Bühnenschau

Gemeinsame Herzenssache: Kammerspiele und Schauburg kümmern sich um „Pigs“

Pigs ist eine Koproduktion der Münchner Kammerspiele und der Schauburg München
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Pigs ist eine Koproduktion der Münchner Kammerspiele und der Schauburg München

Es geht in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele um mehr als nur Schweine: die Dimension zwischen Wurstbrot und Weltklima

Ein bisschen sollen wir uns an diesem Abend wohl schon als Industrieschweine fühlen. Das Rondell im dunklen Raum ist gehalten in der Metalloptik von engen Ställen, jeder von uns 30 Zuschauenden hat seine Box. Aber wir haben es bedeutend bequemer, jeder hat ein Tischchen, einen Monitor, sogar eine Menükarte und Notizzettel, dazu einen Drehstuhl und viel Beinfreiheit. Und später haben wir noch mehr Freiheit, wenn wir rumgehen dürfen und die Plätze wechseln.

Das Thema dieser Koproduktion der beiden städtischen Theater Kammerspiele und Schauburg (mit noch ein paar anderen Institutionen) ist also Schweine, genauer das Verhältnis Mensch und Schwein, und noch viel mehr. Wer mit einigermaßen offenen Augen durch die Welt und unsere Zeit geht, der wird in „Pigs“ nicht völlig überrascht. „Was gibt es noch darüber zu erzählen, was nicht ohnehin schon alle wissen?“, fragt so auch der Untertitel. Und doch ist dieser Abend mehr, denn Miriam Tscholls Konzept (Text und Regie) verschränkt aufklärerischen Impetus mit spielerischem Erkenntnisgewinn, und das Ganze interaktiv: hier schaut man nicht nur, man ist – auch so ist der Raum zu verstehen – mittendrin.

Die Schauspieler*innen – André Benndorff und Martin Weigel (Kammerspiele) bzw. in der Schauburg-Version (die auch hier in der Giehse-Halle gezeigt wird) Simone Oswald und Hardy Punzel – in ihren weißen blutbefleckten Anzügen präsentieren auf der Scheibe in der Raummitte also nicht nur kleine Szenen (wie etwa eine Schlachtung), sie beziehen uns ein, stellen Fragen, moderieren. Direkte Ansprache, leichter Druck: dieser Abend funktioniert nicht, ohne die eigene Meinung zu überprüfen. Oder, falls noch nicht vorhanden, zu finden: face to face konfrontieren uns 30 Frauen und Männer als Video-Gegenüber mit Argumenten, Erfahrungen, Überzeugungen. Die Experten kommen aus allen Bereichen: Greenpeace, Metzgerhandwerk, Tierzucht-Behörde, Tiermedizin, Schweinemäster, Agrarblogger usw.

Ja, die Dimension zwischen Wurstbrot und Weltklima ist immens: Moral, Empathie, Fakten, Lebensweise. Diese 100 übervollen Minuten sind nicht nur gut gemeint, sie sind – selbst wenn die Rettung der Welt vielleicht noch nicht so schnell dabei rausspringt – gut gemachte Aufforderung zum Hinterfragen und Nachdenken. Auch wenn das an die Grenzen des Absurden führen kann: Darf man unter CO2-Aspekten überhaupt noch Kinder haben?

Autor: Peter Eidenberger