Bühnenschau

Wie fühlt man sich als Asche?

Indien von Josef Hader und Alfred Dorfer noch bis 3. August in der Pasinger Fabrik

„Indien“: die Tragikomödie von Josef Hader und Alfred Dorfer in der Pasinger Fabrik

Und wieder einmal braucht es den Alkohol, den alten Wellenbrecher. Ein Klarer nach dem anderen muss in die beiden Männer rein, die Körper wanken mächtig, die Sprüche lallen, natürlich Frauengeschichten. Und dann endlich: Verbrüderung! Danach sah es lange nicht aus. 

Denn Kurt Fellner und Heinz Bösel sind wie Feuer und Wasser. Plapperiger Ruhrpottler der eine, maulfaul der andere, obwohl er aus dem Rheinland stammt, murrt er erst mal nur vor sich hin, als er die Fleischtemperatur mit dem Thermometer prüft. Bösel ist Schnitzeltester, Fellner schaut sich die Zimmer an: so klappern sie Gasthöfe in der niederbayerischen Provinz ab und bewerten sie fürs Fremdenverkehrsamt.

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„Indien“ zu machen ist immer ein Risiko, denn die Erfinder dieser Tragikomödie, die österreichischen Kabarettisten Josef Hader und Alfred Dorfer, haben die beiden Hauptrollen im Film von 1993 auch gleich selbst übernommen und unvergleichliche Typenzeichnungen abgeliefert, mit sehr österreichischen Zwischentönen. Heiko Dietz und Uwe Kosubek, die Bösel und Fellner jetzt in der neuen Produktion des „theater ... und so fort“ spielen, haben sich versagt, zur Vorbereitung den Film nochmal anzuschauen. So ist ihr „Indien“ keine gut gemeinte Kopie des Originals, sondern in der auf die beiden Protagonisten reduzierten Fassung etwas sehr Eigenes geworden. Und das ist gut so – auch wenn man manche Gemeinheit aus dem Original vermisst und auch auf die Schlusspointe des Films – die scheinbare Blitzwiedergeburt des Indien-Fans Fellner – verzichtet wird.

Nach dem Bauschaden in der Kurfürstenstraße, wo es von 2009 bis 2017 seine Spielstätte hatte, ist das „theater ... und so fort“ ja immer noch heimatlos. Doch die Kollegen vom „Viel Lärm um nichts“ springen bei und überlassen der „Indien“- Truppe ihre Räume in der Pasinger Fabrik. Hier, eine schmucklose Wand, Resopaltisch mit zwei Stühlen (Bühne: Heinz Konrad), prallen die Gegensätze aufeinander. Der schmale Fellner mit seiner menschen- und naturfreundlichen Art, Typ eher Vegetarier und Reisesser (der aber schon mal ein Schnitzel reinschlingt, wenn den Kollegen die Gastritis plagt), ein Vielwisser und Zu-allem-eine-Meinung-Haber, spielt am Abend gerne Trivial Pursuit. Bösel hingegen steht auf Sechsundsechzig, da trumpft er auf, die üblichen Kartler-Sprüche inklusive. Der gut genährte Spießer, Krawatte zum karierten Kurzarmhemd, beiges Blouson, ist bärbeißig, im Witz tendenziell zotig, ein ungeduldiger Huper im Auto, und „kein Beilagen-Esser in dem Sinne“. Fellner hingegen erinnert die Freundin am Telefon schon mal, die Zucchini im Kühlschrank nicht schlecht werden zu lassen.

Regisseurin Johanna Hasse lässt in ihrer realistischen Herangehensweise die beiden peu à peu immer heftiger aneinanderditschen und im Suff schließlich voll aufdrehen. Dann aber, als Fellner ins Krankenhaus muss, schützt sie ihr bestens eingespieltes Duo in der emotionalen Nähe vor dem Kitsch. Der Ernst der Lage, Krebsdiagnose, wird – natürlich, Männer und Krankheit! – erst mal überspielt. Doch mit „In ein paar Tagen wieder draußen“ wird es nichts. Der laute Bösel wird dem schwachen Freund in seinem Krankenzimmer ein leiser, fürsorglicher Begleiter, einer, der letzte Wünsche erfüllt und sich selbst auf die unmöglichsten Gedanken einlässt: Wie fühlt man sich als Asche? Nach 90 Minuten: großer Beifall (nur noch bis 3. August).

Autor: Peter Eidenberger

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