Bühnenschau

Ein Gefühl und seine Dynamik

Bis die Fetzen fliegen

Berührend komisch: „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ am Metropoltheater

Der Mann ist ein eher scheuer Zeitgenosse. Kann also schon sein, dass einem der Name Joël Pommerat nichts sagt. Was man dagegen zunehmend kennt auf deutschen Bühnen, ist sein Werk. Er wird gern gespielt, dieser 1963 geborene Franzose, der schon 1990 sein eigenes Theater, die Compagnie Louis Brouillard, gegründet hat.

 Wo auch seine inzwischen über 20 Stücke entstanden sind, meist aus der Improvisation mit seinen Schauspielern heraus entwickelt. „Ich suche nach Wirklichkeit“ – so pur beschreibt Pommerat das Ziel seiner Kunst, und wohin das führt, lässt sich nun am Metropoltheater in einer zutiefst beeindruckenden Weise erleben.

Es geht um dieses komische Gefühl namens Liebe, und all das, was daraus folgt, Beziehung, Sex, Ehe und der ganze Kram. Aus Liebe wird Kampf, weil irgendwann die Emotionen auf Grenzen stoßen: und dann wird es schwierig in der Gefühlswelt. Wenn nicht gar utopisch. Wie eben „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“.

Diese Gefühlswelt ist ein schwarzes Loch: so muss man wohl den leeren Raum von Bühnenbildner Thomas Flach interpretieren. Hier treffen sich 27 Frauen und 24 Männer in 20 Szenen. Aber was heißt schon treffen? Pommerat interessiert die Wirklichkeit, also heißt treffen kollidieren: die Frau, die ihrem Mann schon vor 15 Jahren gesagt hat, dass sie die Scheidung will; eine Hochzeit implodiert wegen uralter Küsse; eine Frau entscheidet sich wissentlich für den Falschen; der Ex-Mann taucht nach zehn Jahren auf, um sich zu entschuldigen; ein Priester hat sich verliebt und entschädigt die Prostituierte, zu der er bisher ging, für künftigen Verdienstausfall; die weit gehende Empathie eines Lehrers zu einem Schüler kollidiert mit der fehlenden Liebe von seinen Eltern; zwei Seitenspringer müssen mit anhören, wie sie selber betrogen werden; eine Babysitterin wird von einem Ehepaar schikaniert, weil ihr (nur erträumtes) Kind weg ist; eine behinderte Frau ist glücklich schwanger, auch wenn der Vater sich absehbar nicht kümmern wird. Pommerats Szenen, die nicht zusammenhängen, sind hochkomisch, absurd, berührend, todtraurig. 

Im Mikrokosmos dieser kurzen Sequenzen um Vorstellung und Realität, um Sehnsucht und Selbstbestätigung, explodiert die mal größere, mal kleinere Tragödie. Und manchmal kommt die Tragik auch als Glück daher. Metropol-Hausherr Jochen Schölch ist ein Meister für solche Temperaturunterschiede. Seine Regie schaut tief hinein in das Wesen seiner Mitmenschen, in die Neurosen und Verletzungen, in die Lebenslügen, und ganz beiläufig kriechen die Brüche heraus, die zu Katastrophen werden. Dann fliegen die Fetzen. Oder es reicht ein Blick, kommentarloses Erstarren. So schauen wir unserer Spezies und ihrer Gefühlsdynamik gut zwei Stunden (plus Pause) distanzlos ins Gesicht, dass es – bei allem Lachen – wehtut. 

Der Mensch wird nackt, ohne je nackt zu sein: mit einem solchen Ensemble – und nur mit einem solchen Ensemble – kann man das machen. Butz Buse, Vanessa Eckart, Paul Kaiser, Nikola Norgauer, Hubert Schedlbauer, Thomas Schrimm, Dascha von Waberer, Eli Wasserscheid und Lucca Züchner – es wäre unfair, auch nur einen von diesen feinnervigen Verkörperern nicht zu nennen, die hinreißend wandlungsfähig durch zig Rollen wechseln. Dass ihnen das die auf den Punkt durchdachten Kostüme von Sanna Dembowski erleichtern, schmälert ihre Leistung nicht. Der Jubel: lang und groß.

Autor: Peter Eidenberger

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