Bühnenschau

Im Strick der Hybris

Die Qual des Menschseins

Starkes Solo: Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ im Teamtheater

Hässlich war er, kränklich, ein unsteter Geist, viel unterwegs, mal will er Schauspieler werden, dann wird er Lehrer, gar Professor. Wenn er wo ist, bleibt er nie lange, ein Getriebener, sein Leben lang, später leidet er an seiner Psyche. Das Ende bestimmt er selbst: er hungert sich zu Tode.

Der Russe Nikolai Gogol (1809 – 1852) war wohl immer ein anderer als er eigentlich sein wollte, seine schriftstellerische Phantasie flüchtet gerne ins Absurde, ins Surreale, wie etwa „Die Nase“ zeigt, die Turbulenzen rund um ein abhandengekommenes Riechorgan schildert. Ein satirischer Text, durchaus ironischselbstbezogen, Gogol selbst soll eine eigenartig spitze Nase gehabt haben.

Auch in der Novelle „Tagebuch eines Wahnsinnigen“, entstanden 1835, fällt es nicht schwer, etwas vom realen Gogol zu entdecken. Ein Suchender, der nie wirklich ankommt und sich nach und nach in seinen überzogenen Vorstellungen verheddert, der in ein Leben muss, in das er eigentlich nicht reingehört. Dafür steht als Sinnbild in der Teamtheater Tankstelle ein Quader aus leicht angerosteten Stahlrohren, mit Haken, als Decke quasi ist etwas Seil verspannt, in der Mitte hängt ein braunes Sakko. Wenn Popristschin das Sakko anzieht, sieht man: es ist ihm ein bisschen zu groß, die Hose genauso, da muss er noch reinwachsen. Aber das passt, denn diesem Kleinbürger, der Beamte für Bestien hält, obwohl er selber einer ist, der nicht viel hat und trotzdem ins Theater geht, steht der Sinn nach Höherem: er will die Tochter des „hochwohlgeborenen“ Direktors, und dann Oberst werden, mindestens. Aber daraus wird nichts, und so driftet er in seine eigene Welt, beginnt völlig neue Dinge zu sehen und zu hören, belauscht Hundegespräche, hält sich schließlich für den König von Spanien.

Popristschins Bemühen nach Erfolg, Anerkennung, Aufstieg – und damit sein Leben – hängt an einem Seil. Das ist die zentrale Idee dieser eine gute Stunde dauernden (und etwas abrupt endenden) Inszenierung von Regisseur Ioan C. Toma. Dieses Konzept, auf Basis der eigenen Textfassung des Regisseurs, ist nicht neu – Toma hat die Seil-Geschichte schon öfters gemacht, in München etwa vor über 20 Jahren mit Heinz Josef Braun. Das Seil als einziges Requisit – es ist Schnurrbart, Tuch, Brief, Auge, ist Maske und Galgenstrick – wird nach und nach durch den Raum gezogen (der Regisseur selbst hält es, an der Seite stehend, auf Spannung), und so entstehen Wand, Fenster, Gitter. Schicksalssymbolik, das Seil wird zum Strick der Hybris, die Flucht in den Wahn führt ins selbst gebaute Gefängnis: immer noch ein starkes Bild.

Der Schauspieler Konstantin Moreth, rote Backen, offenes freundliches Gesicht, wirkt in diesem Theater-Solo wie ein Bauer im einzigen, einigermaßen feschen Anzug. Sensibel lotet er jede Gefühlsecke dieses Durchschnittstypen mit den großen Flausen aus, der gegen Ablehnung und um den erträumten Status kämpft, sich reinhängt, bis er, wortwörtlich, in den Seilen hängt. Dass aus der Seilnummer keine Luftnummer wird, kein Regiegag, kein Kunstgriff, sondern die intensive Begegnung mit der Qual des Menschseins: sein Verdienst. Großer Beifall.

Autor: Peter Eidenberger

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