Bühnenschau

Das Theater als Theater

Macbeth: Shakespeare-Debatte im Sanitärbereich

Kammerspiele: „Macbeth“ fällt aus, „Kill the audience“ überlebt man

Blut! Kunstblut! Zu Beginn klärt uns der Schauspieler Walter Hess in der Kammer 1 erst mal auf – das beste Kunstblut kommt selbstverständlich aus Deutschland. Und weil es in Shakespeares 400 Jahre altem „Macbeth“ ordentlich zur Sache geht, gibt er Tipps, wie sich Blutspritzer von der Kleidung problemlos entfernen lassen.

Gut anderthalb Stunden später ist der Beifall groß, die Buhs für die Regie deutlich – die Blutorgie ist ausgefallen. Aber nicht nur die, sondern fast das ganze Stück. Denn Regisseur Amir Reza Koohestani lenkt die Story vom schottischen Militär, der seinen Chef ermordet und als König eine Tyrannei errichtet, in eine theatrale Grundsatzdebatte. Eine Debatte, die gern im Sanitärbereich des Theaters geführt wird, den Mitra Nadjmabadi auf die Drehbühne gebaut hat. Rückwärtig gibt es ein Bett, in dem aber nicht gelottert, sondern ebenfalls heftig diskutiert wird.

Stück, Rollen, Besetzung, Shakespeare überhaupt: alles wird kommentiert, hinterfragt, zerlegt. Es ist das Scheitern eines Theaterprozesses, ein Spiel zwischen Anspruch und Animositäten, zwischen schlüssiger Motivation der Figur und verletzter Eitelkeit der Privatperson. Und über allem noch die Migrationsthematik. Weil: Ohne uns wäre es nicht politisch, meint einer der syrischen Schauspieler, an den Kammerspielen unter Lilienthal ist das pure Selbstironie. Nachdem Gro Swantje Kohlhof ihre Lady Macbeth hingeschmissen hat, übernimmt Mahin Sadri.

Was aber, wenn die Iranerin ihren Text in Farsi spricht? Ein Problem, das Christian Löber, der nicht nur Macbeth spielt, sondern auch Regisseur des Spiels ist, an die Ränder bringt: seiner Kunst, seiner Vernunft, seiner Empathie. Ein etwas anderer „Macbeth“, den Polly Lapkovskajas schaurig schön gesungene Shakespeare-Zitate zusammenhalten, zwischen Studententheater-Lust am Dekonstruktivieren und ernsthaftem Ringen um Sinn und Form allerdings ein Unterfangen mit Grenzen im Mehrwert.

„Kill the audience“

1968 gab es im Werkraum einen Skandal. Peter Weiss hatte mit „Vietnam- Diskurs“ ein Lehrstück geschrieben, Ziel: die Agitation eines wenig bis nichts wissenden Publikums. Bei der Uraufführung ging Kabarettist Wolfgang Neuss, der Conferencier des Abends, noch einen Schritt weiter: er sammelte Geld, für Waffen für den Vietcong. Zuviel für den damaligen Intendanten August Everding, er setzte das Stück ab.

50 Jahre später reflektiert „Kill the audience“ von Rabih Mroué über das Projekt damals und das Publikum heute. Das beginnt mit Bildern aus dem Vietnamkrieg und ironischen Waffen – Zwiebeln fliegen aus Papprohren – des syrischen Widerstands und leitet über zur Historie von Waffen aus der Kammerspiel-Requisite. Eva Löbau erklärt das in zugewandtem Volkshochschul- Duktus. Dann kommt Zeynep Bozbay dazu, und der 75 Minuten kurze Abend nimmt unsere Rolle als Zuschauer ins Visier.

Die beiden Schauspielerinnen bedanken sich bei uns, umarmen und händeschütteln sich durch die Reihen. Weil: Theater ohne Zuschauer wär ja nix. Der Vorhang fällt – und zum Vorschein kommt eine Tribüne, die baugleich ist zu der, auf der wir sitzen. Die laubgesägten Zuschauer drüben sind schnell gekillt, ein Tuch kommt über die Reihen. Und auf dem nimmt nun ein Video-Publikum Platz und reagiert auf Passagen aus dem Weiss-Text.

Doch dieses Publikum wechselt, in eins aus Fleisch und Blut – und dann sitzen wir alle da und schauen uns beim Schauen zu. Ein halbstündiger Feldversuch, mit Applaus am Ende – für uns! Schön. Aha.

Autor: Peter Eidenberger

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