Ortsgespräch

Resi-Intendant Andreas Beck im Interview: „Schauspielen ist eine der rätselhaftesten Kunstformen“

Der Residenztheater-Intendant Andreas Beck

Resi-Intendant ANDREAS BECK über seine neuen Produktionen und die Rückkehr nach München

Herr Beck, wie fühlt es sich denn für Sie an, wieder in München zu arbeiten, wo Sie ja studiert haben und bereits Dramaturg am Staatsschauspiel waren?
Für mich fühlt es sich gut an – durch Straßen zu gehen, die ich lange nicht mehr gesehen habe. Das Erschreckende ist, dass ich jetzt 30 Jahre älter bin. Wichtig ist, dass man nicht dem Trugschluss erliegen darf, die Stadt wäre die gleiche. So wie ich mich verändert habe, muss ich die Stadt nun auch neu erleben.

Viele sagen ja, von außen betrachtet wäre München reich und träge. Wie sehr reizt Sie die Stadt erneut, weil Spannungen ja auf den ersten Blick vielleicht nicht so leicht sichtbar sind?
Zum einen ist München eine Kunstund Kulturstadt mit großem Erbe. Das merkt man an jeder Ecke, und es wird gepflegt. Wenn man wie ich aus der Schweiz kommt, wo sich Kunst und Kultur oft verteidigen, wenn nicht sogar rechtfertigen müssen, so sie öffentlich finanziert werden. Hier herrscht ein anderer Geist. Aber dann ist da auch ein München mit allen Vor- und Nachteilen einer boomenden Wirtschaftsmetropole.

Eine Stadt – nicht ohne Ecken und Kanten?
Für mich ist das Zurückkommen – was ich übrigens nie so geplant hatte, sondern was sich ereignet hat – tatsächlich eine Ehre. Ich freue mich, an einem so traditionsreichen Haus nun die Staffel übernehmen zu dürfen.

Eigentlich ist München, wo Andreas Beck Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Soziologie an der LMU studiert hatte, ja so etwas wie die zweite Heimat für den neuen Resi-Intendanten. Am Bayerischen Staatsschauspiel, das er nun als Nachfolger für Martin Kusej leitet, war er von 1994 bis 1997 auch schon als Dramaturg tätig. Nun kommt er 20 Jahre später zurück – „ohne Bange“ und mit tollen Produktionen, die hier entstehen und solchen, die er vom Theater Basel mitbringt.

Die deutsche Theaterlandschaft ist sicher etwas Besonderes, das man schützen und bewahren sollte. Sie arbeiten ja nun fast in einer höfischen Institution, am Residenz-Schauspiel. Wie fühlt sich das an, wenn man die Ahnengalerie abschreitet?
Meine Devise heißt: Nicht bange machen lassen. Theater ist immer eine Verabredung. Man verabredet sich für das Spiel zu Regeln, die es wiederholbar machen. Sich mit einem Haus zu verabreden, bedeutet, dass man weiß, welche Regeln oder Traditionen bislang galten. Das heißt nicht, dass man alles weiter befolgen müsste. Aber man sollte darum wissen und muss ahnen, mit wem man sich trifft, also mit wem man da ein Date hat.

Sehen Sie das so?
Es geht mir darum, gemeinsam Regeln und Möglichkeiten auszuloten. Das ist ein Prozess. Sichtweisen und Traditionen eines Hauses fortzuführen und deutlich zu erneuern.

In der Fußballwelt werden Trainer ja manchmal von einem Spieltag auf den anderen abrupt ausgetauscht. Bei Ihnen sah das ja wohl deutlich entspannter aus. Seit bekannt wurde, dass Sie nach München kommen werden, gab es für Sie zur Vorbereitung ja noch einen längeren Vorlauf.
Es gab einen Vorlauf. Aber die Zeit war für mein Team und mich schon knapp. Es war ja nicht so, dass wir ein Jahr lang pausieren und vorbereiten konnten. Wir haben Basel, ein Drei-Sparten-Haus, wo zum Theater auch Oper und Ballett dazugehören, bis zum Schluss betrieben. Und ich habe dort auch die nächste Spielzeit, die ich verantworte, geplant. Gleichzeitig haben wir die Zeit in München vorgeplant. Das war für alle Beteiligten nicht leicht. Dass wir jetzt die Kisten ausgepackt haben und hier sind, wirkt fast surreal. Mir schießt immer noch durch den Kopf: Haben wir wirklich alles erledigt? Geht’s jetzt wirklich los? Wir freuen uns: Weil jetzt die Schwelle tatsächlich überschritten ist.

