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Marie Preußler und Johannes Härtl: „In München fehlen momentan die Bühnen“

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Von: Andreas Platz

Marie Preußler und Johannes Härtl
Freuen sich über den Kulturhunger der Stadt: Marie Preußler und Johannes Härtl (Foto: Nils Schwarz) © Nils Schwarz

Marie Preußler und Johannes Härtl, Leiter von Iwanson International, haben die Tanzschule durch unruhige Zeiten gesteuert. Wie gut, dass auf dem „Junger Tanz“-Festival jetzt endlich wieder gefeiert werden kann. Auch wenn schon wieder neue Sorgen drücken.

Frau Preußler, Herr Härtl, hinter Ihnen liegen in vielfacher Hinsicht außergewöhnliche Zeiten und ganz besondere, Krisen-gestählte Jahrgänge an Ihrem renommierten Tanzinstitut. Aktuell kann man Bilanz ziehen und kann die tollen neuen Stücke der Studentinnen und Studenten zum Ausklang ihres „Junger Tanz“-Festivals sehen. Wie sehr spiegeln sich in ihnen denn die Ängste der Welt, aber hoffentlich natürlich auch das Frühlingserwachen, das Sommergefühl und der neue Ausbruch von Tanz-Freude, der jetzt ja endlich wieder möglich ist?
Preußler: Von den Gruppen selbst kamen zu unseren Choreografinnen und Choreografen viele Anregungen – oft hin zu Stücken, die etwas fließendes und sehr energetisches haben. Es ist so viel positive Energie in der Luft. Vor allem bei unseren jungen Tänzerinnen und Tänzern merkt man auch ein neues hohes Maß an Eigenverantwortung. Sie wollen sich stark mit ihrer Arbeit identifizieren und knien sich mit Haut und Haar rein. Ihre Kunstform ist das, was ihnen Halt gibt und was ihnen in diesen bewegten Zeiten so lange ein Anker war.

Wie groß war denn der Stein, der Ihnen vom Herzen gefallen ist, als dann doch feststand, dass Ihr Tanz-Festival in gewohnter opulenter Größe und mit gleich so vielen Aufführungen endlich wieder in einem angemessenen Rahmen stattfinden kann?
Preußler: Sehr groß! Allerdings haben wir tatsächlich in den letzten zwei Jahren trotz Corona unser Fest veranstaltet. Aber das war natürlich alles ganz anders, auch mit anderen Formaten – Publikum nur im Streaming -, so wie das damals viele machten. Allerdings im ersten Corona-Jahr waren wir eine der wenigen Institutionen, die so was damals schon durchzogen. Aber natürlich sind unsere Freiheiten jetzt wieder großartig.

Härtl: Der große Unterschied ist jetzt natürlich, dass wir endlich wieder vor Publikum tanzen. Wir hatten ein Festival komplett im Stream, und das zweite nur mit wenig Besetzung im Saal. Trostlos! Die schöne Neuigkeit genau zu Festivalbeginn, das ja schon im Mai begann, war: Wir können endlich mal wieder live performen! Das ist auch für die Studenten wunderbar, wenn sie Feedback vom Publikum bekommen.

Na klar. Natürlich möchte jeder Künstler Publikum haben. Auch wenn man auf die Art blickt, wie Sie junge Tanztalente ausbilden. So ein Festival ist doch sicher mehr als nur ein Auftrittsort, sondern schon auch ein Schaufenster, um ein bisschen den eigenen Marktwert zu testen?
Preußler: Absolut! Wir veranstalten ein Festival, das sicher auch für ein Publikum geeignet ist, das sich einfach Tanz ansehen möchte. Aber gleichzeitig ist es natürlich auch eine Schulvorstellung. Teil unseres Festivals sind ja Abschlussvorstellungen, bei denen die Absolventen graduieren und wo dann auch die Diplomvergabe stattfindet.

Im Livestream kann da nicht wirklich ein Feier-Funke überspringen.
Härtl: Was dort am meisten fehlt, ist der Applaus. Klatschen ist das Honorar des Künstlers. Und das hat uns allen zuletzt so oft bitter gefehlt. Jetzt kommt das alles langsam zurück. Der Applaus. Die Anerkennung.

Preußler: Und vor allem auch die Interaktion mit dem Publikum. Vor einem leeren Zuschauerraum zu spielen, war viel zu lange ein absolut komisches Gefühl.

Sie können ja schon viele Erfahrungen Revue passieren lassen: Das diesjährige Junger-Tanz-Festival ist ja keine Sparausgabe geworden. Sie hatten die Veranstaltungen zeitlich gestreckt und über drei Spielorte hinweg, jetzt läuft alles auf das Finale im Schwere Reiter zu.
Preußler: Wir hatten aus der Not eine Tugend gemacht.

