Ortsgespräch

„Gar nicht so leicht, ein Theater hochzuziehen“

Christian Stückl
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„Mein Lieblingsort ist und bleibt die Bühne“: Christian Stückl

Eigentlich ist Christian Stückl gar nicht so leicht aus der Ruhe zu kriegen. Doch wenige Tage vor der großen Eröffnung im neuen Münchner Volkstheater steht der Vollblut-Intendant unter Strom. Man darf sich mit ihm freuen.

Herr Stückl, Sie haben ein niegelnagelneues Theatergebäude vor sich. Los geht’s Mitte Oktober. Wie fühlt sich die Vorfreude an: Wie beim Weihnachtszimmer, von dem man als Kind schon genau wusste, wie wunderschön, aufregend und toll es ist, aber man muss eben doch noch ein bisschen warten, bis man endlich eintreten darf?
Ganz so ist es nicht. Wir ziehen ja eigentlich schon seit dem Frühsommer um. Und wir sitzen bereits mittendrin und arbeiten im neuen Theater. Aber natürlich: Endlich geht’s dann los. Ich habe einen Mitfahrer, der jeden Tag bei mir im Auto sitzt. Der sagt zu mir: Du wirst jeden Tag nervöser!
Ehrlich, warum denn das? So flatterig kennt man Sie ja gar nicht.
Es ist aber wirklich so. Ich werde jeden Tag aufgedrehter, bin nervös und fange zum Zucken an. Weil es eben noch so viel Arbeit gibt. Beim Christkindl wird man ja am Tag davor ganz nervös. Das geht jetzt schon zu lange so bei mir. 
So schlimm? Jeder, der etwas Großes vorbereitet oder vielleicht auch selber mal eine Baustelle gehabt hat, kann sicher verstehen, wie es Ihnen aktuell geht. Aber es muss doch wohl ein Gefühl von schöner Nervosität sein?
Im Augenblick ist es Nervosität. Ich weiß nicht, ob das schön oder gut ist. Aber natürlich gibt es viele Sachen, bei denen wir stolz sind, dass wir sie so hingebracht und gut geschafft haben. Vor allem, dass wir den Bau mit dem vorgesehenen Geld fertig bekommen haben. Aber dann passiert doch jeden zweiten Tag was – etwa, dass zwischendurch plötzlich die Drehbühne nicht funktioniert oder es hier und dort eben doch noch nicht perfekt klappt. Wir sind immer noch total am Rödeln, damit wir alles rechtzeitig zur Eröffnung auf die Reihe kriegen. 
Aber mal schön positiv gedreht: Dass die Fertigstellung des neuen Volkstheaters in so schwierigen Zeiten überhaupt möglich war, ist schon ein kleines Wunder. Ab wann stellte sich bei Ihnen denn so was wie Zuversicht ein, dass der Bau fertig und alles schön und rund werden würde?
Eigentlich schon, als wir loslegten. Wir haben in vielen Punkten einen guten Griff gemacht: mit dem Architekten und auch mit der Bauführung. Und dann auch mit dem Baureferat. Die ganze Zusammenarbeit ist eigentlich sehr gut gelaufen. Ab dem Moment, als plötzlich Corona kam, hat man natürlich Angst gekriegt. Ich hab mich schon immer wieder gefragt: Schaffen wir das wirklich? Aber auch da hatten wir Glück.
Inwiefern?
Dadurch zum Beispiel, dass unser Rohbau zu dem Moment, in dem die Pandemie losging, schon stand. So konnten schon viele Arbeiter heimgeschickt werden, die zuvor am Rohbau beschäftigt waren. Trotzdem blieb’s natürlich aufregend. Es hört sich immer so schön an, wenn man sagt: Alles ist rechtzeitig fertig geworden. Natürlich werden wir am 15. Oktober eröffnen - so wie wir es geplant haben. Aber eins kann ich jetzt sagen: Die Nervosität und das ewige Hoffen bleiben bis zum Schluss. Es ist gar nicht so leicht, ein Theater hochzuziehen!
Wie muss man sich den ganzen Wirbel hinter den Kulissen eigentlich konkret vorstellen: Wer umzieht, weiß ja, dass man dann mal für zwei bis drei Tage zwischen den Stühlen sitzt. Wenn die eine Wohnung schon leer und die andere möglicherweise noch nicht eingeräumt ist. Aber wie funktioniert eigentlich ein Theater-Umzug?
