Bühnenschau

Liebe in Zeiten der Videobrille

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"Simon" von Sebastian Bauer in der Schauburg

Multimedia-Musiktheater in der Schauburg: „Simon“ von Gerhard Stäbler

Schräg. Boah ey. Was war das denn? So spricht die Zielgruppe beim Rausgehen aus der Aufführung, Jugendliche, 14-,15-Jährige aus zwei Schulklassen, die kurz nach der Premiere in der Schauburg waren: das Haus, das früher mal Theater der Jugend hieß, mutet seinem Hauptpublikum diesmal ganz schön was zu, mit einer Oper, explizit geschrieben und komponiert für jüngere Leute, die nun in deutscher Erstaufführung gezeigt wird.

„Simon“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass Theater immer auch Entdeckungsreise ins Ungewisse bedeutet (für Macher wie Zuschauer) und, pauschaler gesprochen, der Weg zum happy end in der Regel nicht ohne Steine zu haben ist. Auch, weil Vertrautes sich auf einmal ganz anders, fremd, unverständlich anfühlt. Vertrautes, das ist in dem Stück des Norwegers Christopher Grøndahl das mediale Heute. Simon und Mia lernen sich online kennen, per Videochat kommen sie ins Quatschen. Man kommuniziert im WhatsApp-Stil, Sätze braucht es nicht, Bruchstücke, einzelne Worte reichen, alles schnell, auf den Punkt.

Alle Termine von "Simon" in der Schauburg auf events.in-muenchen.de

Alles klar? Noch nicht. Denn die Geschichte der Beiden offenbart nach und nach: hier nähern sich zwei Verletzte an. Der Simon von Philipp Nicklaus ist, trotz Superman-Hoodie, ein zaghafter Junge, seit einem Unfall braucht er Krücken. Das Krankenhaus dominiert derzeit sein Leben: eine Box, ein transparenter, netzbespannter Würfel, den er erst am Ende wirklich verlässt. Wenn er Mia endlich in real sieht: Karera Fujita ist das Girl mit der Videobrille, die Mutigere, die Coolere, die zwar draussen ist, aber irgendwie auch eingesperrt, in ihrer Geschichte: die Mutter hat die Familie verlassen. Und noch dazu ist sie neu in der Stadt und fremd.

Einsamkeit, Bedürfnisse, Unsicherheit, Prägungen, Geheimnisse, Orientierung, Lebenssinn: alles, was in der Pubertät so auf einen einprasselt, darüber tauschen sich Simon und Mia aus, und die Inszenierung von Sebastian Bauer setzt das multimedial um. Im schwarzen Raum, ein nackter Techno-Laden, steht nur Simons Box, zwei Displays leuchten: Lieben – Leiden. Verwischte Bilder flimmern vorbei, Kindertage, Straßen, Autowrack. Der Rest sind die Stimmen der beiden Sänger – durch Höhen und Tiefen turnen sie wie das die Avantgarde der Musikmoderne zwar seit langem mag, was der Verständlichkeit des Wortes aber leider nicht immer dient – und eben die Musik.

Und in der ist, analog zum pubertären Chat, nichts klar, eindeutig, vertraut. Komponist Gerhard Stäbler lässt zwar auch mal, fast schon konventionell, zum Beatgewummer den Synthie quietschen. Aber sein Hauptding ist die Klangassoziation, das akustische Übersetzen des Gefühlsstrudels, der durch Mia und Simon kreiselt. Und so suchen auch die Musiker nach Tönen, Geräuschen, Stimmungen: Gertrud Schilde, die mit Violine und E-Geige durch den Raum wandert, und Stefan Blum, für den das Wort Schlagzeuger wirklich passt. Denn er schlägt auf alles mögliche Zeugs: Metallplatten, Waschschüsseln, Blechbüchsen, Abfalleimer.

Mal gefühliger, mit Glasorgel, oder heftiger: mit Rückkopplung, ein Pappbecher wird über eine Fläche gerieben, ein Mantel wird bespielt, mit Kuhglocken, Schellen und Tamborin bestückt: alles geht. Ein, zumal in der Schauburg ungewohntes, überraschendes, anspruchsvolles Hörerlebnis. Das nach gut 60 Minuten aber auch stärker den Beigeschmack eines Anything goes hinterlässt als den Eindruck einer durch und durch schlüssigen Musikdramaturgie.

Autor: Peter Eidenberger

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