Bühnenschau

Starker Start

Zum Auftakt eine Uraufführung: Ewald Palmetshofer "Die Verlorenen"

Am Residenztheater beginnt die Intendanz von Andreas Beck

Der erste Eindruck, wenn man über den Max-Joseph-Platz kommt: schon mal gut. Große LED-Lettern leuchten rot „Residenztheater“ aus der Glasfront im ersten Stock, unter der nun roten Decke des Wintergartens schwebt die „Silver Cloud“, installiert von Ingo Maurer (schon ein Vermächtnis: zwei Tage nach der Eröffnung stirbt der Lichtkünstler). Das zwischen Residenz und Staatsoper eingezwängte „Resi“ gibt Signalfeuer. Gelungener Blickfang.

Der erste Bühnen-Eindruck nach fünf Aufführungen: noch besser. Eigentlich wollte man ja mit einem Projekt von Simon Stone loslegen. Aber dem ist ein Film dazwischengekommen, also startet Andreas Beck seine Intendanz am Residenztheater mit einer Uraufführung von Ewald Palmetshofer. Das ist genauso konsequent, denn wie mit Stone arbeitet Beck auch mit ihm schon lange, der 41-jährige Autor und Dramaturg steht also genauso exemplarisch für die ästhetischen Setzungen, die das Theater Basel – von dem Beck und ein Großteil des Ensembles kommen – 2018 zum Theater des Jahres gemacht haben.

Also Die Verlorenen. Beiges Volk in grellweißem Kasten, kaum Requisiten, wenig Bewegung, dazu Palmetshofers Sprachverfremdungen, umgestellte Sätze, oft abgebrochen: Clara (Myriam Schröder), die zwischen ExMann (Florian von Manteuffel) und pubertierendem Kind, jungem One-Night-Stand (Johannes Nussbaum) und verhärmter Mutter (Sibylle Canonica) einen Weg für sich sucht. Nora Schlockers Regie vertraut stark auf den Text (viel Text!): Intensivst-Studie einer Midlife-Crisis zwischen Verzweiflung und Sehnsucht.

Maxim Gorkis Sommergäste sind da nicht weit weg. Hinter weißem Bühnenkasten die große schwarze Leere, in der Mitte eine Dusche: Sommerfrische ist angesagt. Hier treffen sich Leute, bei denen man sich fragt, warum sie sich treffen – wenn man so wenig miteinander kann? Außer Smalltalk und saufen natürlich: überall stehen Flaschen rum. Gorkis Vor-Revolutions-Egos rückt Joe Hill-Gibbins (Regie) ins Heute: unter der Oberfläche dieser Anwälte, Dichter, Ärzte, Alleinerziehenden und Ehefrauen (u.a. Robert Dölle, Sophie von Kessel, Hanna Scheibe, Aurel Manthei) grummelt es (auch sprachlich: nicht alles versteht man). Da überraschen Ausfälle nicht: der stärkste von Brigitte Hobmeier. Und dann? Schauen ein paar bedröppelt – und weiter geht’s.

Im Marstall erfindet Thom Luz Olympiapark in the dark. Ausgehend von einer Komposition von Charles Ives formt sich in gut eineinhalb Stunden eine Collage: vor dem Konzert eines kleinen, fesch gekleideten Orchesters blitzen Momente auf – Filmfetzen zu München, Musikergags, Klangsuche mit Lautsprechern und Livemusik: Strauss und Wagner, Mozart und Moroder, mal Kriegsversehrten-Chor, dann wieder Arbeitslosen-Orchester. Ein hinreißendes komisch-poetisches Kaleidoskop.

Unter den 28 Produktionen dieser ersten Spielzeit sind auch Mitbringsel aus Basel. Eines davon behandelt eine essentielle Frage der Weltliteratur: Warum heißt Alexandre Dumas’ Roman Die drei Musketiere – und nicht die vier? Mit Celentanos „Yuppi du!“ entern D’Artagnan und seine drei Kumpels das Cuvilliéstheater und liefern eine irre Show ab: gestört von ein paar Roman-Passagen verheddern sich vier Rampensäue in der Gruppendynamik, reflektieren über „Einer für alle, alle für einen!“, witzeln über das Theater an sich. Sie sind auch ihre eigenen Diener oder, zum RadetzkyMarsch, köstliche Rösser. Grimassierend, rennend, hampelnd, fechtend: Nicola Mastroberardino, Michael Wächter, Max Rothbart und Vincent Glander schwitzen sich auf Commedia dell’Arte-Basis (Regie: Antonio Latella) in eine gnadenlose Sause. Trotz ein paar Längen: eine gottvolle Blödelei, zum Tränenlachen.

Zweite Übernahme: Simon Stones schon legendäre Tschechow-Überschreibung und Aktualisierung Drei Schwestern war Stück des Jahres 2017. In dem Designer-Ferienhaus mit den vielen Einblicken trifft man sich ab und an: die Schwestern (Franziska Hackl, Barbara Horvath, Liliane Amaut), ihr Bruder und der Anhang. Statt „Nach Moskau!“ soll es nach Brooklyn gehen, aber das wird nix. Simon Stone macht eine hochintelligente, temporeiche Soap aus der Vorlage mit allem, was dazu gehört: Lebenslügen, Alkohol, Seitensprung, Selbstmord. Schmerzhaft komisch, entlarvend, bildstark: eine Gesellschaft hetzt durch ihr Lebenshaus. Aber bei sich kommt sie nicht wirklich an.

Fünfmal Anfang. Lustvolle Schauspielkunst, relevante Stoffe, dazu Experiment und Anarchie. Der Beifall: immer satt bis jubelnd. Ein starker Start.

Autor: Peter Eidenberger

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