Bühnenschau

Der Preis der Phantasie

Böses Machtspiel in der bunten Zirkuswelt

Pavel Kohouts zeitlose Parabel „August August, August“ im Theater Viel Lärm um nichts

Nein, bei der Aufzählung im Stücktitel wurde kein Komma vergessen, die Sache dreht sich wirklich um August, mit Vornamen, der auch August mit Nachnamen heißt, und von Beruf Clown ist, also: August.

Und dieser August ist ein bisschen dumm, aber lustig, ein Tölpel wie er im Buche steht, mit einem großen Herz, obwohl er gar nicht weiß, was zum Beispiel eine Familie ist, und ein gnadenloser Wortverdreher. August treibt eine große Sehnsucht: die Lippizaner dressieren. Oder, wie er das nennt: die Lizzipaner frisieren.

1968 hatte gerade 50. Geburtstag, allerorts wurde viel daran erinnert, ein Aufbruch nicht nur Westen, sondern auch im Osten: in der Tschechoslowakei hieß das „Prager Frühling“, und einer der Wortführer dieser Bewegung war der inzwischen 90jährige Bürgerrechtler und Dramatiker Pavel Kohout.

Ein Jahr zuvor, 1967, hat Kohout „August August, August“ verfasst, ein Stück, das rückblickend geradezu prophetisch wirkt. Denn es geht nicht gut aus: in Prag nicht, und auch für August nicht. Und so ist es in Zeiten wie heute, wo sich Populisten wieder ihre Autokratien basteln, alles andere als Zufall, dass das Pasinger Theater Viel Lärm um nichts das Stück wiederentdeckt: weil es vom Glauben an Ziele und Träume erzählt, und von deren Scheitern in restruktiven Strukturen. August, den Denis Fink, nicht nur Schauspieler, sondern auch gelernter Clown, mit unbändiger Neugier spielt, ist wild entschlossen, seine Pferdenummer zu kriegen.

Das gebührt aber nur dem Zirkusdirektor, sagt der Zirkusdirektor von Andreas Seyferth, der seine Verlogenheit gekonnt in fracktragender Würde versteckt. Also will August Zirkusdirektor werden, das heißt aber: Bedingungen erfüllen. Er braucht eine Visitenkarte und eine Familie. Die gründet er mit der Puppe Lulu, die Judith Bopp zu einem schmollmündigen Harlekin erweckt. Mit der heimst sich August aber auch ein turbulentes Familienleben ein: der Schwiegervater funkt dazwischen (expressiv: Marion Niederländer, die auch, schaukelnd und singend, als Todesengel den Abend rahmt). Als August auch noch den Zirkus kaufen muss, was ebenfalls gelingt, trotz aller Prügel, die ihm vor allem der zwielichtige Adlatus des Direktors zwischen die Beine wirft (Alexander Wagner als Stallmeister), ist er immer noch nicht am Ziel. Denn als er in der Manege steht, kommen nicht die ersehnten „Lizzipaner“.

Den Zirkus zaubern sie im schwarzen Raum des Viel Lärm um nichts aus einem Lametta-Vorhang, ein paar Manegensegmenten, bunten Zirkusklamotten (Bühne, Kostüme: Peter Schultze, Johannes Schrödl) und der Live-Musik – Gitarre, Snare-Drum, Plastiktüte – von Marcus Tronsberg.

Und dann braucht es nur noch den atmosphärisch und stilistisch fein überlegten Zugriff der Regie von Sven Schöcker – und die Lust, aus wenig viel zu machen: aus einer Decke wird ein Kind, und die Phantasie bollert auch mal in Plastikeiern über die Bühne. Aus Komik und Melancholie entwickelt sich eine Zirkuspoesie, die fast schön wäre, wäre der Subtext nicht so grausam.

Ein Traum, sagt der Zirkusdirektor einmal, soll auch ein Traum bleiben, die die oben sind, bleiben oben, und die, die unten sind, fallen noch tiefer: der Preis, den August in diesem Machtspiel zahlt, ist tödlich. Großer Beifall – auch wenn die versprochenen 16 somalischen Elefanten dann doch nicht auftreten.

Autor: Peter Eidenberger

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