Härtl: Es ist leider so, dass in München momentan die Bühnen fehlen. Dadurch, dass der Gasteig abgeschlossen wurde, gibt es im Moment keinen Ersatz etwa für den Carl-Orff-Saal. Dort waren wir in den letzten zehn oder sogar schon zwölf Jahren vertreten. So konnten wir das komplette Festival in einer Woche feiern. Nun mussten wir alle Veranstaltungen verteilen und dezentral machen. Wir mögen den Schweren Reiter und die Muffathalle sehr. Sie sind auch bestens für den zeitgenössischen Tanz geeignet. Aber es ist dort – und auch auf vielen anderen Bühnen und Locations – aktuell alles andere als einfach, als Veranstalter überhaupt einen Platz zu bekommen. Im Moment fallen ja an allen Orten zwei bis drei Spielzeiten zusammen.

Stimmt schon, der Aufholbedarf ist groß. Wer wieder ausgehen möchte, hat die Qual der Wahl. Die Veranstalter steigen sich aber gegenseitig auf die Füße.
Härtl: Es werden eben aktuell noch immer ganz viele Konzerte und Produktionen nachgeholt. Das alles muss unterkommen. Und auch für das, was momentan neu produziert wird, gibt es leider ganz wenig Platz. Die ganze Kulturszene hat nach so langer Durststrecke nun doch massive Probleme, auch wirklich Räume und Bühnen zu bekommen.

Klingt bitter. Gerade für die so gebeutelte Szene.
Härtl: Es soll aber auch einiges passieren, etwa mit neuen Hallen an der Dachauer Straße. Aber: Mal schauen! Im Moment müssen viele mit Übergangslösungen arbeiten, und es gilt abzuwarten, wie rasch sich das in Zukunft ändert. Für uns ist das dezentrale Tanzfestival schön. Es hat sich gestreckt. Es war und ist aber auch das Dreifache an Arbeit. Und die Kosten steigen. Und natürlich haben sich die eher improvisierten Festivals der vergangenen zwei Jahre kostenrechnungsmäßig nicht ausgezahlt. Das Publikum fehlt. Und für die Aufzeichnungen im Stream kommen noch Kosten für das Regie- und Technik-Team obendrauf.

Preußler: Selbst der Verkauf von Streaming-Tickets hat vielen Veranstaltern ja nicht wirklich was gebracht. Da saßen dann fünf Leute vor einem Laptop, weil die ganze Familie unsere Schüler tanzen sehen möchte. Es werden aber nicht fünf Tickets verkauft.

Härtl: In der Kulturszene haben sich gravierende Probleme aufgetan. Und mit denen setzen wir uns aktuell, immer noch und schon wieder auseinander. Auch wenn jetzt vieles besser läuft, geht es für uns alle darum, sich wieder gut aufzustellen.

Preußler: Wir wollten auch vor Corona unser Festival schon ein bisschen anders aufziehen. Wir wollten es noch ein bisschen zeitgenössischer machen. Deswegen wollten wir schon damals in die Muffathalle gehen. Aber für solche Spielstätten muss man die Termine normalerweise schon zwei Jahre im Voraus festlegen. Im Moment läuft alles wahnsinnig kurzfristig. In der Kulturszene herrscht immer noch ein starkes Gefühl von Unsicherheit vor. Man ist noch immer in Wartestellung. Man kann viele Termine noch nicht richtig zusagen, man kann und will sie aber auch nicht absagen. Keiner kann im Moment wirklich ein Commitment abgeben – teilweise auch in der Stadtverwaltung und im Kulturreferat. Es ist einfach schwierig, weil natürlich noch niemand weiß, wo die Reise jetzt hingeht und wie man nun was priorisieren kann.

Klingt ernst.
Preußler: Es ist schön, aber eben auch eng. Gefühlt gibt es 20.000 Musiker, die aktuell in die Muffathalle reinwollen. Konzerte finden in Theatern statt, wo es aber natürlich auch noch Schauspiel und Tanz gibt. Keiner kennt sich mehr richtig aus. Eigentlich sind alle völlig überarbeitet. Viele Freelance-Künstlerinnen und –Künstler waren zwei Jahre im Lockdown, was natürlich auch keine schöne Situation war, weil sie nicht arbeiten konnten. Jetzt geht es wieder los, und es gibt kaum Platz für sie. Veranstalter und Institutionen wie wir haben zuletzt eher fünffach gearbeitet. Es ist toll, dass wir jetzt wieder loslegen können. Aber die Energie aufzubringen für die vielen neuen Herausforderungen, ist schon taff. Wo soll die Power herkommen?

