Ortsgespräch

„Spendet Kraft und Phantasie“: Martin Valdés-Stauber von den Münchner Kammerspielen im Interview

Martin Valdés-Stauber von den kammerspielen München
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Martin Valdés-Stauber: Hält den direkten Draht ins Theater offen.

Bei Anruf: Kammerspiele. Dramaturg Martin Valdés Stauber erklärt die coole Telefon-Aktion „Auf ein Wort“, bei der man ab sofort einen Eins-zu-Eins-Plausch mit Theaterleuten buchen kann.

Herr Valdés-Stauber, leider ist das derzeit ja keine Routinefrage: Wie geht’s denn eigentlich, wie steht es um Gesundheit, Seelenfrieden, Gelassenheit?
Die Dankbarkeit überwiegt, auch wenn die Sorge groß ist, dass Solidarität und das Verständnis für die Sorgen der anderen abstumpft nach so vielen Monaten des Ausnahmezustandes.

Viele unserer Leser, die ganze Stadt, vermissen so schmerzhaft die Abende abseits vom heimischen Sofa – im Nachtleben, in den schönen Wirtschaften, natürlich auch in den Theatern. Immer wieder heißt es: weiter abwarten. Wie groß ist Ihre Sorge, dass das Kammerspiele-Publikum das Theatergehen eines Tages „verlernt“ haben könnte?
Ganz persönlich? Davor fürchte ich mich überhaupt nicht. Es wird eine spannende Übergangsphase geben mit strengen Hygieneregeln, in denen der Theaterbesuch zu einem strengen Ritual werden wird, bei dem man die Anwesenheit zwar spüren wird - aber auch den Abstand zueinander. Und es wird auch wieder der Tag kommen, an dem Ausgelassenheit und unbedachte Geselligkeit selbstverständlich sein werden - und gerade auf diese Zeit freuen wir uns am Theater besonders!

Immer öfter kreisen die Gedanken um stets das Gleiche, es fehlen Austausch, Anregungen, unerwartete Gespräche – und das vermutlich auch bei den Kammerspiele-Mitarbeitern selbst. Wie wichtig ist es, sich über die Telefon-Aktion wieder frischen Wind in die Gedanken zu holen?
Uns ist es wichtig zu erzählen, dass die (künstlerische) Arbeit an den Kammerspielen emsig weitergeht und wir freuen uns sehr, bei den Telefonaten zu hören, wie sehr auch unserem Publikum der Theaterbesuch fehlt. Oft erinnern wir uns gemeinsam an Theatererlebnisse aus einer früheren Zeit… und das spendet natürlich auch uns Kraft und Phantasie!

Wie kam eigentlich die Idee zustande, und wie schwer war es, im eigenen Haus Leute zu finden, die sich tatsächlich auf das Wagnis von Gesprächen mit Wildfremden einlassen?
Wir suchen in verschiedenen Formen Austausch zu unserem Publikum. In diesem Fall wollten wir einfach mal erzählen, woran gerade - trotz allem - gearbeitet wird. Außerdem dachten wir uns: Alle sind dauernd in Videokonferenzen, und manchmal ist es doch angenehm, nur einen Wahrnehmungskanal zu nutzen. Wenn man telefoniert, ist man von Vielem entlastet und kann sich konzentriert auf die Person einlassen, die mit einem spricht.

Viele Künstler und Bühnen – auch Ihr Haus – streamen ja fleißig. Gleichzeitig sitzen nicht nur Schüler, sondern fast alle Homeoffice-Mitarbeiter gefühlt fast rund um die Uhr vor Zoom- oder Skype-Konferenzen. Macht müde und lenkt auch manchmal ein wenig ab. Haben Sie sich deswegen für das gute alte Telefon entschieden?
Das würde ich zur oberen Frage ergänzen ;-)

