Bühnenschau

Die Kammerspiele unter neuer Leitung: gelungener Start

„Eine Jugend in Deutschland“ in den Kammerspielen
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„Eine Jugend in Deutschland“ in den Kammerspielen

Alles auf Anfang: Intendantenwechsel an den Münchner Kammerspielen – und das erste Mal in der über 100-jährigen Geschichte des Hauses ist der Chef eine Chefin: Barbara Mundel, 1959 in Hildesheim geboren, kennt das Haus, sie war hier schon als Dramaturgin tätig.

Sie steht für ein Theater, das sich ganz bewusst in einer Stadt verortet, wie sie zuletzt in Freiburg über zehn Jahre demonstriert hat, und dabei durchaus Traditionen nicht als Last begreift. Ihr erster Münchner Spielplan setzt auf viel Neues, die Klassiker fehlen erst mal. Nach den ersten Produktionen aber darf man schon mal sagen: das lässt sich gut an.

Die neue Handschrift erkennt man schon an den Spielstätten der Kammerspiele. Zwei heißen wieder, wie früher, Schauspielhaus und Werkraum, die Spielhalle im Neubau, zuletzt die Kammer 2, heißt jetzt Therese-Giehse-Halle: Verbeugung vor einer Münchner Schauspiellegende und einer selbstbewussten, engagierten Frau. Die fortan im Foyer des Schauspielhauses auch mit einer Büste geehrt wird (bisher sind hier nur Männer vertreten) – obwohl Mundel gar nicht so sicher ist, dass der grundbescheidenen Giehse, die die meisten wohl als Oma vom Tscharlie in Helmut Dietls „Münchner G‘schichten“ vor Augen haben, soviel Gewese um ihre Person wirklich gemocht hätte.

Den Start in München hat sich das Team sicher anders vorgestellt – jetzt fällt er mitten in die Pandemie, also greifen sie frontal das Thema auf, an dem man sowieso nicht vorbeikommt: im Zuschauerraum nicht, in den nur 200 Leute dürfen, und auf der Bühne nicht, wo peinlich genau Abstandskonzepte einzuhalten sind. Falk Richter, einer der neuen Hausregisseure, zeigt, untersucht, hinterfragt, dokumentiert in seinem Text „Touch“ (den er zusammen mit Choreografin Anouk van Dijk auch inszeniert hat) eine Gesellschaft im Lockdown. Menschen irren umher, weichen sich aus, Nähe gibt’s nur durch Plastikfolien oder Plexiglasscheiben. Jedem schwirrt was anderes durch den Kopf: Einsamkeit, Fernsehwissen, Rassismus, Konsum, Klimawandel, Verschwörungstheorien. Diese Menschen in der Zwangsdistanz neigen zum Monolog, im Dialog wird‘s auch mal boulevardesk: wenn ein schwules Paar und zwei Schwestern sich in diesen seltsamen Zeiten kennenlernen. Verbindung in dieser kalten Welt aus Eisschollen und Computerplatinen findet statt im Tanz, in der Live-Musik. Viele Momente in einem Heute, aus dem sich vielleicht was lernen lässt: das Goldhirn, das sich in die Szene senkt, mag dazu einladen (u.a. mit Anne Müller, Anna Gesa-Raija Lappe, Christian Löber, Thomas Hauser, Erwin Aljukić).

Nächste Uraufführung: ein One-Woman-Show der besonderen Art - „Ich bin‘s Frank“. Der hier gemeint ist, ist Frank Levinsky aus der früheren Vorabend-Soap „Verbotene Liebe“. Und nach ihm nennt sich Julia Häusermann, wenn sie ihrer Leidenschaft und ihrer Berufung nachgeht: sie ist Schauspielerin. Und sie hat Trisomie 21. Was sie uns miterleben lässt (Regie: Nele Jahnke, in Kooperation mit dem Schweizer Inklusionstheater Hora), ist ganz anders als der missmutige Blick der Bäuerin, die raumhoch als Gemälde auf der Bühne hängt, befürchten lässt. Häusermann lädt ein, ihr zuzuschauen, wie sie ist, was sie mag – eben Soaps, Schlager, Pferde –, sie verteilt Blumen, animiert zum Mitklatschen, wenn sie singt, fordert Körperübungen von Zuschauern – und ist dabei durchaus eine strenge Lehrerin. Umwerfende Präsenz, Charme und Witz: ein Ereignis, bei dem theaterübliche Beurteilungsmaßstäbe nicht greifen. Ein Ausflug in die pure Lust am Leben und an der Kunst.

Neben dem integrativen und diversen Aspekt ist auch der Blick in die Geschichte Teil von Barbara Mundels Konzept. Jan-Christoph Gockel, ebenfalls neuer Hausregisseur, verbindet in seiner Einstiegsinszenierung persönliche, lokale und nationale Geschichte. Der Dichter Ernst Toller gehörte zu denen, die 1918 in München die Räterepublik versuchten. Göckel nimmt Tollers autobiographischen Roman „Eine Jugend in Deutschland“ als Basis für ein Bio-Pic in sechs Folgen. Um weitere Texte aus Tollers Werk ergänzt, bedient jede Sequenz ein anderes Genre: Puppenstube, Film, Reportage, Revue. Mit den Puppen von Michael Pietsch ziehen wir von der Schulbank in den Ersten Weltkrieg – was den Puppen die Gliedmaßen kostet und Toller seine Kriegsbegeisterung. Wir folgen dem Mörder von Kurt Eisner in Schwarz-Weiß-Kintopp ins Hotel Vier Jahreszeiten, wo er bei Rechtsnationalen Unterschlupf findet. Tollers Flugzeugabsturz kommt als Video live aus dem Hof der Kammerspiele. Dazu die Vielschichtigkeit der Hauptfigur, mal ist Toller eine Marionette, dann das ganze Ensemble: Gockels bildwuchtige Reise kommt manchmal etwas wissensüberfrachtet daher, aber sie ist berührend-würdige Erinnerung an einen vergessenen Dichter. Und großartig gespielt von altbekannten – Gro Swantje Kohlhof, Walter Hess -- und neuen Kammerspielern wie u.a. Julia Gräfner, Sebastian Brandes und André Benndorff.

Autor: Peter Eidenberger

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