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Hoftheater-Chef Stefan Zimmermann: „Ein eigenes Zuhause“

Startet mit Mut und Selbstbewusstsein durch: Stefan Zimmermann
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Startet mit Mut und Selbstbewusstsein durch: Stefan Zimmermann

Neues Kultur-Leben im Stemmerhof: Am 9. September eröffnet Stefan Zimmermann und sein Team das Hoftheater München. Ein echter Mut-Macher!

Herr Zimmermann, in turbulenten Zeiten wie diesen ein neues Theaterzu eröffnen: Gratulation für Ihren Mut. Wie hoch hatten sich eigentlich die Augenbrauen zuletzt gehoben, als Sie im Bekanntenkreis und unter Geschäftspartnern von Ihrem neuen Projekt erzählten?
Im Moment haben viele Leute den kulturellen (Theater-)Faden etwas verloren. Niemand weiß so recht, ob und wann es weitergeht und wann das altbekannte Theater-feeling wieder aufkommen kann. Umso größer ist die Vorfreude, dass es neue Theaterpläne gibt. Auch die Theaterleute, mit denen wir schon lange zusammenarbeiten (a.gon Theater), fanden die Idee großartig und haben gesagt: „Das ist die richtige Zeit für eine Gründung!“

Wie kamen Sie persönlich und mit ihren Theaterprojekten eigentlich durch die schlimme Phase, in der ans Spielen so gut wie nicht zu denken war - und woran richtete Sie sich dann jeweils auf?
Wir hatten so viel Arbeit, dass wir gar nicht zum Nachdenken kamen! Ständig mussten wir unser Gastspieltheater standby halten, Termine verschieben, Verträge ändern usw. Die Theater-Proben haben wir durchgezogen, auch wenn die Premiere plötzlich in weiter Ferne lag. Also: Gespielt haben wir sogar, wenn auch auf der Probenbühne oder einige wenige Streaming-Termine. Und dann war da noch die politische Ebene: Wir haben sehr viel mit den Verantwortlichen gesprochen und viel Zeit damit zugebracht, Förderungen oder Pandemie-Unterstützungen zu beantragen. Die Hilfe des Bunds („Neustart Kultur“) und von Bayern (Erweiterte Spielstättenförderung) ist ja ganz großartig - auch für die privaten Theater!

Sie haben ja selbst schon lange Erfahrungen mit wechselnden Spielstätten: Wie gut fühlt es sich an, wenn man mal ein „eigenes Haus“ bespielt?
Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, künstlerisch ein eigenes Zuhause zu haben. Auch für die vielen Künstler:innen, die mit uns zusammen arbeiten. Vielleicht ist es gerade schön, dass das Format eher das eines Studiotheaters ist. Gerade das bringt so viele Möglichkeiten: Vom Konzert über Kinder- und Jugendtheater bis zum perfekt besetzten Schauspiel. Aber auch an Diskussionen zu Themen der Zeit denken wir. Wir haben schon viele Ideen.

Als Auftrittsort ist die alte Scheune im Stemmerhof ja schon länger in der Stadt bekannt: Wie sind Sie denn auf die Möglichkeit, dort das Hoftheater München zu starten, aufmerksam geworden?
Wir fanden eher, dass dieser kleine Spielort nicht so bekannt war. Uns kam er immer wie ein Geheimtipp vor. Aber konkret: Ein Kollege rief an und sagte, der Stemmerhof sucht einen Mieter für das kleine Theater. Wir haben uns ganz regulär beworben und waren mit anderen Bewerbern im Rennen. Nun hat sich die Familie Stemmer-Kunz am Ende für unser Nutzungskonzept entschieden. Dies hat eine ganze Welle von Umbauarbeiten ausgelöst. Ich glaube, es hat uns alle überrascht, wie viel Arbeit dies schon bis zum heutigen Tag bedeutet.

Was macht für Sie den besonderen Reiz der eher urigen Location aus?
Dieses Zusammentreffen von alter Scheune, ehemaligem Bauernhof und Stadtteilzentrum ist schon eine einzigartige Mischung. Da fühlt sich Kunst und Theater irgendwie wohl, auf Anhieb - also richtig gut aufgehoben. Es standen schon Schauspieler:innen auf der Bühne, die alle sagten: „Tolle Atmosphäre, super Energie hier“.

Mit dem „Hoftheater“-Namen kann man ja in verschiedene Richtungen spielen: Welche Lesart ist Ihnen aktuell die liebste?
Klar, für uns kommt „Hof“ von „Bauernhof“ oder halt vom „Stemmerhof“. Natürlich ist ein kleines Augenzwinkern dabei, weil auch dieses edle „Höfische“ mitschwingt. Auch ein kleines Schlosstheater könnte ja „Hoftheater“ heißen.