Alle Schlüssel in Basel abgeben?
Haben wir. Die Kaution habe ich noch nicht zurück. Aber ich bin frohen Mutes.

Ich kann die Anspannung der letzten Monate gut nachvollziehen, das wirkte ja fast wie eine Doppel-Intendanz.
War es.

Sie nehmen ja auch Produktionen aus Basel mit nach München. Auch einige Kollegen. Das hört sich doch nach einem sehr angenehmen, zivilisierten Übergang ohne rauchende Colts an, oder?
Das haben wir mit Martin Kusej und seinem Team gut hinbekommen. Natürlich setzen sich Dinge neu zusammen und mischen sich anders. Man kann nicht allen Erwartungen gerecht werden. Aber insgesamt betrachtet haben wir den Intendantenwechsel freundlich gelöst.

Nicht immer eine Selbstverständlichkeit in der Theaterszene.
Vielleicht. Doch es gilt: vom Ursprung her ist unsere Kunst eine fahrende Kunst, die wandernde Truppe. Man zieht weiter, das ist die Regel. Und als Theaterdirektor kommt man nicht alleine.

Sie bringen gleich mehrere Produktionen mit aus Basel. Sind das etwa Probleme mit dem Loslassen?
Das Residenztheater braucht aufgrund seines Repertoire-Systems einfach viele Stücke. Für Außenstehende ist das vermutlich gar nicht so erkennbar. Aber wir brauchen viele Bälle im Spiel. Deswegen habe ich gerne einige unserer Erfolge mitgebracht. Das ist ja auch der Grund, warum wir alle hier sind. Hätten wir diese Erfolge in Basel nicht gehabt, wären wir ja nicht gefragt worden, nach München zu kommen. Es ist schön, dieses Polster, quasi als Mitgift, mitzubringen. Aber jetzt gilt: wir müssen als neues Team an einem neuen Ort punkten.

Keine schäbige Mitgift. Das sind ja Produktionen, auf die man sich freuen kann in München.
Das hoffe ich.

Zu den Traditionslinien: In wie weit belastet so eine Vorgeschichte? Oder liegt es in Ihrem Naturell zu behaupten, von nun an einfach alles ganz anders zu machen?
Einmal mehr: Bange machen gilt nicht. Theater entsteht ja immer aus dem Jetzt. Was man am Abend erarbeitet hat, gilt vielleicht schon am nächsten Tag nicht mehr – weil sich das Leben oder das Publikum neu zusammensetzt, oder weil die Situation eine ganz andere ist. Wir haben uns natürlich Gedanken darüber gemacht, wofür stand und steht das Residenztheater und wofür sollte es künftig stehen. Wir übernehmen die Staffel. Das heißt aber nicht, dass wir nicht gänzlich andere Läufer sind als die Vorgänger.

Eigentlich ist es ja schön, wenn über Theater in einer Stadt viel gesprochen und in den interessierten Kreisen auch ein wenig gestritten wird. Gerade auch in der Diskussion um Ihren Intendantenkollegen Matthias Lilienthal an den Kammerspielen war das Resi zuletzt immer wieder – nolens volens – in die Rolle gerückt, der Ort des „wahren Theaters“ zu sein. Etwa in Abgrenzung zum eher Performativen.
Diese Diskussion hatte etwas Quälendes. Ich glaube, dass das Performative eine Spielart von vielen ist. Für mich ist die dramatische Literatur aber auch nicht etwas Überholtes, etwas das es zu ersetzen oder gar zu entschlacken gilt. Wir machen ja Kunst, keine Diät. Was ist Dramatik heute? Darüber kann man herrlich diskutieren. Was bedeutet Autorenschaft? All diese Fragen gilt es, auf die Probe zu stellen.

Konkret: Was ist Ihr Gegenmodell?
Gegenmodell? Lassen Sie es mich etwas anders sagen: Das Schauspielen ist eine der rätselhaftesten Kunstformen. Wie verwandelt sich jemand in eine Rolle? Mit welcher Kraft oder Authentizität legt sie oder er die Rolle an? Wie viel Persönliches steckt darin? Es ist eine ganz merkwürdige Kunst, die Schauspielkunst. Ich liebe das! Und ich glaube, dass sie eine bestimmte Form von Könner*innen und Künstler*innen er - fordert. Für mich stehen die Schauspieler*innen und die Literatur deutlich im Zentrum meines Denkens über das Theater. Das soll aber nicht heißen, dass ich nicht darüber hinaus denke.

Interview: Rupert Sommer

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