Bühnenschau

Bombardement ohne Ziel

Kassandra wird wieder gebraucht

Uraufführung im Marstall: „Kassandra/Prometheus. Recht auf Welt“

Flucht und Klimawandel – wenn das Theater sich die beiden Megathemen unserer Zeit vornimmt, steckt es schnell im Dilemma: wie be-, ver- und überarbeitet man Problematiken, mit denen wir als Zuschauer seit Jahren in jeder medialen Form dauerkonfrontiert sind? 

Kein Bild, kein Schicksal, das noch nicht gezeigt ist, keine Grundsatzdiskussion, die noch nicht geführt, kein Zusammenhang, der noch nicht ausgeleuchtet wäre. Nun also reiht sich das Staatsschauspiel in diese mediale Wucht ein. Und liefert: ein Ideen-Bombardement ohne Ziel.

Kevin Rittberger, Stuttgarter Autor Jahrgang 1977, hatte sich bereits 2010 das Fluchtthema vorgenommen, jetzt hat er „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ – eine Spiegelung der Migrationstragödie im antiken Mythos der Seherin, die warnt, aber nichts bewirkt – überarbeitet. Und noch ergänzt: für die neue Uraufführung im Marstall baut Rittberger einen zweiten Teil dazu, benannt nach einem, der für den Autor die Möglichkeit personifiziert, dass es in Zukunft doch noch besser gemacht wird als bisher. Deshalb der Titel: „Prometheus. Wir Anfänge.“

Rittbergers Text, der auf Gesprächen mit Geflüchteten, mit Managern in der Integrationsarbeit basiert, aber auch auf viel Fachliteratur, ist ein Versuch, mehr zu sein als dokumentarische Nacherzählung – er ist ästhetische Hinterfragung und will dabei durchaus (im ersten Teil) Lehrstück sein, so sagen es die Akteure im Marstall in ihren Overalls mit den Werbewapperln (ADAC, Lufthansa, Total). Dafür entwirft Bühnenbildner Alexander Wolf einen multiassoziativen Raum: mit Comic-Elementen (eine Frau mit „Human!“- Sprechblase), einem Holzturm, der Präsentationsgestell, aber auch Lager-Kontrollinstanz ist, es gibt eine Varietébühne für Schattenspiele, gepolsterte Sperrkreuze und Plastikstühle, Absperrgitter und Ketten, eine Weltkugel. Und eine Videowand, auf die sich Endlosketten von TV-Bildern im Miniformat stanzen – und gelegentlich poppt eines davon auf. Womit auch der Zugriff von Regisseur Peter Kastenmüller umschrieben wäre: zu den temporeich präsentierten Wortketten (gelegentlich erinnert das an Jelineks Textflächen), poppt ständig irgendeine Action, irgendeine Idee, ein Interpretationsangebot (oder Verfremdungsvorschlag, Lehrstück! Brecht!) auf. Man könnte über vieles nachdenken, allein: die Zeit dafür fehlt.

Im ersten Teil ist noch Konkretes zu dechiffrieren: die Geschichte der geflüchteten Blessing ragt aus vielen angeteaserten Kurzbios heraus; die Grenzen distanzierter Berichterstattung; die Mitschuld an einer Abschiebung durch eine Übersetzerin (Hannah Scheibe), die es ja eigentlich gut meint. Im zweiten Teil wird’s dann pseudomythologisch diffus, mit Alt-Hippie (Prometheus: Max Meyer), Gott Hepaisthos im Flammenanzug (Benito Bause) und einem Atlas unter einer Welt-DiskoKugel (Camill Jammal). Die Metrik ist nah am Aischylos, zeitnah soll es werden durch Begriffe wie Kohlenstoff oder Meeresveralgung, mal brennt ein BMW, dann gebiert Rittbergers Gesellschaftskritik Sätze wie „Dies kapitale Exkrement / Das alles Leben niederbrennt / Schont auch dich nicht“.

Alles ist irgendwie viel zu viel in diesem Bild- und Info-Bombardement. Rittbergers Textmasse erdrückt sich selbst. Und Regie und Dramaturgie meiden die beherzte Sortierung – so bleibt die verhandelte Thematik nur ästhetischer Spielball mit geringem Nachhall. Trotzdem: der Applaus für alle Beteiligten fällt groß aus.

Autor: Peter Eidenberger

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