Ortsgespräch

Roland Hefter: „So ehrlich wie der Rock’n’Roll wird die Politik nie werden“

Hält gar nichts davon, den Kopf hängen zu lassen: Roland Hefter
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Hält gar nichts davon, den Kopf hängen zu lassen: Roland Hefter

Liedermacher, Gitarren-Held und SPD-Stadtrat: Von Roland Hefters Energie kann man sich nur anstecken lassen. Anfang Mai kommt seine neue Platte „So lang’s no geht“ raus. Macht sehr viel Bock!

Lieber Herr Hefter, von Ihrem neuem Album kann man sich ja zum Glück wieder einiges an Lebensfreude, Durchhaltewillen, aber auch Gelassenheit und Lässigkeit abschauen. Woher nehmen Sie eigentlich selbst diese Energie, die vielen aktuell ja gar nicht so leicht fällt?
Am Anfang hatte ich auch wenig Energie und Lust, diese CD zu machen. Als mir klar wurde, dass es eine längere Pause wird, wollte ich einfach die Zeit nutzen. Umso länger die Krise dauert, um so mehr wurde mir aber klar, wie gut wir in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern durch die Pandemie kommen. Auch wenn die Krise ein großer finanzieller Verlust bedeutet, ich freu mich, dass meine Eltern nicht krank geworden und mittlerweile geimpft sind und ich in meinem nächsten und familiären Umfeld keinen Todesfall durch Corona hatte. Damit hab ich großes Glück, das andere nicht haben, daher werde ich nicht jammern. Ich versuche mich an den vielen kleinen Dingen zu erfreuen, ohne darüber nachzudenken, was mir fehlt. Denn schlimmer geht’s immer. Oft hilft der Vergleich, um zu sehen, wie gut es einem dann doch noch geht. 

„So lang’s no geht“ heißt die neue Platte und es folgt zum Glück rasch das „So lang geht’s weiter“. Das soll aber jetzt hoffentlich nicht schon die Vorbereitung eines Abschieds werden, oder?
Auf keine Fall. Ich mach weiter wie bisher, so lang’s noch geht und so lang es mir Spaß macht. Da heißt es jeden Tag zu genießen. Aber auch den Umkehrschluss sollte man beachten. Mit Sachen aufhören, die einen keinen Spaß machen – nämlich so schnell es geht, denn keiner weiß, wie lange er noch zu leben hat. Keiner.

Seit vergangenem Jahr sind Sie ja jetzt auch SPD-Stadtrat: Wechseln Sie damit eigentlich schon bald komplett die Bühnen?
Nein, auf keinen Fall. Ich bin ehrenamtlicher Stadtrat, und wir haben ja alle noch unseren Beruf und ich das Glück, den schönsten Beruf der Welt zu haben. Und eines hab ich nach einem Jahr Stadtrat gelernt: So ehrlich wie der Rock’n’Roll wird die Politik nie werden, daher werde ich immer Musik machen, mit Sicherheit auch nach meiner Zeit als Stadtrat.

Dass extrem turbulente Zeiten sind, muss man niemanden erzählen: Um wie viel einfacher hatten Sie sich das Mitmischen im Rathaus ursprünglich eigentlich vorgestellt?
Ich hab mir erhofft, die Dinge, für die wir uns einsetzen, werden schneller umgesetzt. Die ganze Angelegenheit ist schon etwas für langfristige Anleger. Als Selbständiger muss man erst lernen, wie langsam die Mühlen der Verwaltung mahlen. Dazu kommen noch die finanziellen Einbußen der Stadt durch Corona, die manche Wünsche noch weiter verzögern oder unmöglich machen.

Was heißt eigentlich Stadtpolitik für Sie – in Zeiten, in denen die Menschen kaum „in echt“ zusammenkommen, oft nur von zuhause aus granteln und meist nur vor Computern hocken, wenn es eigentlich um Debatten gehen sollte, die was voranbringen?
Die politischen Debatten im Stadtrat bringen kaum jemand voran. Da geht es vielen nur darum, den politischen Gegner seine vermeintlichen Fehler aufzuzeigen und mit einem knackigen Spruch in die Presse zu kommen. Für mich beginnt die Arbeit bei den Bürgern. Zu fühlen und zu erspüren, wie der Bürger denkt. Übrigens ist das die gleiche Vorarbeit, die ich habe, wenn ich ein Lied schreibe. Wir sind ja Volksvertreter und keine Lehrer – oder sollten es zumindest sein. Konstruktiv wird dann in kleinen Runden mit den Fachpolitikern debattiert und Anträge formuliert. Das geht eigentlich ganz gut, auch in Coronazeiten per Videokonferenz.

