatten gemeinsam einige schöne Ideen zu einer programmatischen Verbindung. Dies ist dann aber leider an der Logistik gescheitert. Und nun gibt es eben Anfang Juli eine große Auswahl von Stücken für ein diverses Publikum, was sicherlich zu mehr Sichtbarkeit von zeitgenössischem Tanz und Performance beiträgt und was eine Großstadt wie München durchaus vertragen kann.

Interview: Rupert Sommer

Das „Grenzgänger“-Festival, bei dem Sara Mack an der Programmgestaltung arbeitete, findet vom 1. bis zum 10. Juli an diversen Spielorten statt. Alle Stücke und Termine: www.grenzgaenger-theater.de . Das „Think Big“-Festival, das internationale Tanz-, Musiktheater- und Performance-Festival für junges Publikum, bei dem Schauburg-Intendantin Anke Gronemeyer und Simone Schulte-Aladag künstlerische Leiterinnen sind, spielt vom 4. bis 13. Juli ebenfalls an verschiedenen Orte. Alle Infos dazu gibt’s hier: www.thinkbigfestival.de

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