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Die verlorene Ehre der Katharina Blum am Volkstheater

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Die verlorene Ehre der Katharina Blum am Volkstheater
Wenn das Erträgliche an Grenzen stößt: Katharina Blum © Volkstheater München

Kein Schutz gegen den Schmutz- Der Saisonstart am Volkstheater mit Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Vielleicht geht’s ja nur einem selber so, aber irgendwie ist einer der wichtigsten deutschen Nachkriegsautoren, Heinrich Böll, der Literatur-Nobelpreisträger von 1972, gestorben 1985, aus der Wahrnehmung verschwunden. Und so ist der Plan des Volkstheaters, mit seiner wohl berühmtesten Erzählung in die neue Spielzeit zu starten, ein willkommener Anlass, das alte, angegilbte dtv-Bändchen (damals noch zum Preis von 3 Mark 80 erworben) nach geraumer Zeit wieder mal aus dem Regal zu ziehen.

Und man liest nicht nur rein, nein, man liest sich fest und bleibt dabei, die ganzen 120 Seiten, und stellt überrascht fest, wie die Story immer noch packt, wie zeitlos, modern dieser Stil immer noch greift, in dem Böll „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ geschrieben hat: in Form eines Berichtes. Und man ist gespannt, wie diese Geschichte heute fürs Theater adaptiert wird.

Eine junge Frau, Mitte zwanzig, geschieden, allein lebend, lässt sich unwissentlich mit einem gesuchten Verbrecher ein. Sie gerät in die Verhörmühle der Polizei, und in die Hölle des Revolverblatt-Journalismus. Ihre Persönlichkeit zerbricht, nach und nach, weil mit großen Aufmachern – Böll nennt das Blatt ZEITUNG, in schwer verkennbarer Anspielung auf die vier großen Lettern des führenden deutschen Boulevardmediums – die Fakten willkürlich uminterpretiert und rufschädigend ins Volk geplärrt werden. Der verantwortliche Journalist wird das nicht überleben.

Hausregisseur Philipp Arnold reduziert das Personal neben der Titelfigur massiv auf zwei Polizisten (übergriffiger bad cop: Jonathan Müller, schnieker good cop: Max Poerting) und den Reporter (Julian Gutmann). Seine Inszenierung bleibt der Entstehungszeit der Vorlage verhaftet: in der offenen Werkstatt-Drehbühne (von Viktor Reim) vergnügen sich Kölsche Jecken vor großmustrigem Tapetengrauen der 1970er Jahre, im Alltag trägt die Blum zur spießigen Bluse einen Midi-Faltenrock. Allein ihre Wohnküche könnte aus dem aktuellen Ikea-Katalog sein und auch ein paar Männeranzüge verweisen ins Heute. Und der Einsatz der Live-Videokamera, von den Schauspielern selbst übernommen und inzwischen wohl unvermeidlich, wenn Nähe und Intensität überdimensional sein müssen.

Weil Arnold diese eher in sich gekehrte Katharina Blum zweifach besetzt, ergibt das einen reizvollen Zusatzeffekt: Ruth Bohsung betrachtet ihr alter ego Nina Steils im großen bühnenbreiten Live-Video beim Eskalieren der eigenen Gefühle. Das ist noch einmal eine bildstarke Verdichtung an einem Abend, der ansonsten doch relativ brav die Geschichte erzählt, im Fokus die innere Qual der jungen Frau, die Qual durch Rufmord und öffentlichem Ausgeliefertsein. Arnolds Regie kann den Holzschnitt nicht ganz vermeiden, dass Blum dann im Affekt mordet, kommt überfallartig – und die Tat kippt fast schon ins Komische, weil der Schuss nach Schüsschen aus einer Spielzeugpistole klingt.

Der Beifall für die Darsteller*innen nach knapp 90 Minuten ist groß, und für das Inszenierungsteam gibt’s Jubel. Trotzdem: man hätte eine zentrale Böll-Frage ernster nehmen dürfen. „Kann der Staat nichts tun, um mich gegen diesen Schmutz zu schützen?“ Eine brennend aktuelle Frage in Zeiten chronischer Shitstorms auf Twitter und Co. Sie steht auch groß auf der Rückseite des Programmheftes. Man kann sich vorstellen, dass ein hoch politischer Autor wie Böll diese Frage heute vertiefen würde. Die Inszenierung verpasst diese Chance.

Autor: Peter Eidenberger

Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann von Heinrich Böll. Noch bis 11. November im Volkstheater München.

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