Sie lassen derzeit umbauen: Was gibt’s hauptsächlich zu tun und auf was darf man sich freuen?
Das ist so eine lange Liste. Wir haben einen kleinen Empfangsbereich, einen vergrößerten Zuschauerraum: Die Zuschauer sitzen jetzt nicht nur vor der Bühne, sondern auch seitlich davon. Dann wird gerade eine neue Belüftungsanlage eingebaut (mit Wärmerückgewinnung, übrigens mit Fördermitteln von ‚Neustart Kultur’). Wir bauen die Künstlergarderobe um und haben unzählige Kabelarten unter die Böden verlegt. Es gibt viele neue LED-Scheinwerfer, eine neue Tonanlage und last but not least eine Theke für den Pausenausschank (und ein Gläschen vor oder nach der Vorstellung).

Natürlich bringt das Theatermachen mehr als nur die eher feingeistige Kreativarbeit mit sich: Aber zuletzt mussten Sie sich ja im Schnellkurs auch noch zum Luftzirkulations- und Hygieneexpertentum, aber natürlich auch zum Experten in immer neuer Veranstaltungsbürokratie weiterschulen. Wie packt man sich solches Fachwissen drauf?
Indem man nicht weiß, was da auf einen zukommt. Sonst würde man vielleicht gleich wieder weglaufen. Wir hatten unzählige Besprechungen mit Fachleuten und zum Glück ist der Vermieter, Herr Kunz, da sehr erfahren und hat auch ganz viel in die Hand genommen. Er hat ein tolles Team am Stemmerhof, und alle freuen sich auf das neue Theater, so dass wir gemeinsam zwangsläufig von einer Baumaßnahme in die nächste getappt sind. Aber immer super motiviert.

Auf was dürfen sich die Bühnenfreunde aktuell als erstes freuen?
Ein Soloabend mit Marco Michel: „Ein Kuss“ - ein Stück über Antonio Ligabue, den „Schweizer Van Gogh“ von Mario Perrotta

Warum haben Sie „Ein Kuss“ zum Eröffnungsstück gewählt, was macht für Sie den speziellen Charme aus?
Gehen Sie hin! Nicht umsonst schreiben die Kritiken „Weltklasse“ und Ähnliches. Ein mitreißender Abend über einen lange verkannten und verspotteten schweizerisch-italienischen Maler. Man erlebt das ganze persönliche Universum, das der Maler sich geschaffen hat, um nicht an seinem Schicksal zu zerbrechen. Das ist von gewaltiger Kraft und Tiefe. Marco Michel schafft es, diese Figur dicht und eindrucksvoll zu spielen.

Zuletzt war zu hören, dass es im Hoftheater künftig auch mehr als nur eigene Produktion geben wird. Wie breit ist die Spannweite, die Ihnen vorschwebt?
Das Hoftheater München soll eine Bühne werden, die vielen offen steht: Wichtig ist der professionelle Hintergrund. Es ist wünschenswert, dass auch neue Formate, Talente, Werke- was auch immer - im Hoftheater eine Auftrittschance erhalten. Das Theater ist nicht nur auf dem Papier gemeinnützig. Es soll für die Kultur eine gesellschaftliche Funktion übernehmen. Natürlich müssen wir den richtigen Mix finden. Wir müssen letztlich das Programm auswählen und zusammenstellen. Und das Publikum muss wissen, dass es im Hoftheater auf Top-Qualität treffen soll.

Lange Zeit war der Stemmerhof auch als Musik-Location bekannt: Inwieweit wollen Sie an diese Tradition anknüpfen?
Wenn Sie sich unser erstes Programm für September und Oktober ansehen, dann ist der Spielplan schon ein Signal: Hier werden großartige Konzerte stattfinden, ob es junge Bands aus der Reihe „soundscouts - open mic“ sind oder „Klassik ohne Grenzen“ mit dem Ausnahmegitarristen Adrian Ingerl, Chanson Abende - oder der mitreißende Austro-Pop: Es sind alles ganz hervorragende Sänger:innen und Musiker:innen, die sicher gut an die musikalische Tradition anknüpfen werden.

Letzte Frage: Als Künstler musste man zuletzt ja seine Netzwerke gut pflegen, originelle Überlebensideen entwickeln, viel improvisieren, aber oft auch solidarisch kooperieren. Was schätzen Sie: Wie viel von diesem guten Geist lässt sich auch in hoffentlich wieder „normalere“ Zeiten hinüberretten?
Ich hoffe, die normaleren Zeiten kommen bald zurück. Wir haben erlebt, was es heißt, plötzlich keine Auftrittsmöglichkeiten mehr zu haben. Das hat viele Strukturen sichtbar gemacht und ganz sicher den Zusammenhalt gefördert. Doch, davon werden wir schon etwas behalten.

Alle Infos zum neuen Theater und zum Spielplan gibt’s hier: www.hof.theater

Interview: Rupert Sommer

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