Ortsgespräch

Hofspielhaus-Intendantin Christiane Brammer: „Jammern hilft nicht“

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Unser Theater lebt

Das Hofspielhaus erfindet sich in der momentanen Ausnahmesituation neu und verlegt das Theater auf die Straße

Das Hofspielhaus hat ein Hygienekonzept erarbeitet, das es ermöglicht, im vorgegebenen Rahmen auf der Straße zu agieren. Deshalb möchte es präsent sein und zeigen, dass die Kunst in München lebt und in diesen Zeiten eine sehr, sehr wichtige Rolle spielt.

Die Aktion Unser Theater lebt! findet jeden Dienstag, Mittwoch, Donnerstag um 18 Uhr vor dem Hofspielhaus, Falkenturmstraße 8, statt. Die Vorstellungen dauern jeweils 30 Minuten, und zwar für jeden, der vorbeikommt. Von Bürgersteig zu Bürgersteig, Künstler stehen vor dem Theater oder singen aus dem Fenster, dazwischen befindet sich die Falkensturmstraße, der Abstand zwischen Zuschauer*innen und Künstler*innen ist mindestens fünf Meter.

Los geht es am Dienstag, den 19.5. mit André Hartmann & Christiane Brammer und ihrem Programm „Wünsch dir ein Lied“.

Weitere Termine:

Stephan Reiser und Mariette Radtke Heinz & Seelig Jazz/Swing (20.5.), Chris Kolonko „Marlene singt“ (21.5.), Christoph Theussl „Welthitz“ (26.5.), Jan Eschke, Jazz vorm Hofspielhaus (27.5.) und Markus Laymann und Ruby Tuesday „Hocus Pocus Ante Portas“ (28.5.).

Demnächst haben sich Veronika von Quast, Astrid Jacob, Moses Wolff, Arnd Schimkat u.a. angekündigt.

Alle Infos unter www.hofspielhaus.de

Interview mit Intendantin Christiane Brammer: „Jammern hilft nicht“

Ihr Hofspielhaus war schon immer ein ganz besonderer Ort. Kein Wunder, dass sich Intendantin Christiane Brammer nicht unterkriegen lässt: „Unser Theater lebt“!

Corona macht plötzlich alle erzwungenermaßen zu Fachleuten für bislang eher fremde Wissensgebiet: Wie knifflig, war es für Ihr wunderschönes, aber eben auch intim kleines Theater eines dieser berühmt-berüchtigten "Hygienekonzepte" zu entwickeln?
Wir sind kreativ, so ist es nicht so schlimm. Das Hofspielhaus hat die Spezialität – auch schon vor Corona –, alle Möbel, die Bühnenpodeste usw. im Innenhof und im Theaterraum für jede Gelegenheit/Vorstellung umstellen zu können. Außerdem haben wir Fritz Tiller, einen Virologen, an unserer Seite, der dem Hofspielhaus mit seiner Jazzreihe sehr verbunden ist.

Schon in "normalen" Zeiten sind ja Bürokratisches wie Bau- und Brandvorschriften nicht unbedingt die Lieblingslektüre von Kreativen: Was ist Ihr Tipp, wie man sich am Geschicktesten in derlei Regelwerk einliest?
Sich Zeit nehmen, nicht ungeduldig sein und auch das mit Freude und Gelassenheit tun. Das gilt auch für die Dinge, die man nicht so gerne erledigt. So kommt man ans Ziel, für das es sich lohnt, zu arbeiten.

Sie werden künftig ja nicht nur im schönen Innenhof, sondern auch vor der Theatertür spielen. Not macht erfinderisch. Aber eigentlich müsste das doch ein Theatermacherinnen-Traum sein, wenn man sich plötzlich so sehr der Stadt und der Straße öffnen kann?
Ist es auch. Ich wollte und will immer Theater für alle machen. Ohne Eintritt. Und ich werde auch im Sommer auf öffentlichen Plätzen in München Theater spielen. Wir planen ein wunderbares Stück für die ganze Familie: Der Sängerkrieg der Heidehasen, ein Stück für alle ab vier Jahren. Das Internet/Fernsehen kann das Erlebnis nicht ersetzen, wenn Künstler auf Zuschauer treffen. Ganz klar, Sie gehen natürlich beide in dieser Zeit ein Risiko ein. Ob das Konzept, die Idee aufgegangen ist, ob der Schlüssel ins Schloss gepasst hat, wird man sehen. Scheitern ist auch erlaubt, daraus ergibt sich neues Weiterdenken und Fühlen.

Wie viel Spielfreude, Einsatzbereitschaft, aber schon auch Vertrauen setzten die neuen Ideen bei Ihren mitwirkenden Künstlern voraus?
Meine Künstler unterstützen das Theater in allem, und ich versuche sie auch zu unterstützen. Wir zahlen Gage! Auch für unsere Show, die wir im Netz zeigen. Die Hofspiel(zu)haus Show ist online zu sehen. Ab Mittwoch, 20. Mai, alle zwei Wochen. Das Wichtigste ist Flexibilität und Biegsamkeit. Wenn wir starr sind, werden wir unglücklich. Es wird neue Stücke auf der Hofspielhausbühne geben, die mit den Gegebenheiten umgehen, aber in ihrem künstlerischen Anspruch auf keinen Fall nachlassen werden.

Ihr Temperament war ja immer schon ansteckend und inspirierend. Woher nehmen Sie denn in harten Zeiten Ihre Zuversicht?
Wie viele Menschen habe auch ich schon einiges erlebt, wie den Tod meines Bruders. So musste ich leider schon üben und bin für Krisen gerüstet. Jammern hilft nicht. Der Mut, sich den Widrigkeiten zu stellen, kann durchaus beflügelnd sein.

Gibt es trotz allem auch etwas Positives, was Sie aus der enormen Anspannung der vergangenen Wochen für sich mitnehmen?
Für mich persönlich bildete sich nach Schock, Enttäuschung, Zorn, Trauer, Erledigung der Bürokratie die selbstverständliche Notwendigkeit heraus: Ich muss für meine Festangestellten, Künstler und Mitarbeiter sorgen. Zu Ostern habe ich mal eine Zeit der Ruhe mit nicht soviel Arbeit genießen können. Es war sehr ungewohnt, keine 16 Stunden-Tage mehr zu haben, kein Theater, kein Drehen für meine Serie „Die Fallers“. Ich kann mich auch mehr um meine Mutter kümmern, die immer noch aktive Schauspielerin ist mit ihren 86 Jahren. Es war dann so eine kleine Auszeit mit herrlichem Wetter und der Familie. Und dieses Gefühl, ich muss nicht alles heute erledigen, morgen ist auch noch ein Tag, entspannt mich. Das alles nehme ich mit und möchte es auf jeden Fall behalten.

Interview: Rupert Sommer / Text: Rainer Germann

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