Anders als man zunächst vermuten könnte, bekommt man bei Ihnen ja nicht nur Künstler an die Strippe. Netter Zug, aber zunächst einmal gar nicht so naheliegend. Wie viel Über-den-Tellerrand-Blicken erwarten Sie sich davon?
Für uns ist es entscheidend zu zeigen, dass ein Theater aus ganz vielen Berufsgruppen besteht. In unserem Alltag ist das selbstverständlich. Theater ist Teamleistung und dem hat sich insbesondere das künstlerische Leitungsteam rund um unsere Intendantin Barbara Mundel verschrieben. Die Telefonaktion „auf ein Wort“ ist eine super Gelegenheit, um als Publikum zu erfahren, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten an einem Theater versammelt sind. Gerade an einem Ort wie den Münchner Kammerspielen, an dem wir auf unsere technischen Gewerke und Werkstätten besonders stolz sind.

In der Öffentlichkeit könnte man ja meinen, hinter geschlossenen Theatertüren herrsche aktuell Grabesstille: Wie wichtig ist es, den Münchner am Telefon ganz anderes zu berichten?
Gerade jetzt (und auch nach der Pandemie) ist Kunst besonders wichtig, um ein Verständnis davon zu entwicklen: Was ist da eigentlich passiert? Was bedeutet das für uns? Für unser Verständnis von Begegnung, von Berührung, von Solidarität? Diese Rolle zu erfüllen ist natürlich besonders schwierig, wenn wir nicht auf unsere Kernkompetenz - Aufführungen - zurückgreifen können und wenn sich drastische Einsparungen abzeichnen. Vielleicht machen wir die Aktion auch, um die Frage aufzuwerfen: Welche Bedeutung möchten wir als (Stadt)gesellschaft Kunst als Öffentliches Gut geben?

Können Sie sich jetzt schon vorstellen, wie so ein „Auf ein Wort“-Anruf ablaufen könnte: Machen Sie Ihren Leuten Vorgaben oder geben Tipps?
Wir haben einen kurzen Leitfaden erarbeitet. Der Einstieg in ein Telefonat muss natürlich durchdacht werden. Außerdem haben wir uns einige Fragen überlegt, auf die man zurückgreifen kann. Besonders mag ich: Was lernen wir gerade in der Pandemie? Welche ist Ihre prägendste Theatererinnerung?

Wer entscheidet eigentlich, wer bei wem am anderen Ende der Leitung landet?
Das ist kein bewusster Prozess, sondern ein wenig Tetris für Erwachsene: Ganz viele Anmeldungen von Zuschauer*innen und Freiwillige aus der Belegschaft der Kammerspiele. Das muss in der Zeitplanung miteinander vereinbart werden.

Schauspieler gelten ja meist nicht als schüchtern. Wie groß ist Ihre Sorge, dass mit den weniger extrovertierten Mitarbeitern gute Gespräche zustande kommen?
Meine Wahrnehmung aus den letzten Jahren als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen: Wir alle empfinden unser Theater als eine besondere Arbeitsstätte. Eigentlich müsste man auch ohne Pandemie ermöglichen, mit den unterschiedlichen Berufsgruppen in Austausch zu treten. Im Übrigen ist niemand verpflichtet, an der Aktion teilzunehmen. Umso schöner, dass sich so viele freiwillig melden.

Letzte Frage: Was für ein Telefon-Typ sind Sie eigentlich privat, bei Gesprächen, die nicht unbedingt mit Arbeit zu tun haben – lümmelnd auf der Coach, im Stehen, im Herumlaufen oder vielleicht sogar heimlich mit Gedanken oder Körperteilen ganz wo anders?
Lange Gespräche schätze ich sehr. Dabei Spazieren zu gehen, erscheint mir immer eine Gelegenheit zu sein, zwei schöne Dinge zu verbinden. Leider fehlt oft die Ruhe für ausgelassene Telefongespräche.

Interview: Rupert Sommer

Alle Infos zur „Auf ein Wort“-Aktion und zur Buchungsmöglichkeit für einen Anruf-Termin findet man hier

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