Bühnenschau

Kranke neue Welt

Hier wird verhandelt: Gesundheit vs. Freiheit

Corpus Delicti“ von Juli Zeh an der Schauburg

Eigentlich wäre es eine Weisheit – hier ist es Diktat: „Mens sana in corpore sano“, so prangt es auf der Bühne der Schauburg. Der antike Verweis auf das Zusammenspiel von Psyche und Physis ist hier das Dogma einer Gesellschaft, die die Gesundheit zum höchsten Gut erhoben hat. Klingt gar nicht soo schlecht – ist es aber.

Denn „Corpus Delicti“, das erste Theaterstück der Schriftstellerin Juli Zeh – 2007 als Auftragswerk für die Ruhrtriennale entstanden und später noch zum Roman weiterverarbeitet – erzählt von der wenig genussvollen Zukunft in einem Überwachungsstaat, von einer Gesundheitsdiktatur: kein Alkohol, keine Zigaretten, nur gesundes Essen etc. Und das Ganze verortet Zeh, deren Text ja gerne Schullektüre ist, zeitlich gar nicht so weit weg: ins Jahr 2057. Bühnenbildner Andreas A. Straßer baut dafür einen aseptisch-kalten Gerichtsraum, der auch gleich verrät, wohin die Urteile, die hier gefällt werden, führen können: in Zellen mit frostbeschlagenen Scheiben stehen die mit der Höchststrafe – die Eingefrorenen. Was eine solche Diktatur braucht? Eine Richterin, die kleopatragleich auf einem Thron residiert (Julia Schmalbrock), Journalisten, die linientreu und schön sind (Janosch Fries), und wer Rechtsanwalt ist, sollte sich besser mit dem System arrangieren, der Herr Rosentreter – schöner Name – kann das, aber so ganz zuverlässig ist er nicht. Deshalb erinnert er optisch auch an Jerry Lewis’ schusseligen Professor (David Benito Garcia).

In dieser letztlich kranken neuen Welt, in der alle über den Glatzen ihr Idealhaar als Perücke tragen und Sixpacks aufgenähter Teil der Kleiderordnung sind, herrscht die „Methode“.

Aber es gibt Gegenspieler, die der Optimierungswahn ins Grübeln bringt. Mia Holl (Lucia Schierenbeck) war einst für die „Methode“, aber der Selbstmord ihres rauchenden, Alkohol trinkenden Bruders hat sie zur Kämpferin gegen das System und für den „gesunden Menschenverstand“ gemacht. Mia ist aber nicht nur Mia – das Programmheft hilft uns weiter: Sophie Scholl! Nelson Mandela! Michael Kohlhaas! Carola Rakete! Es geht also generell um Widerstand. Und es geht nicht um die Zukunft – es geht um Heute! Also kommt Mias Alter Ego, ihre Denk- und Motivationshilfe mit dem Namen Ideale Geliebte (Nele Sommer), im Greta-Thunberg-Outfit daher.

Der Applaus ist lang und laut nach zweieinhalb Stunden (mit Pause). Die personenintensive Vorlage auf fünf exemplarische Rollen reduziert, verdichtet Regisseurin Ulrike Günther den Stoff mit reduzierten Mitteln zu einem logisch durchdachten Kammerspiel. Sie zeigt, wie aus fast nichts – mit einer harmlosen Zigarette, die Mia raucht, geht es los – eine elementare Diskussion entsteht, wie sie geführt wird und wohin sie führt. (Und wie diese Diskussion bitte – hier spielt sich die pädagogische Abteilung eines Jugendtheaters mal wieder arg in den Vordergrund – bei den Zuschauern weitergehen soll, die Themen gibt’s gleich im Programmheft: Respekt, Liebe, Freiheit, Leistung usw).

Was schade ist: Die Regie ruht sich im Diskursiven und im Plakativen aus, bei aller darstellerischen Leistung fallen die Figuren doch recht eindimensional aus. Dass mehr Sinnlichkeit, mehr Leben in diese Kiste muss, hat man wohl gemerkt. Und sich wieder mal, nicht neu an diesem Haus, die alten Haudegen und ihre Musik ausgeborgt. Neil Young etwa. Rock’n’Roll will never die. Qualität bleibt. Das lässt noch hoffen für die Zukunft.

Autor: Peter Eidenberger

Auch interessant

Aufführungen im Livestream

Klassik und Theater im Stream

Klassik und Theater im Stream

Ortsgespräch

Serdar Somuncu: „Ich habe zum Glück viele Talente“

Serdar Somuncu: „Ich habe zum Glück viele Talente“

Highlights

Die Theater-Highlights im März

Die Theater-Highlights im März

Tanz

Tanzplattform Deutschland - Unerwartetes entdecken

Tanzplattform Deutschland - Unerwartetes entdecken