Bühnenschau

Zwei Kostbarkeiten

Bühnenschau: Minetti

„Der letzte Dreck“ im TamS, „Minetti“ im Theater Blaue Maus

Der letzte Dreck

Es glittert und flittert im Reich von König Summserum. Ein Lamettavorhang umgrenzt die Bühne, kleiner Teich, Rindenmulch. Der ist aber gar nicht „Der letzte Dreck“, den Beate Fassnacht mit ihrem neuen Stück meint, es ist wohl die seltsame Mischpoke insgesamt, die uns in dieser Uraufführung am TamS begegnet, mit ihren ganz eigenen, aber nicht so ganz unbekannten Verhaltensauffälligkeiten. 

Der König, spirgelig, aufblasbare Krone und ein rechter Trottel (saugut: Arno Friedrich), braucht schon minutenlang zum Aufbau seines Wackel-Throns aus alten Matratzen. Schöner Slapstikeinstieg, vom Band kommt Applaus und Uiuiui. Der König sitzt, Auftritt Untertanen: Frau Marienkäfer (Irene Rovan) will unbedingt Herrn Löwenzahn (Proll und Prahler: Axel Röhrle), Agatha Schneck (Marion Niederländer) geht mit bösem Blick durchs Leben, mit ganz viel Angst ums Haus, und das Gänseblümchen (Gabi Geist) ist eigentlich ganz nett und möchte Frieden haben. Der ist rar hier, denn alle machen sich selbst und den anderen das Leben schwer – wie gut, dass da ein Regenwurm auftaucht (buddhistisch gechillt: Helmut Dauner), fremd und schweigend. Und endlich eine Projektionsfläche für die Ängste dieser biotopischen Gesellschaft. 

Doch es kommt noch dicker. Macht, Minderheit, Migration, positioniert in Flora und Fauna: Fassnachts große Themen und Bilder, allerliebst verpackt in fröhliche bis unverfrorene Reime – das ist tolles Schauspielerfutter und Lorenz Seibs Regie bringt das in bester TamS-Manier, wo der Tiefsinn ja immer auch blödeln darf, auf die Bühne. Jubel.

Minetti

Thomas Bernhards ewiges Thema: die Liebe zum Theater, der Hass aufs Theater – 1976 hat er dem Schauspieler Bernhard Minetti ein Stück geschrieben. „Minetti“ ist aber keine Biografie, nichts Auf-den-Leib-Geschriebenes, und so vermisst man nun im Theater Blaue Maus den alten Großmimen, mit seinen tief im Rachen genüßlich zerkauten Silben, keine Minute, wenn man den nicht minder grandiosen Gerd Lohmeyer in der Titelrolle sieht. 

30 Jahre – erzählt das Stück – hat ein „Schauspielkünstler“ keine Rolle mehr gespielt. Als Theaterdirektor in Lübeck gescheitert, hat er sich zur Schwester nach Dinkelsbühl zurückgezogen – und auch von der klassischen Literatur. Bis auf eine Rolle: den Lear. Den er all die Jahre studiert hat und nun endlich spielen soll. In einem alten Hotel wartet er auf den Intendanten. Bernhards Monomanen sind Großkotze, laut und exaltiert berserkern sie für gewöhnlich ihr Ego, ihr Universalgenie, ihre Misanthropie auf die Bühne – Regisseur Alois-Michael Heigl zeigt uns was anderes. Mit Lohmeyer zusammen formt er ein bewegendes Bild vom Künstler als alten Mann, ein – bei allem Witz: rutschende Hosen gehen immer – melancholischer letzter Auftritt, ein letztes Mal Anerkennung, Aufmerksamkeit, ein letztes Mal Bedeutsames adressieren, in zeitvertreibenden Gesprächen, zunächst mit dem Klavierspieler und Faktotum des Hotels (Andreas Bittl). 

Ja, die alten Attitüden kommen auf, beim Sich-Feuer-gebenlassen, der Zorn auf Kunst und Schriftsteller, auf Geistesunrat und ganze Städte – „Lüb-eck!“ ekelt er sich – ist noch da, die Wunden aus uralten Zeitungsausschnitten bluten frisch. Aber sie trocknen auch schnell wieder, aus Wut wird Milde. Ein letztes Liebesaufblitzen bei einem Mädchen (Birgit Werner), dann steht da nur noch die Wortlosigkeit. Der alte Schauspieler verschwindet. In seinen Koffer. Zu seiner Lear-Maske. Musik: „Death of a clown“. Großer Beifall. 

Autor: Peter Eidenberger

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