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Schauburg-Intendantin Andrea Gronemeyer: „Aus Krisen etwas Neues und Besseres“

Schauburg-Intendantin Andrea Gronemeyer
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Schauburg-Intendantin Andrea Gronemeyer

Fechten wie König Artus: Diese Energie steckt auch in der Schauburg-Intendantin: Am Samstag und Sonntag 19. und 20. September stellt Andrea Gronemeyer und ihr Team zwischen 10 Uhr und 18 Uhr das Programm der Spielzeit 2020/21 vor – unter anderem auf dem Elisabethplatz, dem Rotkreuzplatz, am Tierpark Hellabrunn und im Olympiapark. Mit ganz vielen Mitmach-Aktionen nicht nur für junge Theaterfans.

Liebe Frau Gronemeyer, ungewöhnliche Zeiten verlangen nach Mut und ungewöhnlichem Einsatz. Wie fühlt es sich für Sie eigentlich an, wenn Sie mit Ihrer Truppe wie bei den tollen Schauburg-in-der-Stadt-Vor-Ort-Aktionen fast wieder ein wenig zur „fahrenden Truppe“ wird, die auf Marktplätzen spielt und um die Häuser zieht?
Das Schlimmste ist, wenn man nicht spielen darf und keinen Kontakt zum Publikum hat. Da ist alles andere ein Geschenk. Aber so ungewöhnlich ist es ohnehin nicht für unser Ensemble, an fremden Orten zu spielen, denn auch vor der Pandemie haben wir kleine Produktionen mobil, das heißt in in Klassenzimmern, Kindergärten und anderen Räumen und Stadtteilen gespielt. Es macht viel Spaß, mit Theaterprojekten die Alltagsräume des Publikums aufzumischen. Das ist ein Abenteuer, weil man „draußen“ in der Realität nicht immer kontrollieren kann, was passiert. So kommt die Kunst der Wirklichkeit und ihrem Publikum näher, das hält die Künstler wach und die Kunst lebendig.

Sie stellen ja nicht nur das neue Programm vor, sondern laden die Schauburg-Fans auch zum Mitmachen und Ausprobieren ein. Welche der Spielideen gefällt Ihnen denn selbst besonders gut?
An meiner eigenen Station, auf dem Elisabethplatz am Samstagvormittag, dürfen die Kinder unter anderem mit unseren Schauspielern das Bühnenkämpfen ausprobieren. Das hat mich selbst immer schon fasziniert und ich kann mir vorstellen, dass es auch den Kindern Spaß macht, den Schauspielern dabei über die Schulter zu schauen. Solche möglichst dramatischen Bühnenkämpfe kommen in unserem neuen Ritterstück „KING A“ (nach der Artus-Sage) vor. Zurzeit trainieren unsere Schauspieler mit einer Kampfchoreographin, sind also Bühnenkampfexperten. 

Viele Münchner dürften ihre Theaterbesuche ja schmerzhaft vermisst haben. Wie wichtig ist es, mit Spielfreude und Begeisterung zu zeigen, dass es jetzt wieder weiter und in eine neue Spielzeit geht?
Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Wir wollen den Kindern und Jugendlichen in dieser Spielzeit zeigen, wie man mit Einschränkungen auch kreativ umgehen kann. Freiheit hat ja immer auch etwas mit gesetzten Grenzen zu tun. Und wenn wir versuchen, mit diesen Grenzen umzugehen, dann können wir sie auch über sie hinauswachsen oder sie einfach fantasievoll überwinden. Wir Künstler machen immer wieder die Erfahrung, dass aus Scheitern und Krisen oft etwas Neues und Besseres entsteht. Da können die Methoden der Künstler und vor allem ihr spielerischer Umgang hoffentlich Vorbild sein. In dieser Spielzeit beschäftigen wir uns übrigens mit dem Thema „Freiheit“ und den Ambivalenzen, die wir aushalten müssen, weil wir meistens nicht nur frei, sondern auch sicher sein wollen. Damit müssen sich auch Kinder und Jugendliche schon herumschlagen.

