Bühnenschau

Ganz viel Schaum

Hochdeutschland, inszeniert von Kevin Barz, nach Alexander Schimmelbusch

Alexander Schimmelbuschs Romanerfolg „Hochdeutschland“ in der Kammer 2

Der Autor weiß, wovon er schreibt. Alexander Schimmelbusch war selber mal Investmentbanker, kennt das Paralleluniversum der Moneymaker, die jährlich Dagobert-Ducklike in ihren Bonuszahlungen baden. Er kennt die Auswüchse der kapitalistischen Welt: raus aus der sozialen Marktwirtschaft, rein in die neoliberale Gier, von ahnungslosen bis wurschtigen Politikern durch fröhliches Deregulieren ermöglicht. 

Schimmelbusch hat letztes Jahr „Hochdeutschland“ veröffentlicht, der Held darin ist ein Sieger und heißt auch so: Victor. So einer wohnt natürlich weit oben, und so einer, der Elektro-Porschefahrer, lebt auch sonst über den Dingen: da sehnt man sich schon mal nach Spaghetti carbonara, aber die Unauthentischen von Vapiano. Victor kommt ins Grübeln: arm und reich, oben und unten – die Welt ist nicht mehr gerecht. Dagegen muss man was tun. Also stöpselt er, bei Peking-Ente und einer Flasche Richebourg für 2400 Euro, ein Manifest zusammen, einen Plan für eine neue Gesellschaft. 

Alle Termine von "Hochdeutschland" in den Kammerspielen auf events.in-muenchen.de

Die wesentlichen Punkte: eine Deutschland AG. Ziel: Wohlstand für alle, Vermögensobergrenze 25 Millionen pro Bürger (müsste reichen), der Rest geht ans Gemeinwesen, eine German Investment Authority, kurz GINA, schützt vor den Gefahren der Globalisierung, die europäischen Grenzen werden gesichert, der Einfluss der Imame gehört bekämpft, aber die „Playmobil-Nazis“ der Rechtspopulisten mag er auch nicht – es passt vieles rein in diesen Entwurf.

Schimmelbuschs Roman ist moralische Resteverwertung eines Überfliegers, Zeitkommentar und Statusstudie, Parodie und Populistenpalaver: kann man was draus machen auf dem Theater. Die zentrale Idee von Regisseur Kevin Barz und seinem Bühnenbildner Manuel La Casta zu diesem überschäumenden Manifest ist: Schaum.

Weiß und fluffig steht er hüfthoch auf der leeren Bühne der Kammer 2, Neonröhren spenden kaltes Licht und zeigen Jahreszahlen. „Hochdeutschland“ führt aus dem Jetzt in die Zukunft, also ist alles ein bisschen futuristisch, unwirklich. Hinten, im schwarzen Loch, steht ein Konzertflügel. Die Pianistin Sachiko Hara bringt darauf die alte Kultur zum Klingen: Klassik, Romantik. Während vorne vier Schauspieler agieren, alle in weiß, darüber mit Plastikfolie überzogene Mäntel. So stehen sie im Schaum, so switchen sie durch Schimmelbuschs Personal.

Der Schaum, ja. Durch ihn waten, sich reinplumpsen lassen, was aus ihm formen, rumwühlen, mit ihm spielen: ein bisschen Schaum ins Glas als Wein. Er wirbelt auf, wenn die Windmaschine heult, und fällt zusammen, wenn der Wasserschlauch zum Einsatz kommt: das ist nette Schaumparty-Spielerei, der Erkenntnisförderung dient es aber nicht zwingend. Dass der Applaus nach gut eineinhalb Stunden dennoch ganz schön groß ausfällt, hat wohl viel mit Schimmelbuschs Text zu tun, der hier mal mit Distanz und Ironie, dann wieder mit Verve, mit dogmatischem Furor rezitiert wird: das funktioniert prächtig mit Zeynep Bozbay und Julia Windischbauer. Jannick Mioducki und Abdoul Kader Traoré tun sich da schwerer: ein Manko in einer Inszenierung, die sich auf Wort und Nuancen verlässt. Einen substantiellen Mehrwert aber gegenüber der Lektüre zu schaffen, sich zu Victors gut gemeintem, letztlich aber fatalen Plan zu positionieren: sollte diese Absicht bestanden haben, dann muss sie noch rumliegen, irgendwo, unter ganz viel Schaum.

Autor: Peter Eidenberger

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