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Dracula am Deutschen Theater: Besonderer Saft  

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Dracula: Thomas Borchert und Patrick Stanke
Dracula: Thomas Borchert und Patrick Stanke © Susanne Brill

Grusel, Emanzipation und ganz schön rockig - Dracula am Deutschen Theater

Der Herr ist vom Fach. Er war schon Frankenstein, Graf Kukola im „Tanz der Vampire“, und nun also der Chef der Blutsauger höchstselbst: Graf Dracula. Thomas Borchert, der die Hauptrolle in der neuen Produktion am Deutschen Theater spielt, weiß um seine Wirkung. Im festlichen Ornat erst, dann im schwarzen Brokat-Gehrock, das lange schwarze Haar gewellt, der Blick fest, dunkel, ernst: das Böse ist hier schlagartig von der ersten Szene an präsent. Und man ahnt: das wird wohl kein lustiger Abend.

Kein „Tanz der Vampire“. „Dracula“ auf der Bühne: uraufgeführt 2001 (deutschsprachige Erstaufführung 2005 in St. Gallen), war das Musical von Frank Wildhorn (Texte: Christopher Hampton, Don Black) auch auf dem Broadway kein großer Erfolg. Ganz im Gegensatz zu der umjubelten Freilichtaufführung von 2021 auf der Wilhelmsburg in Ulm. Regisseur Alex Balga war damals schon klar: mit den filmischen Adaptionen dieses legendären Schauerromans des Iren Bram Stoker von 1897 kann und will er nicht konkurrieren. Schon gar nicht mit den blutigen Bildern etwa des Filmes von Francis Ford Coppola von 1993.

Die Bühnenstory folgt im Wesentlichen der literarischen Vorlage, sie spielt in Rumänien und London, bleibt in Kostümen und Ausstattung der viktorianischen Epoche treu – der besondere Saft aber in dieser Geschichte um Liebe und Tod, das Blut, kommt hier (bis auf einen kleinen Messerritzer) metaphorisch, ja schon poetisch daher: als rotes, wallendes Tuch oder roter Nebel im Video. Den Horror voran treibt der Komponist mit Bombast-Pop. Gerne wird in die Vollen gegriffen, der Gitarren-Metal-Sound heizt noch zusätzlich auf. Wildhorn kann aber auch Musical-Konvention, bis ins Schlagerhafte, bis zum Kitsch – und ein bisschen lustig geht auch: zur Bräutigam-Schau gibt’s dann 3/4- Takt.

Das 17-köpfige Orchester (unter Alexander Kowalewitz, dem langjährigen Kapellmeister vom Gärtnerplatz) beherrscht das alles brillant. Und der Sound ist ausgewogen, nur selten kommt er dem Text in die Quere. Für München hat man diesen Ulmer „Dracula“ etwas umgebaut und umbesetzt, aber er funktioniert auch hier – von ein paar Längen abgesehen – als temporeiche Show aus Musik, Licht und Nebel. Und kommen auch die Personenregie etwas steif und so mancher Dialog – alte Musical-Krankheit – etwas hölzern daher: die Typen überzeugen.

Valerie Luksch verfällt vom unbändigen Charme ihrer Lucy ins frierende Grauen der Untoten. Patrick Stanke als Prof. van Helsing: ein stimmgewaltiger Überzeugungstäter als Vampirjäger. John Davies: kein Irrer, sondern anrührender Glatzkopf. Und nicht zuletzt die großartige Roberta Valentini. Mit ihr schleicht sich in den Grusel die Emanzipation einer Frau von ihrem Normalo-Gatten (Philip Schwarz als Jonathan). Ihre Mina, getragen von enormer stimmlicher Präsenz, ist eine moderne, kämpferische Frau, die sich sehr bewusst einlässt auf Draculas Faszination.

Natürlich reißt es das Publikum am Ende, nach zweieinhalb Stunden, musicalüblich aus den Sitzen, natürlich ist der Jubel groß und – auch das gehört inzwischen dazu – natürlich hat nur ein Teil des Publikums die Hände frei zum Klatschen: der Rest filmt mit dem Smartphone. So gibt’s den Schlussapplaus jetzt auch auf YouTube. Nun denn. Dass es für diese Premiere am Deutschen Theater noch etliche Karten gegeben hätte, ist schmerzhafter Beleg für die Zurückhaltung, mit der alle Theater zur Zeit kämpfen. Dagegen hilft nur eins: reingehen!

Autor: Peter Eidenberger

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