Was sind denn aktuell für Sie die wichtigsten Themen bei der Arbeit im Politischen?
Die Situation der Künstler, Perspektiven für die Öffnung in Kulturbetrieben unter Hygienemaßnahmen, der barrierefreie Umbau des Valentin-Musäums, Mobilitätswende, aber mit Augenmaß, ohne ständig pauschal über Autofahrer zu schimpfen und trotzdem einen Fokus auf den Ausbau der Radwege legen, keine Kürzung der Unterstützung für die sozial Schwachen in unserer Stadt, Schaffung und Erhaltung von günstigen Mietwohnungen und auf längere Sicht sollten, meiner Meinung nach, die Ochsen, die die Stadt in Gut Karlshof in einem Stall mästet, auf die Weide. Das Tierwohl ist mir sehr wichtig.

Wie lange wird es dauern, bis die Leute wieder aus den vielen neuen Lagern und dem Grüppchendenken wieder zurückfinden?
Ich schätze zwei Jahre. Solange wird es leider dauern. Die Gräben sind zu tief und werden noch größer, wenn Geimpfte Privilegien bekommen, was ich absolut befürworte.

Sogar bundesweit wurden Sie seinerzeit ja mit dem tollen Künstler-mit-Herz-Song bekannt. Wie hatte sich das eigentlich angefühlt, wenn man plötzlich zum Tagesschau-Thema wird?
Es war ja ein Gemeinschaftsprojekt. Daher schreibe ich mir den Erfolg nicht auf die Fahne und danke allen Kollegen dafür, dass wir alle unseren Teil dazu beitragen konnten, dass die AfD weniger Stimmen bekam als angenommen. Das hat mich gefreut und war mir wichtig. Tagesschau hin oder her.

Eigentlich müsste es ja eine tolerante Aufbruchsstimmung wie damals ja mal wieder geben. Wann gehen Sie mit einer Neuauflage raus – vielleicht ja auch gerade jetzt, wo die Künstler so sehr fehlen im öffentlichen Leben?
Durch Corona sind wir ja schon eingeschränkt, in der Gruppe ein größeres Projekt zu realisieren. Aber wir denken natürlich darüber nach. Das Problem, das wir mit der AfD bzw. dem Rassismus haben, ist ja nicht aus der Welt, und die nächsten Wahlen stehen vor der Tür.

Die Songs vom neuen Album machen ja unglaublich Lust, wieder raus und unter Menschen zu kommen. Wie schreiben sich eigentlich so Stücke, wenn man oft notgedrungen im stillen Kämmerlein sitzt?
Umso größer der Wunsch nach einem normalen Leben, umso größer die Motivation solche Lieder zu schreiben. Da ist die Sehnsucht der Antrieb für die Kreativität. Wenn ich das Lied schreibe, bin ich gedanklich nicht mehr im stillen Kämmerlein

Woher nehmen Sie die Ideen, wie lassen sich Sehnsüchte so schön kanalisieren – etwa beim Steckerlfisch-Song?
Ich bin ja auch schon über 50, da ist schon einiges passiert, und ich hab immer schon ein lustiges, unkonventionelles Leben geführt, ohne mir Gedanken zu machen, was die Norm ist. Und ich hör den Menschen gern zu, wenn sie Geschichten erzählen. Da genügen oft wahre Ereignisse und ein bisschen Phantasie für ein Lied. Was beim Steckerlfisch-Song in echt so passiert ist, möchte ich aber jetzt nicht erzählen.

Jedes Kindergartenkind in München hatte seinerzeit ja erzählt bekommen, dass das Leben wieder anfängt, wenn die Schäfler singen und tanzen: Wie sieht denn Ihr Plan aus, wann alles so langsam wieder losgehen könnte mit den Auftritten?
Im Moment verschieben wir bis 2023 unsere Auftritte. Wenn wir dürfen, fahren wir wieder in Bayern rum, singen und spielen, und ich hoffe wir haben alle viel Freude, die so groß ist wie die Vorfreude, die ich habe, wenn ich daran denke.

Dass es ein Superbiergartensommer mit ganz vielen Wiederbegegnungen, Musik, Tanz und Kultur werden muss, ist eh klar. Was ist Ihr bester Tipp, bis dahin über die Runden zu kommen und den Kopf nicht hängen zu lassen?
Das ist uns klar. Hoffentlich ist das dem Virus auch klar und auch der Regierung, indem sie die Gastronomie und Veranstalter, die Hygienemaßnahmen umsetzten, unterstützt. Mein Tipp? Nachdem es jetzt wirklich absehbar ist, bis die meisten geimpft sind, bringt es nichts, den Kopf hängen zu lassen. Jetzt ist die Zeit, sich auf das Leben nach Corona vorzubereiten: Die letzten Tiefkühlpizzas vernichten, die Wohnung renovieren und noch schnell zum Schönheitschirugen, wenn jemand glaubt, es zu brauchen. Eine bessere Zeit gibt es nicht.

Alle Infos zu Roland Hefter und zur neuen Platte „So lang’s no geht“ (erschienen bei Donnerwetter/Cargo): www.rolandhefter.de

Interview: Rupert Sommer

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