Bühnenschau

Tanz auf der Wampn

Ein ganz besonderer Floh-Zirkus

A Hetz: Stefanie Sargnagels „Am Wiesnrand“, urauf geführt am Volkstheater

Krawallautorin: das ist so eines der Etiketten, das man der 1986 geborenen Wienerin Stefanie Sargnagel, die auch Cartoonistin ist, draufgepappt hat. Aber das greift viel zu kurz. 

Mit Arbeiten zwischen ironischer Selbstbespiegelung und bissigem Gesellschaftskommentar in Fanzines und auf Facebook bekannt geworden, ist sie die letzten Jahre durchgestartet, bis zum Publikumspreis beim Ingeborg-BachmannWettbewerb und auf der Theaterbühne. In München konnte man schon 2018 als Gastspiel vom Rabenhof Theater in Wien „JA EH! – Beisl, Bier und Bachmannpreis“ bejubeln: dafür gab’s beim Radikal jung Festival hier am Volkstheater noch einen Publikumspreis drauf. Für das Münchner Haus Grund genug, die Autorin mal aus Wien wegzulocken, um was Münchnerisches zu begutachten. Und zwar das Münchnerischste überhaupt.

Sie haben sie auf die Wiesn geschickt, drei Tage lang, Recherche am lebenden Objekt. „Am Wiesnrand“ ist ein Erlebnisaufsatz geworden, von fasziniert bis distanziert, mal überspitzt, dann derb, „jede Bier- eine Samenbank“ schreibt sie, und pötzlich wieder liebevoll, also ganz der Sargnagel-Stil: „Großmutter und böser Wolf in einem“ nannte das Spiegel online mal. Einmal Oktoberfest, mit alles: Outfits, Trachtenzug, Pfandflaschensammler, Bier, Fleischfetzen, Hendlplüschmützen, Fahrgeschäfte, die Sprüche im Teufelsrad, saufen, kotzen, schnackseln, die verkleideten Touris, Securities, Lebkuchenherzen, die Schönheitsoperierten beim Käfer. Eine leise Sehnsucht schwingt bei der Ich-Erzählerin mit, in dem ganzen Irrsinn vielleicht doch auch den Traumprinzen zu finden – drei Männer fliegen ihr zu. Der letzte schläft besoffen auf ihrem Schoß ein: „Ich fahr ihm durch sein struppiges Haar und vergrabe mein Gesicht darin. Es riecht angenehm nach Dung.“

Was dieser Mann mit Flöhen zu tun hat, blenden wir aus – aber die kleinen Insekten haben es der Autorin tatsächlich angetan. Schließlich war sie auch im Flohzirkus. Regisseurin Christina Tscharyiski – auch Wienerin, man kennt sich von „JA EH!“ – und ihre Bühnen- und Kostümbilderinnen Sarah und Svenja Sassen greifen das lustvoll auf und machen daraus zwei zentrale Elemente dieser Uraufführung: der Text wird von fünf Flöhen präsentiert, und die hausen auf einem gewaltigen gwamperten Torso, der – detailverliebt ausgearbeitet: aus den Poren kräuselt sich schwarzes Haar – bühnenbreit vor einem Bergidyll flackt.

Dazu die Kostüme für die Flöhe: etliche Schichten schwerer Woll-Stoff, dazu Flohmasken, die Füße mit dicken Socken stecken in Bergschuhen. Für die Schauspieler Henriette Nagel, Pola Jane O’Mara, Nina Steils, Jan Meeno Jürgens und Jonathan Müller ist dieses Insektenleben eine schweißtreibende Angelegenheit. Denn der gemeine Floh ruht ja selten, er hüpft durch die Gegend, und das machen die fünf auch, mehr noch, sie rutschen, springen, toben. Und tanzen müssen sie auch noch. Denn Sargnagels Text ist kein Drama. Der tagebuchartige Fluss der Erlebnisse braucht Stütze, Auflockerung, auch Bremse, und das liefert die Musik der Wiener Band EUROTEURO: Wiesnzelt-Trash, und ein paar Cover. Sie graben sogar den Ententanz aus (eine sehr gewollte Idee, denn den spielt auf der Wiesn seit gefühlten Jahrzehnten keiner mehr).

Dem Erfolg tut das keinen Abbruch. Langer, begeisterter Beifall nach eineinhalb Stunden. Stefanie Sargnagels Wiesnausflug – für Münchner: ned schlecht, für Wiener: a Hetz.

Autor: Peter Eidenberger

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