Ortsgespräch

Intendant der Bayerischen Staatsoper Serge Dorny: „Bin noch dabei, das Haus zu entdecken“

Hält das Münchner Publikum für das beste der europäischen Opernstädte: Serge Dorny
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Hält das Münchner Publikum für das beste der europäischen Opernstädte: Serge Dorny

Ein neuer Chef und ein fulminanter Start: Welchen Kurs Serge Dorny, der frisch angetretene Intendant der Bayerischen Staatsoper, künftig einschlägt.

Herr Dorny, erst einmal Gratulation zur vielbeachteten, gefeierten Premiere von „Die Nase“. Hand aufs Herz: Wie groß war trotz aller Ihrer Erfahrungen die Sorge und die Anspannung im Vorfeld, dass alles gut geht und dass das Publikum mitzieht?
Vor einer Premiere verspürt man immer ein wenig Unruhe und Anspannung angesichts der im Voraus nur bedingt kalkulierbaren Aufnahme durch das Publikum. Aber auch schöne Formen von Ungeduld und Aufregung stellen sich ein, Emotionen, die zumeist beinahe alle Abteilungen des Hauses durchziehen. Da ich die Kunst und die hervorragende Arbeit von Vladimir Jurowski, Kirill Serebrennikov, den Sängerinnen und Sängern, dem Orchester, dem Chor und den technischen Teams aber kenne, habe ich von Beginn der Proben an darauf vertraut, eine spannende Premiere zu erleben.

Die Wahl des ja vergleichsweise selten gespielten Stücks war ja durchaus auch als eine Art programmatisches Signal zu sehen. Wie wichtig war es Ihnen, mit „Die Nase“ ein Zeichen zu setzen und vielleicht auch in eine neue Richtung zu deuten?
Vladimir Jurowski und mir war es ein großes Anliegen, „Die Nase“ als eines der zentralen Meisterwerke des 20. Jahrhunderts dem Publikum der Bayerischen Staatsoper vorzustellen, da es hier noch nie aufgeführt worden ist. „Die Nase“ ist eine Ensembleoper, die alle Ressourcen eines Hauses ans Licht bringt: das Ensemble, das Opernstudio, den Chor, das Orchester, sie fordert die individuelle Virtuosität der Musikerinnen und Musiker sowie des technischen Teams heraus. Und, das stimmt, dieses Programm ist auch ein Zeichen dafür, dass wir das bereits sehr umfangreiche Repertoire dieses Hauses weiterhin bereichern wollen.

Inwiefern genau?
Es gibt viele große Werke, die allzu selten aufgeführt werden, insbesondere aus dem letzten Jahrhundert, das im Bereich der Künste und eben auch des Musiktheaters enorm produktiv war.

Der bisherigen Münchner Opernwelt ja oft ein gewissen Traditionsversessenheit angedichtet. In wie weit wollen Sie da gegensteuern?
Ich glaube nicht, dass es notwendig ist „gegenzusteuern“. Die Opernwelt und das Münchner Publikum sind keine Traditionalisten. Dies ist ein Klischee. Das Publikum hier ist ein Publikum, das die Oper in all ihrer Vielfalt und ihrem Reichtum kennt und liebt – vom Barock bis in das 21. Jahrhundert hinein. Ich besuche die Bayerische Staatsoper seit langem, und für mich ist das Münchner Publikum zweifelsohne das Beste der europäischen Opernhauptstädte, das kultivierteste und offenste.

Schönes Kompliment.
Ich möchte hinzufügen, dass man konservativ sein kann – denn es gibt vieles zu bewahren – und gleichzeitig auf Modernität und Innovation achten kann. Zum Beispiel werden die innovativsten Regisseure von heute in München sehr offen aufgenommen.

Wenn Sie noch einmal zurückblicken: Was hat Sie eigentlich am Wechsel nach München gereizt, als erste Anfragen an Sie aus dieser Richtung kamen?
Zum einen die Qualität des Publikums, die ich gerade erwähnt habe. Zum anderen die Exzellenz der Bayerischen Staatsoper: der Reichtum ihrer sehr langen Geschichte, die hohe Qualität aller ihrer Teams – ihre Liebe zur guten Arbeit, ihr Engagement und ihr unermüdlicher Einsatz für die Projekte. Es gibt auch den kulturellen Reichtum dieser Stadt (den man außerhalb Münchens vielleicht nicht gut genug kennt) – ihre Museen, ihre Theater, ihre Orchester: Mit dem Bayerischen Staatsorchester, dem Orchester des Bayerischen Rundfunks und den Münchner Philharmonikern beherbergt unsere Stadt drei der besten europäischen Orchester.

Man kann die Intendanten-Rolle ja durchaus unterschiedlich ausfüllen – eher als Kunst-Manager, als Ermöglicher, als kreativer Impulsgeber oder sogar Sparringspartner für die Kreativen: Wo sehen Sie sich selbst in diesem spannenden Spannungsfeld?
Meine Rolle als Staatsintendant ist so etwas wie eine Synthese zahlreicher Aufgaben. Ich muss bei der Programmgestaltung kreativ sein, ein offenes Ohr für die künstlerischen Entwicklungen unserer Zeit haben, die Künstlerinnen und Künstler im Schaffensprozess begleiten, aber auch administrative und finanzielle Belange, die Kommunikationspolitik, die Kontakte zu unseren Sponsorinnen und Sponsoren sowie vieles mehr im Blick behalten. Das sind komplementäre Aufgaben, die meine Arbeit spannend machen. Es gilt eine Synthese zwischen Fantasie und Strenge herzustellen, um eine Utopie zu verwirklichen.