Härtl: Wir haben alle keine Routine mehr. Es musste alles neu gedacht und neu strukturiert werden. Das Kulturangebot ist vielfältig. An manchen Stellen gibt es im Moment fast wieder zu viel, an anderen viel zu wenig. Die Aufgabe der nächsten zwei Jahre wird sein, wieder in eine Balance zu finden.

Preußler: Viele denken, der Normalzustand und damit die Routinen seien zurück. Aber es fühlt sich nicht so an. Und es ist auch noch nicht soweit.

Nicht zuletzt hat ja auch das Publikum im Zeiten wie diesen nicht gerade Geld wie Heu. Wer auf Großveranstaltungen der Superstarklasse war, wird dann vermutlich sein persönliches Kultur-Budget gut einteilen müssen.
Härtl: Es gibt bei vielen Kulturfreunden sicher einen Stau an Wünschen. Aber alle wird man nicht umsetzen können. Das Publikum ist hungrig nach Kultur, aber das Budget ist begrenzt bei jedem. Man kann nicht alles angucken, was man möchte. Und das trifft im Moment wohl noch stärker zu, als das immer schon der Fall war. Aber es gibt auch schöne neue Verbindungen: Wir sind zum Beispiel für das „Super Bloom“-Festival eingeladen worden.

Im Olympiapark?
Härtl: Auf die Seebühne. Da verbindet sich dann Musik und Tanz. Toll! Wir haben dort dann keine Einnahmen, aber wir können uns präsentieren.

So ein schöner großer Sommerauftritt dürfte ja auch Ihren Studenten, die zuletzt vermutlich oft ein wenig am Hadern mit der Kunstwelt waren, eine zusätzliche tolle Perspektive geben.
Preußler: Auf jeden Fall. Aber es geht ja nicht nur um Schüler und Studenten, ich denke auch an unsere Dozenten, die zuletzt immer wieder motiviert werden mussten. Wir pflegen hier für das ganze Team ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Jeder gibt Energie, alle befruchten sich und pushen sich gegenseitig. Aber am Ende des Tages sind wir eine private Institution. Wir bilden aus, aber im gleichen Moment sind unsere Studierenden auch Kunden. Für sie konnten wir längere Zeit sogar im Online-Unterricht ganz tolle Projekte starten. Im Nachhinein sehen wir, dass sie die Tänzer sehr weit gebracht haben – auch auf anderen Ebenen. Es geht ja nicht nur um die Bewegung und das Training. Sondern auch darum, eigene Verantwortung zu übernehmen. Trotzdem war es lange für alle Beteiligten schwierig, die Unklarheit auszuhalten, wohin das mit der Reise, mit unserer Tanz-Ausbildung, zuletzt ging. Aber jetzt rundet sich vieles.

Härtl: Auch während der Corona Zeit war uns das Allerwichtigste, dass wir den jungen Menschen Strukturen vorgegeben konnten, an denen sie schnell wieder Halt fanden. Wir hatten schon im ersten Lockdown innerhalb von nur vier Tagen Zoom-Schulungen eingerichtet und sofort damit losgelegt, so dass es für unsere Schüler und Studenten nicht einmal eine Pause gab. Selbst als dann mal eigentlich Ferien anstanden, hatten sich damals die Schüler bei uns gemeldet und um zwei oder drei weitere Stunden pro Tag gebeten – damit sie einen geregelten Tagesablauf hatten. Natürlich haben wir das möglich gemacht. Es war so wichtig, einen täglichen Ansprechpartner zu haben und die starke Verbindung, die wir ja auch sonst untereinander pflegen, weiter zu spüren. Dieser Stil hat sich bewährt. Unsere Leute haben sich zugehörig und aufgehoben gefühlt.

Interview: Rupert Sommer

Dem eigenen Haus treu geblieben: Johannes Härtl, Choreograf, Tänzer und Veranstalter, zusammen mit Marie Preußler Leiter von Iwanson International, kam einst über den Gesellschaftstanz zum zeitgenössischen Tanz und studierte selbst an der Iwanson-Schule, bevor er von der Presse als „Senkrechtstarter“ gefeiert wurde und sich in der Szene einen Namen machte. 2013 trat er als Teilhaber in die Leitung der Tanzschule ein und übernahm unter anderem die Nachfolge der Gründerin Jessica Iwanson. Ebenfalls stark von ihren eigenen Iwanson-Zeiten geprägt ist Marie Preußler, die nach ihrem Abschluss lange als freie Tänzerin, Choreographin und Assistentin für diverse Tanzproduktionen arbeitete, bevor sie auch in die Führung der Schule zurückkehrte. Das von ihnen veranstaltete Festival „Junger Tanz“ steuert am 4. und 5. Juli auf den krönenden Abschluss im Schwere Reiter zu. Alle Infos: www.iwanson.de

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