Es ist Ende September. Und natürlich befinden wir uns in der Tumblingerstraße. Allerdings eben auch nicht so ganz. Gerade eben proben wir fünf neue Produktionen für den Spielzeitbeginn. Und natürlich proben wir im neuen Theater. Aber auch in der Brienner Straße ist die Bühne derzeit belegt, weil auch dort noch Proben stattfinden. Dann findet noch etwas auf unserer alten externen Probebühne statt – und selbstverständlich auf den zwei Probebühnen im neuen Haus. Ich fange selbst gerade mit den Endproben für „Edward II“ an. Wir schwimmen also manchmal noch zwischen altem und neuem Haus. 
Das muss doch ganz oben auf Ihrer Wunschliste gestanden haben: Dass man sich beim Arbeiten nicht mehr so zerreißen muss. Sobald mal alles eingespielt ist, können die Proben, aber auch das Herstellen der Kulissen oder der Kostüme alles an einem Ort stattfinden?
Natürlich. Das wird jetzt alles Schritt für Schritt möglich werden. Im Laufe des nächsten halben Jahres sollen alle Gewerke ins neue Theater eingegliedert werden. Dann müssen wir zwischendurch keine Container von der Innenstadt an den Stadtrand fahren. Und dann müssen wir auch keine externe Probebühne am Nordbad mehr nutzen. Alles findet dann in der Tumblingerstraße statt - für alle Schauspieler und alle meine Mitarbeiter.
Von außen betrachtet hatte vermutlich nicht jeder Theaterbesucher im netten, aber engen Hinterhof in der Brienner Straße mitbekommen, wie viel logistischer Wahnsinn sich hinter der Bühne abspielte. Sie mussten ja von Lastwagen durch eine enge Einfahrt jeweils die Kulissen abholen und anliefern lassen. 
Da ist viel Schweiß geflossen. Aber wir waren’s halt so gewohnt. Wir haben drüben auch toll Theater gemacht. Und auch dort hat alles gut hingehauen. Aber trotzdem freut’s mich natürlich riesig, dass sich das alles nun verändert – und der Stress irgendwann weniger wird. Oder ein anderer.
Niemand wird sich über ein schönes neues Theater beklagen. Aber haben Sie vielleicht jetzt schon Sorge, es könnte zu perfekt sein – weil Sie und Ihr Team ja über die Jahre gelernt haben, sich zu arrangieren und zu improvisieren?
Vor dem Luxus haben wir keine Angst. Es ist halt jetzt alles um ein Vielfaches größer. Wir sind mehr Mitarbeiter im Haus. Und wenn ich auf unsere neue Bühne trete, kommt natürlich schon der Gedanke, dass es gar nicht so leicht sein könnte, alle Produktionen aus dem alten Haus dafür anzupassen. Wie gesagt: Eine Nummer größer! Aber damit freunden wir uns schnell an.
Verlaufen haben Sie sich im neuen Haus aber noch nicht?
Na! Es kann sicherlich sein, dass es Orte gibt, an denen ich noch nicht war. Ich war etwa noch nicht in jedem Raum hinter den 300 Türen drin. Aber das wird auch noch passieren.
Oft wird das Gewusel hinter der Bühne ja ein wenig romantisiert – nicht zuletzt in Stoffen wie „Die Schöne und das Biest“. Und gerade die sonst nicht zugänglichen Räume üben ja eine besondere Magie aus. Haben Sie denn im neuen Theaterbau schon einen Lieblingsort?
Nein, den habe ich noch nicht gefunden. Mein Lieblingsort ist und bleibt die Bühne.
Aber ab und an eine Rauchpause braucht es vielleicht doch?
Die braucht es. Vielleicht werde ich mir auch irgendwann mal ein Café außerhalb des Theaters als neuen Lieblingsort finden. Aber dafür war noch keine Zeit.
Ihr Ensemble ist ja kräftig angewachsen – auf nun 22 Schauspieler. Und nach dem, was Sie für die neue Volkstheater-Spielzeit angekündigt haben, wollen sie mit 16 neuen Produktionen aus allen Rohren schießen. Spiegelt sich da auch ein wenig der Überdruck aus der Zeit, in der man oft nicht so recht spielen und das Team auftreten lassen konnte?