Je steiler die Karriere, desto stärker könnte der eigene Weg ja weg von der Bühne, dem Probenbetrieb, dem Herzklopfen und Angstschweiß hinter den Kulissen führen: Haben Sie das bislang auch so empfunden – und wie wichtig ist es Ihnen, im engen Kontakt mit dem „Maschinenraum“ der Oper zu bleiben?
Es ist wichtig, ja geradezu essentiell für mich, in ständiger Verbindung mit allen Abteilungen der Oper zu stehen. Man kann ein Theater nicht leiten, wenn man in seinem Büro bleibt und seinen Elfenbeinturm nicht verlässt. Der tägliche Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen, die dieses Haus am Leben erhalten, ist für mich und, wie ich glaube, auch für sie, unerlässlich. Das ist es, was dem, was ich tue, Sinn verleiht. 

Wenn Sie das Münchner Haus sehen: Wie gut kennen Sie schon die vielen, fürs Publikum nicht immer sichtbaren Wege – und haben Sie auch hier schon so etwas wie einen lieben Geist oder ein Phantom in den Katakomben angetroffen?
Ich bin noch dabei, das Haus zu entdecken, und bin noch nicht in jeden Winkel dieses großen Theaters vorgestoßen. Geistern bin ich bisher nicht begegnet. Aber ich spüre die Präsenz der Geschichte, die immaterielle, spirituelle Präsenz derer, die das Haus in der Vergangenheit belebt haben – Komponistinnen und Komponisten, Dirigentinnen und Dirigenten, Regisseurinnen und Regisseuren, Sängerinnen und Sängern etc. Die Liste ist sehr lang. Ich möchte im Besonderen Sir Peter Jonas nennen, den ich sehr geschätzt habe und der mir in den letzten Jahren seines Lebens viel gegeben hat, insbesondere seine Freundschaft.

Wenn Sie auf die Planung der aktuellen Spielzeit blicken: Was sind Ihnen die wichtigsten programmatischen Grundlinien und auf welche Projekte freuen Sie sich selbst am meisten?
Sie wissen, dass man all seine Kinder liebt. Jedes hat sein eigenes Gesicht, seinen eigenen Charakter, seine eigene Identität. So ist es auch mit den Projekten dieser Saison und eine Auswahl zu treffen wäre ein Fehler! Außerdem sehe ich sämtliche Projekte als Etappen einer großen europäischen Reise, in Raum und Zeit, mit einer Vielfalt an Farben und Tonalitäten.

In der Design-Ästhetik der neuen Plakate oder der Ankündigungen Digitalen wirkt die Staatsoper zuletzt überraschend puristisch, zurückhaltend, fast ein wenig wie bei einem Versteckspiel. Lieben Sie das Spiel mit Geheimnis und Verführung so sehr?
Wir haben tatsächlich eine eher schlichte Linie für unsere visuelle Identität gewählt, weil wir möchten, dass sie klar, gut erkennbar und langfristig angelegt ist; all das erfordert eine gewisse Schlichtheit. Ich hoffe, dass diese visuelle Identität verführerisch ist, ich glaube nicht, dass sie geheimnisvoll ist.

Ein großes Haus mit so vielen Mitarbeitern und Gewerken in harten Pandemie-Zeiten auf Kurs und die Stimmung im Team aufrecht zu erhalten, war sicher zuletzt recht kräftezehrend. Mal ehrlich: So zu starten, haben Sie aber hoffentlich trotz allem nicht bereut?
Natürlich wäre es mir lieber gewesen, wenn die Pandemie schon zu Beginn der Spielzeit vorbei gewesen wäre. Aber alle Theater und Kulturstätten, nicht nur in Deutschland, erleben derzeit ähnliche Einschränkungen. In der Oper treffen wir sämtliche erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen, um die Infektionsketten zu unterbrechen und sowohl unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als auch dem Publikum die größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten.

Auch das gehört natürlich zu einer neuen Stelle: das Leben in der Stadt. Wie gut haben Sie sich in München bislang bereits eingelebt – und was oder wer kann Ihnen dabei helfen?
Ich kannte München bereits vor meinem Umzug recht gut und bin froh darüber, hier leben zu können. Zwar habe ich nicht viel freie Zeit, aber manchmal ziehe ich mich gerne für einen Moment zurück und verbringe Zeit in einem der Museen der Stadt. Ich denke da zum Beispiel an die Pinakotheken oder das Museum Brandhorst.

Letzte Frage: Verraten Sie doch mal einen Lieblingsplatz, an dem man gut über München, die Oper, die Pläne, aber auch das schöne Leben nachdenken kann – und wo es vielleicht sogar eine Gelegenheit gibt, einmal ganz informell mit Staatsoper-Fans ins Gespräch zu kommen?
Im Moment, zu Beginn meiner Amtszeit, verlasse ich die Staatsoper nicht oft. Sie ist immer noch der Ort, an dem man mich am häufigsten antrifft.

Interview: Rupert Sommer

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