Bühnenschau

Pure Freude im Innenhof der Glyptothek: Don Quijote

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Im Innenhof der Glyptothek: Don Quijote

Bis Mitte September stehen die legendären Abenteuer von Don Quijote im Mittelpunkt des Sommertheaters im Innenhof der Glyptothek, Münchens schönster Freilichtbühne.

Sommertheater in Münchens reizvollster Theater-Location hieß bisher immer: es muss passen zu der Antike, wie sie hier in der Skulpturensammlung präsent ist. Also gab man gern römische Komödie oder griechische Tragik. Heuer aber fällt die Truppe um den früheren Studiotheater-Chef Gunnar Petersen heftig aus ihrer antiken Rolle, und landet – sehr zum Gaudium der Zuschauer, die Bravos sind zahlreich am Ende – mitten in: Spanien.

Ein cooler Musikus, Sonnenbrille, Strohhut: Boris Ruge und seine Flamenco-Impros auf der Ukulele reichen schon und wir sind drin, in dieser legendären Geschichte vom alten Bücherwurm, dem die chronische Lektüre von Ritterromanen die Wirklichkeit dermaßen verhagelt, dass er sich selbst fortan als Ritter inszeniert.

Don Quijote de la Mancha“ nennt er sich, unter den Frack noch schnell ein Kettenhemd, eine Schweißermaske als Helm, Speer und Schild (der Deckel eines Abfalleimers). Fehlt noch das Pferd, Rosinante: ein stählernes Schaukelpferd muss reichen (Ausstattung: Jörg Besser). Und fertig ist der Ritter, der später einer von der traurigen Gestalt sein wird, weil er auf seinen Abenteuern kräftig die Hucke voll kriegt.

Und wenn am Ende Petersen und seine Frau Beles Adam die Bühne durch das Publikum verlassen, weil sie, der Ritter und sein Adlatus Sancho Panza, allen Widrigkeiten zum Trotz noch nicht fertig sind mit ihrem Kampf, dann kann man das auch so lesen: diese zwei aus der Münchner Privattheaterszene der letzten 40 Jahre nicht wegzudenkenden Solitäre sind auch noch nicht fertig, sie machen – was ist das schon: Alter? – einfach weiter.

Nur die Regie übernehmen inzwischen andere, was im Fall dieses Abends ein besonderes Glück ist. Georg Büttel, mitten vielen Wassern gewaschener Regisseur, bei „quer“ war er schon, den Garmischer Kultursommer hat er gemanagt, weiß, was er will, und er weiß, was sommerliches Theater braucht (zu dem es natürlich auch heuer wieder ein Glaserl Wein gibt). Also denkt er von Beginn daran, dass Miguel de Cervantes’ Roman (erster Teil von 1605) sowohl Volkstheater als auch Satire, also Zeitkritik, ist. Das mixt das Derbe – da wird schon mal ein Podschamperl (i.e. Nachttopf) zwischen die Zuschauer entleert – mit dem Hintersinnigen, aktuelle Anspielungen inbegriffen.

So trifft Don Quijote statt auf eine Hammelherde auf einen Trupp Investmentbanker oder Galeerensträflinge tragen Overalls in Guantanamo-Orange. Das klingt gewollt, kommt aber nie gewollt rüber, dank eines Ensemble, dem bei ihrem Haufen Arbeit (fast alle spielen mehrere Rollen) zusehen zu dürfen, pure Freude ist: Catalina Navarro Kirner als Dulcinea (des Ritters Traumfrau) und Hausmädchen, und zusammen mit Stefanie Dischinger: ein herrlich preiswertes Nuttenpaar, Sven Schöcker (auch für die griffige Textfassung zuständig) als Hochwürden und Wirt, Alexander Wagner und Mario Lindner als Erzähler, Hirten, Händler.

Der noch etwas größere Jubel nach gut 100 Minuten gilt den beiden Hauptcharakteren. Gunnar Petersens Don Quijote ist ein Ereignis. Ein wunderlicher, aus der Zeit gefallener Senior, mutiger Alter, zorniger Verteidiger vor Unrecht, aber auch ein Spinner, mit verschmitztem Grinsen, treuseligem Schmunzeln oder starrem Irrsinnsblick. Beles Adam als Sancho Panza, die Hände in den Hosentaschen, schlendert als coole Socke daher, innerlich der ängstliche Typ, aber existenziell pragmatisch, Familie und Hunger machen den Job attraktiv. Auch wenn’s dann keinen Esel zum Reiten gibt, sondern nur ein Holzfass.

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