Bühnenschau

Schiller auf Prosecco

Ein wilder Ritt – auch wenn's mal nass reingeht

In den Kammerspielen: umjubelte „Räuberinnen“

Keiner soll sagen, man habe nicht gewusst, was da auf einen zukommt. Das Theater des Jahres 2019 (Kritikerumfrage der Zeitschrift Theater heute) macht es uns leicht. Einfach auf der Homepage nachschauen: Ganz frei nach Schiller, steht da. Klingt schon mal nicht nach Konvention. Und dann heißt das neue Vorhaben auch noch „Die Räuberinnen“ und nicht: „Die Räuber“. Es wird also, passend zum Geist der Kammerspiele unter Lilienthal, wieder was sehr Eigenes.

Und den Begriff Räuberinnen darf man ganz wörtlich nehmen. Denn Regisseurin Leonie Böhm, die zusammen mit dem Ensemble dieses Schiller-Update erdacht, ausprobiert und entwickelt hat, ist bekannt dafür, Texte zu entlüften, zu sezieren, das – in Böhms Sinne – Wesentliche freizulegen, und ohne Rücksicht auf Verluste die Teile zu rauben, mit denen sich, mehr oder weniger sinnfällig, spielen lässt. Puristen, wortgetreue Schiller-Exegeten und sonstige Tiefengründler werden dabei generell weniger beglückt; wer aber Lust hat auf eine Reise ins Ungewisse, Ironische, Poppige, Freche, der ist hier richtig. Und in der Kammer 1 war das wohl die Mehrheit: frenetischer Beifall nach 100 Minuten.

Dass der Abend mit aufgedrehten, hüllenlosen Frauen endet, die mit Schmackes auf nassem Boden bis in die erste Parkettreihe schlittern, ist nur konsequenter Höhepunkt einer weiblichen Demonstration (auf der Bühne nur Frauen, und auch im Produktionsteam – bis auf einen Mann), deren oberstes Motto ist: Wir sind so frei. Von Schillers Personal sind vier übergeblieben, Franz und Karl Moor, Amalia und Spiegelberg – verkörpert von Eva Löbau, Julia Riedler, Sophie Krauss und Gro Swantje Kohlhof – treffen sich im Wolkenkuckucksheim von Zahava Rodrigo. Die Bühnenbildnerin hat bühnenbreit eine wuchtige Cumulus in den Raum gehängt, passend zur Stimmung wechselt die auch mal die Farbe, bläulich oder rosa.

Die Männernamen bleiben, die Klamotten sind wild gemixt, rote Socken in Outdoorsandalen, Knautschhose, Feinrippschlüpfer – was frau so mag. Und jede der Schauspielerinnen kriegt ihren großen Auftritt. Franz bedauert die mangelnde väterliche Aufmerksamkeit, Karl ist die große Nummer, „Hallöle“ begrüßt er/sie uns lässig, Amalia ist forscher als die brave Vorlage bei Schiller, Spiegelberg agitiert auch hier und formt die Mädels zu einer Truppe. Alle schauen sich gerne gegenseitig zu, beim Posen, Frotzeln, Interagieren mit und im Publikum, beim Improvisieren und Spielen mit dem Text. Dazu gibt’s Live-Musik: Friederike Ernst mit simplem Keyboard-Pop. „Hier ist meine Höhle“, singen sie, „riecht’s hier nach Gras, hab ich grade Spaß.“ Und das haben sie reichlich.

Das zu Beginn gesetzte Ziel, „das gewohnte Denken vom Geist her ändern“, nehmen sie dabei durchaus ernst und kommen in alles Mögliche rund um die eigenen Beund Empfindlichkeiten. Gruppendynamisch loten sie Freiheiten, Grenzen, Bestimmungen aus, Selbstmitleid wechselt mit Kampflust, sie rennen, sie toben, Waldorfschulen-Witze, Harry-Potter-Anleihen: alles geht. Der alte Schiller blitzt zwar immer wieder durch, aber er ist auch schnell wieder weg.

Diese „Räuberinnen“ sind ein wilder Ritt. Sollten schlüssige Detailmotivationen beabsichtigt gewesen sein: in diesem Irgendwas zwischen Kindergeburtstag, Studentinnenulk und Junggesellinnenabschied gehen sie sauber flöten. Was dennoch bleibt von einem Kunstwerk, das wohl nicht ohne Prosecco entstanden sein dürfte: das Live-Erlebnis einer schier grenzenlosen Spiellust.

Autor: Peter Eidenberger

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