Bühnenschau

Seltsame Zeitgenossen

Wilde Horde: „Hilfe, die Herdmanns kommen“

Zwei Romane auf der Bühne: „Der Mieter“ im Marstall, die „Herdmanns“ in der Schauburg

Der 1997 verstorbene Roland Topor war ein Tausendsassa. Er zeichnete, karikierte, er entwarf Bühnenbilder und Theaterplakate (in den 1990er Jahren auch für die Kammerspiele), und er schrieb, fürs Theater oder biografisch. Und auch Romane, wie „Der Mieter“.

Von Roman Polanski einst horrorverfilmt, verzichtet man am Marstall zum Glück, den Stoff auf den aktuellen Münchner Miethorror umzukrampfen. Ein dunkler, offener Raum, von einem Weg umrandet, hinten die Toilette, vorne die Wohnung, Ständer mit Kleidern der noch nicht ganz toten Vormieterin, die sich aus dem Fenster gestürzt hat, ein paar Matratzen.

Hier will der neue Mieter Trelkovsky einziehen: Aurel Manthei zeigt ihn als freundlichen, selbstbewussten Menschen, der um die Miete zu handeln weiß. Regisseurin Blanka Rádóczy hat Topors Roman auf eine Stunde eingedampft, und alle Zusammenhänge erklären, will sie nicht. Es ist ein Abend der Andeutungen, nichts Gewisses weiß man nicht, und genau das ist es, was das Grauen hochtreibt. Ausgelöst von der unguten Ruhe über dem Ganzen, von gelegentlichem Knarzem gestört, die Vormieterin wandelt nächtens vorbei.

Und das Verhalten der übrigen Hausbewohner ist mindestens seltsam: der sehr bestimmt auftretende, unangenehme, latent brutale Vermieterspießer von Joachim Nimtz, die kettenrauchende, ewig Boden wischende und ziemlich suspekte Nachbarin von Anna Graenzer und der aufdringliche Nachbar von René Dumont. In Trelkovsky nistet sich Unsicherheit ein, Angst, er sucht nach richtigem, akzeptiertem Verhalten, was hier aber nicht möglich ist.

Beschwerden, Einmischungen drohen jederzeit oder es passiert Surreales, Wahnsinniges: einmal schieben sie eine Mülltonne mit dem Vermieter als singenden Gondoliere vorbei. Später werden sie dem Mieter ein Kleid der Vormieterin überziehen. Und er endet wie diese, unter der Plastikplane liegend, im Hof. Viel Beifall.

Barbara Robinsons Roman „Hilfe, die Herdmanns kommen“ ist längst ein Klassiker. So frech und unglaublich antiautoritär kam das Buch 1971 daher, dass es nur einschlagen konnte, und so ist es nur logisch, dass auch die Jugendtheater sich diesen Stoff nicht entgehen lassen. Ein Glück für uns, dass die Schauburg sich nun einreiht und mit der Bühnenfassung von David Gieselmann diese etwas andere Weihnachtsgeschichte kongenial in unsere Zeit beamt.

Jubeln und Trampeln: das Urteil des Publikums ist einhellig für diese herrlich kraftstrotzende Inszenierung von Marcelo Diaz. In der viel Bewegung ist, ja sein muss: denn in Anja Furthmanns Bühnenbild – Sprossenwandtunnel, Tigerkäfig – turnt es sich prächtig herum. Die Braven und um Autorität Kämpfenden – Helene Schmitt, Klaus Steinbacher, David Benito Garcia und Simone Oswald als Schüler, Lehrer, Eltern – haben es naturgemäß in dieser Geschichte schwer.

Denn die wilde Horde der Geschwister Herdmann entschließt sich, das diesjährige Krippenspiel zu kapern und alle Sympathie ist natürlich bei diesem despektierlichen Sauhaufen, diesen rotzfrechen Underdogs. Was Anne Bontemps, Janosch Fries, mit Verstärkung von der Everding-Theaterakademie: Benedict Sieverding, Hardy Punzel und Lisa Schwarzer, in den zwei Stunden auf die Bretter legen, das ist feinste Sahne.

Trotz obercooler Sprüche und geraptem Lebensgefühl: diese zwerchfellerschütternde Sozialrevolte der Pubertiere kennt auch leise Töne. Ein Muss.

Autor: Peter Eidenberger

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