Bühnenschau

Furios in die Saison: „Ein Sommernachtstraum“ im Volkstheater

Ein Sommernachtstraum im Volkstheater München

„So ganz der Shakespeare ist es nicht“: Theaterchef Christian Stückl hat beim letzten Pressegespräch schon mal verschmitzt gewarnt vor dem, was da als Spielzeit-Intro auf uns zukommt.

Aber was soll einen schon erschüttern, lässt man sich auf das Gefühlschaos in William Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“ ein: die Varianten, die es in München so zu sehen gab, waren vielfältig. Mal romantisch verspielt, mal edel psychologisch, und auch, zuletzt am Residenztheater, als krassere YouPorn-Version von Michael Thalheimer. Und jetzt? Horror.

Der Vorhang öffnet sich, im fahlen Licht wabert gespenstisch Nebel über dem Boden. Man denkt eher an die „Nacht der reitenden Leichen“ als an einen Wald bei Athen. Langsam erkennt man die Ruine eines Theaters (Bühne und Kostüme: Belle Santos). Scarmove Grove steht drüber. Scar-Moves gab es mal beim Breakdance, also schon eine Zeit her, dass die Lutzi hier abging. Aber die, die jetzt kommen, sind noch älter. Wie eine Boyband aus den Sixties – Pilzköpfe, Flowershirts, Röhrenjeans – tapern sie ins Ungewisse, die vier jungen Liebenden aus der Geschichte: Helena, Hermia, Lysander und Demetrius. Und Nina Steils, Carolin Hartmann, Sebastian Schneider und Timocin Ziegler sehen alle gleich aus, austauschbar also: jeder mit jedem, jeder gegen jeden, sie küssen, sie schlagen sich, auch mal bis aufs Blut.

Motiviert, kommentiert und inszeniert wird das von Max Wagners Puck, der hier alles ist, nur nicht Kobold: Conferencier, Harlekin, Zauberer. Die zwei weiteren Stränge bei Shakespeare macht Kieran Joel in seiner Inszenierung zu Lehrstücken für die jungen Liebes-Chaoten. Sie müssen zuschauen, und die Irritation wächst je mehr ihnen da vorgeführt wird. Da sind einmal Oberon und Titania. Herr und Frau König des Elfenreiches sind ein versifftes Alt-Hippiepaar in zerschließener Unterwäsche und Badelatschen, die filzigen Zotzen hängen ihnen in ihre dreckigen, ja, man muss so sagen: Fressen. Pascal Fligg nennt Luise Daberkow schon mal „Fotze“.

Erschreckende Beispiele, was aus Liebe wird, wenn das Wort Beziehung schon lange perdu ist. Wer die sieht, streitet zuhause mit der Liebsten doch gerne nur wegen der offenen Zahnpastatube. Ein Albtraum. Und zum zweiten: die Handwerkertruppe, die ihre Theatereinlage für die Hochzeit von Theseus und Hippolyta proben. Da die beiden Letzteren aber gestrichen sind in der Eindreiviertel- Stunden-Fassung, die man sich aus der Übersetzung von Jürgen Gosch und Angela Schanelec gebaut hat, verkörpern Zettel und Co. gleich die Figuren aus ihrem legendären Dilettantendrama „Pyramos und Thisbe“: Albtraum Nummer zwei. Jakob Gessner, Oleg Tikhomirov und Mauricio Hölzemann sind Zombies aus der Shakespeare-Zeit, mit Halskrause und rotem Haar wie Elisabeth I.

Mit expressivem Gestus, die Gesichter stummfilmblass geschminkt, spezielle Augenlinsen machen den Blick kalt und monströs, stellen sie ihre Typen aus und oder lassen sie turnen: mal athletisch, mal über Zuschauerreihen hinweg. Dieser schreckliche Traum (den die Musik von Lenny Mockridge bedrohlich unterwabert) braucht natürlich auch seine Schwester, das befreiende Lachen. Und so vergisst Joel nicht, die Joke-Klassiker aus dem „Sommernachtstraum“ zu bedienen: die gespielte Wand oder Zettels Mutation zum Esel, die in ein allerliebstes Italo-Schnulzen-Duett mit Titania führt.

Jubel und Bravos für die Regie und für ein einmal mehr superbes Ensemble. Ein furiöser Start in die Saison.

Autor: Peter Eidenberger

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