Angespielt

Neue Alben von Tom Petty, Astrid S und Matt Berninger

The National-Sänger Matt Berninger
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Ganz großes Ohrenkino: The National-Sänger Matt Berninger mit seinem Solo-Debüt

The National-Sänger Matt Berninger meisterlich, Tom Pettys „Wildflowers“ endlich komplett und Astrid S, wie steril…

Astrid S - Leave It Beautiful (Universal)

Astrid S - Leave It Beautiful

Ja, schon klar, Bayern 3-Musik, Dudelradio, folglich also: abschalten. Aber so einfach ist das nicht. Was also macht Astrid S anders? Macht sie interessant, auch für Menschen mit fundiertem Musikhintergrundwissen und womöglich Geschmack? Sie gehört mit ihren Hitsingles wie „Hurts So Good“, „Breathe“, „Think Before I Talk“ und „Emotion“, mit insgesamt angeblich mehr als 1,5 Milliarden Streams weltweit, sowie diversen EP-Veröffentlichungen zu den größten Shootingstars Skandinaviens. Sie arbeitete mit Shawn Mendes zusammen, hatte Auftritte mit Troye Sivan, ausverkaufte Shows in ganz Europa und wurde immer wieder mit diversen Edelmetallen ausgezeichnet. Zudem ergatterte sie einen Job beim Modelabel Fendi, tourte mit Zara Larsson und zu guter Letzt trat sie, vermutlich an einem Freitag, auch noch auf Greta Thunberg.

Nun erscheint ihr Debütalbum „Leave It Beautiful“, das mit einem, nun ja, hoch professionellen, stringent durchgestylten Soundmix aus Pop, R&B und Electro wie gemacht scheint fürs Format-Radio. Kein Wunder, wurde dieses doch u.a. von Jack & Coke (Rita Ora, Charli XCX, Nick Jonas) produziert. Was aber macht denn jetzt Astrid S so anders, so besonders, so interessant? Vielleicht ist es der Umstand, dass man es ihr voll abnimmt, die Verletzlichkeit, die Nahbarkeit. Astrid S fühlt sich trotz allem irgendwie echt und ehrlich und sympathisch an, was man von vielen anderen Mainstream-Retorten-Produktionen wahrlich nicht behaupten kann.

Fazit: Etwas steril und ein wenig austauschbar vielleicht, dennoch aber ein paar wirklich schöne Top-40-Songs drauf.

Anspieltipps: Ganz besonders die, die es vermutlich nicht ins Format-Radio schaffen werden, also: „It’s Ok If Your Forget Me“, „Airpods“ und „Can’t Forget“,

Matt Berninger - Serpentine Prison (Caroline)

Matt Berninger - Serpentine Prison

Oha. Ja. Genau das Richtige jetzt: Matt Berninger, seines Zeichens singender Vorstand der unvergleichlichen The National. Echte Musik von echten Menschen für echte Menschen. Eine Stimme, rau, vibrierend, und ganz gewiss out-off-autotune, Gitarren die wie Gitarren klingen, egal ob elektrisch oder akustisch, analoge Orgeln, ein schnarrendes, klapperndes, tightes, analog groovendes Schlagzeug, EIN ECHTES SCHLAGZEUG! Songs, die komponiert wurden, mit Hand und Hirn, nicht per Mouseclick aufm Computer. Musik mit Herz und Verstand also… Mit einem Wort: Musik, halt… Hauptverantwortlich dafür, dass „Serpentine Prison“ so vereinnahmend, so berauschend, so großartig klingt, ist der Multiinstrumentalist und mittlerweile auch schon 76-jährige Soul- und R&B-Veteran Booker T. Jones.

Hinzu gesellten sich illustre Gäste wie der Geiger Andrew Bird, die David-Bowie-Lenny-Kravitz-Bassistin Gail Ann Dorsey, Benjamin Lanz und Kyle Resnick (beide Beirut), Harrison Whitford (Phoebe Bridgers) und natürlich seine Buddies von The National. „Serpentine Prison“ ist ein wahrer Genuss, ein beeindruckendes (Mani-)Fest des erlesenen Geschmacks… „Ich habe beim Schreiben fast immer geweint“ bekannte Berninger zuletzt im Interview mit dem Tagesspiegel offenherzig. Ich für meinen Teil habe beim Hören fast immer geweint… vor Glück, versteht sich.

Fazit: Platte des Jahres, vermutlich… Ein Feuer-, ein Meisterwerk für Fans von Nick Cave über Richard Hawley bis Stuart Staples. Grandios, brillant. Genug jetzt, anhören!

Anspieltipps: ALLE!

Tom Petty - Wildflowers & All The Rest (Warner)

Tom Petty - Wildflowers & All The Rest

Gleich mal eines vorweg, ich gehöre eher der „Full Moon Fever“-Fraktion im Tom Petty-Lager an. Dieses Westcoast-Meisterwerk mit Songs wie „Free Fallin’“, „I Won’t Back Down“, „A Face In The Crowd“ u.a. erschien fünf Jahre vor dem 1994 veröffentlichten „Wildflowers“, welches meiner Meinung nach nicht rankam. Was nichts daran ändert, dass es sich hier freilich ebenfalls um ein ausgezeichnetes, ja auch 2020 noch umwerfendes (Soft-)Rockalbum handelt.

Zumal mit folgendem Hintergrund: Fünf Tage vor seinem Tod am 2. Oktober 2017 gab Tom Petty der Los Angeles Times ein Interview, in dem er ankündigte, dass er „Wildflowers“, welches er gemeinsam mit Mike Campbell und dem leibhaftigen Produzenten-Messias Rick Rubin (Johnny Cash, Beastie Boys, Red Hot Chili Peppers, AC/DC, Metallica, Adele, Carlos Santana u.a.) erarbeitete, gerne wieder veröffentlichen würde. Und zwar komplett. Will meinen, dass ihm die Plattenfirma seinerzeit davon abriet alle 25 Songs draufzupacken und er sich doch bitte mit 15 begnügen solle. Petty nahm’s hin, jetzt aber geht sein Traum in Erfüllung: Für seine Fans ein Feiertag, für ihn leider drei Jahre zu spät.

Fazit: Ich bin auch hier oft den Tränen nahe, weil Tom Petty wirklich einer der Allerallergrößten war und bis heute ist und ich das große Glück hatte ihn 1992 live mit seinen Heartbreakers in der Olympiahalle erleben zu dürfen. Tom Pettys und der Traum vieler Fans wurde nun endlich war… Halleluja!

Anspieltipps: Vor allem natürlich die bislang unveröffentlichten Songs. Aber auch alles andere, eh klar…

Autor: Gerald Huber

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