Bühnenschau

 „Parzival“ in der Pasinger Fabrik

Es ist nicht leicht, in die Welt zu ziehen: Parzival
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Es ist nicht leicht, in die Welt zu ziehen: Parzival

Der tumbe Tor ist ein neugieriges Mädel: Parzival als intelligent-bildstarke Coming-of-age-Show mit Musik in der Pasinger Fabrik

24.812 Verse, dazu noch in Mittelhochdeutsch: der „Parzival“-Roman des fränkischen Mittelalterdichters Wolfram von Eschenbach kann einen – auch in der lesbareren Übertragung von Dieter Kühn – erschlagen. Die Fünf-Stunden-Opern-Variante von Richard Wagner: auch nicht leichter. Dann schon lieber diese Version in gut eineinhalb Stunden, auch mit Musik, aber neu gedacht. Arno Friedrichs „Parzival“ am Theater Viel Lärm um nichts in der Pasinger Fabrik ist eine intelligent-bildstarke Adaption dieses Märchen- und Sagenstoffes, eine Coming-of-Age-Show, die das Rätselhafte der Vorlage nicht versteckt, aber auch mit den Augen zwinkert. Und die einlädt, den Mythos mal neu zu überprüfen, eine Einladung, für die das Publikum am Ende begeistert dankt. Als Extra-Zuckerl gibt‘s auch noch den Film „Entfiederung des Schwans“, von der Theaterproduktion unabhängig entwickelt mit einer ganzen Armada von Schauspielenden, die in Pasing und Umgebung herzallerliebst Parzival-Motiven hinterhersinnieren – Valentin und Achternbusch lassen grüßen (Eintritt zum Film frei, läuft mittwochs oder im Double-Feature vor der Samstagsvorstellung des Stücks).

„Schnucki“ nennt Mutter Herzeloide ihr Kind, das sie allein aufgezogen hat, im Wald, möglichst fern von Rittern, wie Parzivals Vater einer war. Das Rittergen steckt trotzdem drin, und so strampelt sich dieses hyperaktive Trotzköpfchen frei – nicht ohne vorher noch von Mama mit einer Anti-Kratz-Hundekrause versorgt worden zu sein. Pia Kolb gibt diesen Parzival hinreißend, als neugieriges und lernendes Mädel macht sie sich auf den Weg, das Draußen zu entdecken, Ritter zu werden, Antworten auf die Fragen des Lebens zu finden, auf den Weg zu Artus, Anfortas und zum Gral. Zum Nach-Eschenbach-Text, auch von Regisseur Friedrich verfasst, gehören neben Dialogen und bildhafter Erzählung auch Songs, die Sprache ist heutiger („Pass auf, du Penner!“) und Loriot-Zitate gehen auch: „Lassen Sie uns zur Sitzgruppe gehen…“ Und diese Sitzgruppe hat es in sich: ein alter, zum Cabrio geflexter VW-Käfer, den man durch den Raum bugsieren kann, und der alles ist: Rüstung und Pferd, Tafelrunde und Gral.

Für den ziemlichen Haufen an Leuten, mit denen es Parzival zu tun kriegt, reichen hier gerade mal zwei tolle Akteure: Sarah Schuchardt und Wini Gropper switchen mit Power und Empathie durch die Personenliste. Mit Schlagzeug und Akkordeon ergänzen sie auch die Live-Musik von Aaron Leutz (GOLDKALB) am Synthesizer und Sascha Lüer (Trompete): spannend grundiert ihr sphärisch-angejazzter Sound diesen sehenswerten Abend (noch bis Ende Mai).

Autor: Peter Eidenberger