Wir haben uns schon beschränkt! Wenn man sich die Spielpläne der anderen ansieht: Das Resi macht um die 25 Neuproduktionen, die Kammerspiele machen rund 25. Wir sind zehn drunter! Wir machen mehr als in der Vergangenheit. Aber wir bauen uns langsam auf!
Trotzdem: eine selbstbewusste Ansage.
Wir haben schon lange keine 16 Produktionen mehr angekündigt. Das lag aber auch daran, dass ich zuletzt immer wieder gezwungen war, schnelle Entscheidungen zu treffen. So haben wir in der Corona-Zeit ja mal kurzfristig den Urlaub vorverlegt. Und dann haben wir einfach fünf neue Produktionen gemacht, die vorher gar nicht im Raum standen. Jetzt endlich wieder einen richtigen Spielplan zu veröffentlichen – und das mit 16 Produktionen – macht schon Spaß. So kommt langsam vielleicht endlich wieder die Normalität zurück ins Theater.
Immerhin können Sie ja jetzt auch wieder mit einigermaßen vollständigen Zuschauer-Besetzungen planen, oder?
Das hoffen wir sehr! Wir leben ja vom Zuschauer. Und wir leben davon, dass die Leute zu uns kommen und sich unsere Sachen anschauen. Es macht ja keinen Spaß, wenn man Theater nur für eine kleine Gruppe macht. So was war zwischendurch schon mal in Ordnung. Aber letztlich geht’s mir ums große Publikum. Vieles was zuletzt im Digitalen gelaufen war, kann man schon machen. Aber es befriedigt eben nicht vollständig. Auch wenn die Leute jetzt vielleicht noch mit Masken drinnen sitzen müssen: Seien wir doch froh, dass wir jetzt wieder volle Säle haben können!
Einmal noch zurückgeblickt auf die besonders düsteren Tage: Als Intendant sind Sie ja nicht nur fürs rein Künstlerische zuständig, sondern müssen den Laden ja auch organisatorisch zusammen und am Laufen halten. Waren Sie zwischendurch nicht auch eine Art oberster Seelentröster?
Zwischendrin waren schon manche Tage dabei, an denen genau das stark gefordert war. Ich bin eigentlich ein Mensch, der immer weiß, wie es weitergeht. Und manchmal gab es riesige Löcher im Ablauf – und auch ich wusste nicht genau weiter. Das war schon anstrengend. Man darf dann aber nicht zu nervös werden und muss sich für Geduld stark machen. Ich musste schon dafür werben und darauf achten, dass die Leute ruhig und bei der Stange bleiben. Wir haben versucht, immer sofort wieder zu spielen. So haben wir im vergangenen Jahr im Sommer die Pause vorgezogen, und so konnten wir im Frühherbst oder im Spätsommer wieder loslegen, als das ging. Es war aber ein Kraftakt. 
Macht Ihnen das Wieder-Spielen-Können nun so sehr Spaß, dass Sie sich gleich zwei eigene Regiearbeiten gönnen – zunächst Christopher Marlowes „Edward II“, danach die Literaturadaption „Unter Leuten“ von Juli Zeh? Machen Sie sich damit selbst eine Freude, endlich mal wieder zu dem zurückkehren zu können, was Theater ja eigentlich ausmacht?
Bei mir steht ja das Passionsspiel in Oberammergau auch noch an. Das wurde zuletzt bekanntlich auch abgesagt. Natürlich bin ich schon sehr froh, dass ich wieder ganz normal inszenieren kann. Es ist nämlich grausig, wenn man immer nur wartet und wartet. Inszenieren ist meine Lieblingsarbeit. Deswegen macht mir das schon Freunde. Gleichzeitig habe ich im Augenblick eben noch zusätzlich drei Projekte vor der Brust. So baut sich wieder Druck auf. Und so viel Zeit hat man eigentlich gar nicht. Aber es wird dann schon alles funktionieren.
Sie dürften durch die Passionsspiele ja einen guten Draht haben: Gehen Sie eigentlich selber noch auf eine Wallfahrt, wenn das alles eines Tages durchgestanden ist?
(lacht) Ich glaube, ich bin in meinem Leben genug gewallfahrtet.

Interview: Rupert Sommer

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