Viel ist ja von Sitzreihen aus, die wie Karies-Zahnreihen wirken: Wie werden Sie konkret die Theaterbesucher wieder in der Burg empfangen? 
Auch bei uns müssen zurzeit noch viele Plätze freibleiben, um den Abstand zu gewährleisten. Das schmerzt natürlich, besonders weil die Nachfrage nach Plätzen bei uns ja immer sehr hoch und nichts schlimmer ist, als Kinder und Jugendliche, die ins Theater wollen, nicht einlassen zu können. Die Zuschauer werden sich in unseren intimen Räumen trotzdem Abstand nicht einsam fühlen. Familien und andere Gemeinschaften dürfen in Gruppen bis zu 10 Personen zusammensitzen. Und in unseren intimen Spielräumen bleibt die Nähe des Publikums zum Geschehen und zu den Künstlern Konzept – 1,50 m Abstand ist im Theater gar nicht so groß und die Phantasie schlägt die notwendigen Brücken.

Wie herausfordernd war es in den vergangenen Monaten für Sie eigentlich, die Stimmung im Team hoch zu halten: Kann man sich gegen Corona mit guter Laune wappnen?
Die Künstler der Schauburg waren sehr bedrückt, als sie – zum Glück für einen überschaubaren Zeitraum – ihr eigenes Theater nicht betreten durften. Es gehörte für ein paar Wochen ganz unseren Handwerkern und Technikern, die die Zeit genutzt haben, lang fällige Reparatur- und Renovierungsarbeiten auszuführen. Aber dann war die Freude umso größer, als wir endlich die Proben wieder aufnehmen konnten. Der schönste Moment kam, als wir endlich wieder Publikum ins Theater lassen durften. Sie kamen zur Premiere von „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“ und obwohl die klassische Premierenfeier diesmal entfallen ist, waren wir bei einer Premiere selten so glücklich wie dieses Mal. Wir hatten die Hoffnung, dass auch die Theater wieder öffnen dürfen nie aufgeben und uns gesagt: Wozu sind wir Künstler, wenn wir keinen Weg finden, auch unter Corona-Bedingungen berührendes und Theater zu machen und den Abstand fantasievoll zu überwinden.

Nicht wenige Freude Ihres Hauses dürften ja noch ein wenig zögern, vielleicht sogar Schwellenängste haben. Trotzdem: Kriegt man denn für Vorstellungen überhaupt noch Karten?
Ich versichere allen Theaterhungrigen, dass sie sich im Theater keine Sorgen um ihre Sicherheit machen müssen. In Theatern hat sich bisher noch niemand angesteckt – auch von den Mitarbeitern noch nicht. Der Vorverkauf für alle Vorstellungen im Oktober und November hat gerade erst begonnen, es gibt also noch Karten. Aber sie sollten nicht allzu lange mit den Reservierungen warten. Für Kurzentschlossene lohnt es aber auch immer, noch mal kurzfristig nachzufragen oder sich auf die Warteliste setzen zu lassen – dies sind Zeiten, in denen wir alle flexibel bleiben müssen.

Letzte Frage als Insider-Info aus erster Hand: Auf welche der neuen Produktionen darf man sich am meisten freuen?
Ich freue mich immer auf die nächste Premiere am meisten, jetzt also auf „Apfelwald“, weil ich auf den Proben schon ein bisschen schnuppern durfte und das macht immer sehr neugierig. Ein ganz besonders Stück haben wir aber auch mit der sehr aktuellen Fassung von der Sage um König Artus und seine Tafelrunde „King A“ in den Spielplan genommen. Es verspricht spannende Unterhaltung mit virtuosen Bühnenkämpfen und einer beeindruckenden theatralen Ausstattung und bringt zugleich ein wichtiges Thema, weil es sich mit Sinn und Krisen der Demokratie beschäftigt. Ein Stück zum Mitfiebern und zum Nachdenken…

Interview: Rupert Sommer

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