Bühnenschau

Es wird nicht wirklich besser

"Das Leben des Vernon Subutex" in den Kammerspielen

Virginie Despentes’ Erfolgstrilogie „Vernon Subutex“ in den Kammerspielen

Ein Roman, auf die Bühne gezwungen: das verläuft nicht immer glimpflich. Und wenn es dann gleich drei Romane sind an einem gut dreistündigen Abend, Gesamtumfang: 1.200 Seiten – mutiges Unterfangen. Der Jubel am Ende aber zeigt: geht doch. Weil die Kammerspiele mit Stefan Pucher einen Regisseur geholt haben, der sich auskennt mit voluminösem Material, er hat hier zuletzt aus Feuchtwangers „Exil“ den „Wartesaal“ gemacht.

Sein Material jetzt ist der französische Literaturerfolg der letzten Jahre schlechthin: „Das Leben des Vernon Subutex“. Virginie Despentes, Jahrgang 1969, war mal Skandalautorin, ihre Themen: Popkultur, Sex, Gewalt, seit „Subutex“ nennt man sie auch „Balzac des 21. Jahrhunderts“. Und wie beim alten Gesellschaftsbeleuchter tummeln sich auch bei ihr jede Menge Typen, im Roman noch mehr als jetzt in der Kammer 1, kein analytisch sauberes Zeitgenossen-Panorama, sondern Momentaufnahmen aus einer neoliberalen Welt: mehr loser als winner.

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Diese Geschichte sind viele Geschichten. Nach der Pleite seines Plattenladens stromert Subutex, den Pucher weiblich besetzt: Jelena Kuljić, durch die Gegend: müde zieht sie ihren Rollkoffer hinter sich her, ein desillusionierter Spätpunk, der auf die Obdachlosigkeit zusteuert. Die Leute, die sie trifft, kennt sie von früher oder lernt sie neu kennen, bei manchen übernachtet sie. Jeder dieser Weggefährten kriegt seinen großen Auftritt, mit bühnenbreitem Video, der Name wird ins Bild gestanzt.

Da ist die Hyäne, Wiebke Puls, toughe Lesbe, kühle Managerin. Da ist „Porneuse“ Pamela, von Thomas Hauser selbstbewusst und dosiert lasziv verkörpert. Da ist die Obdachlose Olga, Annette Paulmann, Motörhead-Shirt, Tierfransenjacke, die nicht nur den „Skyfall“-Song von Adele göttlich in ambitionierter Castingshow-Attitüde verinnerlicht, sondern auch politisch mal auf den Putz haut. Emilie, Beamtin mit Speckröllchen, glänzt bei Maja Beckmann in gnadenvollem Understatement, Investmentfuzzi Kiko ist bei Nils Kahnwald Vielquatscher und Großkotz, Samouil Stoyanovs Xavier profitiert als erfolgloser Drehbuchautor vom Geld seiner Frau, Gro Swantje Kohlhofs Céleste nennt sich „gerontophob“, sie mag Sex, kriegt aber Vergewaltigung. Zeynep Bozbay, die Muslima, die Jura studiert, entdeckt, dass ihre Mutter Pornostar war. Vincent Redetzki und Daniel Lommatzsch sind Prolls im Camouflage-Trainingsanzug. 

Die Fassung, die Pucher und sein Dramaturg Tarun Kade „nach“ der Romantrilogie gebaut haben, erweist sich als äußerst tragfähiges Fundament für brilliant nuanciertes, großes Schauspielertheater. In dieser bemitleidenswerten Parade der Egos sprechen alle viel von sich und so gut wie nicht miteinander. Was sich später ändert: man trifft sich im schwarzen Amphitheater-Halbrund von Barbara Ehnes nicht nur zum kollektiven Abhotten mit DJane (und auch Sängerin) Subutex. Elektrobeat oder Ballade (Musik: Christopher Uhe): Jelena Kuljić Stimme ist melancholisch bis umwerfend. Die Egos werden Gruppe, man kommt ins Gespräch, sucht Nähe, wird so ein bisschen Hippie-Sekte, uniformiert mit buntgemusterten Outfits. Und singt auch mal, gemeinsam und ergreifend, von „Resistance“.

Doch es wird nichts mit einer kollektiveren, gemeinsamen, besseren Welt – mit dem dritten Teil des Romans sind wir beim „Bataclan“-Terror. Und beim Ausblick: auf ein kontaminiertes Europa und nomadisierende Subutex-Anhänger. Die aber auch nach dem Verbot der Musik weitertanzen. 

Autor: Peter Eidenberger

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