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Leises, satirisches und kraftvolles im Residenztheater

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Von: Andreas Platz

Der Schiffbruch der Fregatte Medusa im Residenztheater München
Zivilisationsbrüche in Multimedia: Der Schiffbruch der Fregatte Medusa © Residenztheater München

Ein kleiner Streifzug durch aktuelle Inszenierungen des Residenztheaters

Der italienische Autor Davide Enia lenkt den Blick auf etwas, was in Corona- und Kriegszeiten fast verschwunden ist aus Schlagzeilen und Köpfen: das Fluchtdrama auf dem Mittelmeer. Finsternis, von Nora Schlöcker zunächst für den Stream eingerichtet, ist zwar ein kurzer Theaterabend, eine knappe Stunde, aber ein Fest der Reduktion. Den Videotransfer auf die Leinwand – am Abend des Besuchs hat sie ohnehin gestreikt – braucht es gar nicht: die Bilder im Kopf, die der großartige Robert Dölle, in einer Küche beim Kochen von Orangenmarmelade, mit seinem einnehmendem Timbre erzielt, könnten stärker nicht sein. Enias eigenes Erleben eines Bootunglückes, das Sterben, Gespräche mit dem Vater und einem Onkel, der an Leukämie sterben wird: fast beiläufig kriechen Fluchterfahrungen, Biografisches und die existenziellen Fragen um den Wert des Lebens in den großen Raum des Residenztheaters. Ein leiser, großer Abend, beklemmend, packend.

Knut Hamsun war 1920 Nobelpreisträger. Was ihn nicht abhalten konnte, überzeugter Nazi zu werden. Das macht die Beschäftigung mit ihm schon immer schwer, mit der „Kareno-Trilogie“ versucht es das Residenztheater trotzdem, um dem Entstehen und dem Umfeld von Faschismus auf die Spur zu kommen: die drei Stücke (1895 - 98) hat Ewald Palmetshofer zusammen mit Regisseur Stefan Kimmig als Dreiakter auf drei Stunden verdichtet. Spiel des Lebens zeigt innerhalb von 20 Jahren den Weg des radikalen, rechten Philosophen Ivar Kareno, der lieber prekär lebt, als seine Überzeugungen aufzugeben: seine Manuskripte werden abgelehnt, die Ehe scheitert. Jahre später wird er Hauslehrer in der Upper Class, und wieder Jahre später holen ihn die alten Ideen ein: die Rechten wollen ihn als Idol. Max Mayer in der Hauptrolle brilliert als antidemokratischer Freigeist. Ungestüm tigert er am Größenwahn entlang, Narziss, Betonschädel, seine Frau und ihn trennen Welten, mit der Liebe wird es auch bei der reichen Unternehmertochter nichts. Am Ende stakst er, leicht irr, durch die Gegend. Auch das übrige Ensemble ist famos (u.a. Lisa Stiegler, Liliane Amuat, Thomas Lettow, Oliver Stokowski) in dieser Inszenierung, deren satirischer Grundton unterhält, aber nicht immer erhellt. Diese Hamsun-Wiederentdeckung aber zum tieferen Verständnis heutiger faschistischer Tendenzen heranzuziehen: das hieße, den Abend zu überfordern.

Eine legendäre Havarie, ein ikonisches Bild, das im Louvre hängt: „Das Floß der Medusa“ – das greift Autor und Regisseur Alexander Eisenach im Marstall auf. 1816 erleidet „La Méduse“, ein französisches Schiff, mit 400 Menschen auf dem Weg zur Kolonie im Senegal, Schiffbruch. Die Rettungsboote reichen nicht, 150 Menschen bleiben, fast ohne Nahrungsmittel, einem Floß überlassen. Nur 15 haben überlebt – weil sie Menschen gegessen haben. Von Kolonialismus und Kannibalismus spannt sich in Der Schiffbruch der Fregatte Medusa der kraftvolle Bogen bis zum umweltzerstörenden Kapitalismus: von den Rokoko-Kostümen zum ölverklebten Vogel. In wilden, auch komischen Gedankengängen spiegeln sich die Zivilisationsbrüche, mit dystopischer Live-Musik wird das zur Endzeit-Performance. Die Botschaft: Wir haben eigentlich keine Chance mehr. Eine turbulente Chose mit grandiosen Schauspieler*innen: Carolin Conrad, Vincent Glander, Niklas Mitteregger, Lukas Rüppel, Hanna Scheibe, Myriam Schröder, Simon Zagermann.

Übrigens: junge Leute zahlen im Juli nur fünf Euro (mehr unter www.residenztheater.de).

Autor: Peter Eidenberger

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