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Heiko Dietz: „Bei uns ist man sicher“

Heiko Dietz
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Heiko Dietz

Ihn bringt so schnell nichts aus der Fassung: Schauspieler, Regisseur, Autor und Theater-Undsofort-Chef Heiko Dietz brennt für die Bühne. Mit „Die Schmalspur-Gigolos“ lacht er sogar gegen Corona an. Starkes Stück!

Herr Dietz, wer freier Theatermacher ist, braucht ja wohl selbst in vermeintlich ruhigeren Zeiten extrem gute Nerven. Wie viel Seelenschmerz und Angstschweiß haben Sie eigentlich die vergangenen Monate - vor und mit Corona - gekostet?

Ich habe das Talent, solche Negativ-Ereignisse nicht gleich an mich heranzulassen. Im Sommer 2017 ist unser Theater abgesoffen. So richtig angekommen ist das aber erst sechs Monate später. Corona scheint ähnlich zu „wirken“. Noch geht alles irgendwie. Wir haben tolle Fans, die uns mit Spenden unterstützen. Ich vermute mal gegen Ende des Jahres könnte sich meine Gefühlslage ändern, wenn sich an den Auslastungsmöglichkeiten nichts tut.

Nach dem schlimmen Wasserschaden beim früheren Theater Undsofort in der Maxvorstadt mussten Sie lange nach einem geeigneten neuen Quartier, dem heutigen Theatersitz in Sendling suchen. Wie groß war der Schock, dass das gerade erst wiederöffnete Haus mit dem Lockdown fast gleich wieder schließen musste?

Die Antwort liegt nah bei der ersten. Aber es ist ein komisches Gefühl, wenn man plötzlich mehr Absagen bekommt als Neureservierungen. Und dann kam der Lockdown. Irgendwie zwar absehbar. Und selbst immer mit dem Gefühl behaftet, das wird schon. Würde ich so nicht funktionieren, hätte ich wahrscheinlich schon vor zwei Jahren hingeschmissen.

Unter Münchens Theaterleuten waren Sie so gut wie der erste, der mit den Lockerungen wieder ein Stück auf die Bühne brachte. Woher nehmen Sie eigentlich diese beeindruckende Energie?

Aus gesundem Essen ... (lacht).Theatermachen ist das, was ich will und was mich oben hält. Wenn man über 20 Jahre etwas zusammengebastelt hat, dann gibt man das nicht so schnell auf. Und die erste Münchner Uraufführung zwei Tage nach dem Lockdown hatte auch seinen Reiz.

Auch aktuell darf ja nur eine überschaubare Zuschauerzahl in den Saal - immerhin aber vor Ort dann ohne Mundschutz: Wie lange mussten Sie hadern, ob Sie unter solchen auch wirtschaftlichen harten Bedingungen überhaupt aufsperren können?

Das hat nicht mal eine Sekunde gedauert. Denn die Miete muss gezahlt werden. Jeder Euro, der reinkommt, hilft. Jetzt kommt dann eh der Sommer. Die Sauregurkenzeit. Denn überstehen wir nur Dank der vielen Spenden. Aber dann ist das Konto auch schon wieder leer.

Wie viel Rückenwind gibt den die schöne Resonanz? Ihre neue Produktion, "Die Schmalspur-Gigolos", wird von Publikum und Presse ja regelrecht gefeiert.

Oh ja, da hat unsere Regisseurin richtig was hingezaubert. Die Stimmung im Publikum ist super. Und mit einer Komödie zu starten, in diesen blöden Zeiten, war genau richtig. Leider bleiben noch immer einige Plätze der wenigen möglichen, nämlich 35, leer. Die Leute scheinen noch Angst zu haben. Zu Beginn bekamen wir die eine oder andere Absage, weil man ja Maske tragen musste. Jetzt kommen die Leute nicht, weil die Maske am Sitzplatz nicht mehr gefordert ist. Bei uns ist man sicher! Zwei Luftreiniger, vier UVC-Entkeimer, eine neue Lüftung und literweise Desinfektionsmittel.

Wie schwer war es eigentlich, die "Gigolos" auf den Weg zu bringen? Was war bei der Stückwahl und bei der Umsetzung die größte Hürde?

Das Stück stand ja schon seit letztem Herbst fest. Und es war trotz der Sicherheitsregeln machbar. Der Probenstart fiel genau in den Lockdown, was auch eine Umbesetzung zur Folge hatte. Das Proben war ja nicht verboten. Aber einer der Kollegen hatte zu große Bedenken. Nach einer kurzen Pause legten wir dann los. Mit gebührendem Abstand. Ein Problem war eher, dass wir nicht wussten wann und ob die Premiere stattfinden kann. Ursprünglich geplant war Ende Mai. Das war etwas nervig. Diese Ungewissheit.

Sie nehmen im Stück ja auf die Corona-Bedingungen Bezug - mit Wisch-Bewegungen und Desinfektionsspender in der Handlung auf der Bühne. Wie gut schützt und hilft den Galgenhumor?

Wir haben das mit dem Mindestabstand und der Händedesinfektion spielerisch eingebaut, so als würden wir unter künftigen neuen Theaterregeln spielen. Das birgt nicht einmal wenig humoristisches Potential. Findet auch das Publikum. Ansonsten ist das Stück komplett Corona-frei.

Der Neustart ist geglückt, nächste Stücke stehen bereits in der Pipeline. Viel Zeit zum Durchschnaufen und Füße-Hochlegen bleiben Ihnen in diesem Trubeljahr ja wohl noch nicht?

In der Tat. In diesem Jahr ging’s bis jetzt heiß her. Der Sommerurlaub mit meiner Frau wurde auch aufs nächste Jahr verschoben. Es gibt nach den „Gigolos“ eine Kurzfassung in der heimischen Eifel in Kombination mit einer Corona-bedingt verlegten Hochzeit. Man muss die Feste eben feiern, wie sie verschoben werden...

Interview: Rupert Sommer

Noch bis 18. Juli läuft in Theater Undsofort in der Hinterbärenbadstr. 2 die sehenswert witzige Komödie „Die Schmalspur-Gigolos“. Tickets gibt’s unter www.unsofort.de.

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