Angespielt

Neue Alben von Passenger, Viagra Boys und Aaron Frazer

Plattentipps - Passenger
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Mike Rosenberg aka. Passenger liefert ein bärenstarkes Singer/Songwriter-Album

Die Viagra Boys mit galgenhumorigem PostPunk in einer hoffnungslosen Zeit, Passenger pflanzt pro verkauftem Album einen Baum und an Aaron Frasers Debüt dürfen sich die Fans von analogem Soul die Seele wärmen 

Viagra Boys - Wellfare Jazz

Viagra Boys - Wellfare Jazz

Hoffnung. Geradezu inflationär, wie dieses Wort derzeit gebraucht und bemüht wird. Fehlt nur noch, dass sie ihr den Friedensnobelpreis verleihen, der Hoffnung mein ich. Hat ja schon mit der EU ganz prima funktioniert. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es ja so schön, schon klar. Was aber, wenn sie schon zu Lebzeiten stirbt? Zum Beispiel an dem Tag, an dem Trumps Truppen das Kapitol in Washington gestürmt haben? Was, wenn dies genau der – zugegeben lange erwartete – Tropfen zu viel war, der die Hoffnung am Ende absaufen ließ? Weitere Gründe zu nennen ist müßig, es sind einfach zu viele, mindestens die letzten fünf Jahre oder so… Also, wie auch immer, jetzt ist es also so weit und die Hoffnung ist so mausetot wie der Papagei bei Monty Python. Der richtige Soundtrack dazu ist „Wellfare Jazz“ von den Viagra Boys. Nein, das ist nicht schön und soll’s auch gar nicht sein, weswegen mir der Opener „Ain’t Nice“ zumindest etwas Zuversicht gibt. Hä, werden jetzt manche denken, keine Hoffnung, aber Zuversicht? Ja klar: Der Hoffnung wohnt ja immer auch etwas Großes und Allgemeingültiges inne, dass sich was ändert, weltweit, positiv versteht sich…

Zuversicht hingegen kann sehr persönlich und privat sein, indem man z.B. viel Zeit mit seinen Liebsten verbringt und sich unterstützt, sich Mut zuspricht, sich austauscht und gegenseitig die Seele massiert, zudem für altruistische NGOs spendet und weitestgehend auf Fleisch und Plastik verzichtet usw.usf … Und man kann im sehr, sehr Kleinen – physische und psychische Gesundheit freilich vorausgesetzt – auch dann noch zuversichtlich sein, wenn global betrachtet alles Scheiße ist und auch so bleibt. Die Viagra Boys geben also insofern Zuversicht, indem sie mit ihrem rauen und ruppigen, ihrem eiskalten und überaus desillusionierenden, dennoch aber galgenhumorigen PostPunk fest an der Seite der Realisten stehen, jenen also, die sich nichts vormachen, sondern mit all dem Ungemach umzugehen versuchen, ohne sich umzubringen. Und auch dann werden sie gute Begleiter sein, wenn man irgendwann doch mal wieder ans Meer und in die Sonne fahren darf und sich „Into The Sun“ auflegt, auf dem Weg nach Italien z.B. Aber auch „In Spite Of Ourselves“ und „To The Country“ machen ungemein gute Laune zum bösen Spiel. Apropos „Trotz uns“, irgendwie wird’s schon weitergehen, mit all dem, aber deswegen gleich Hoffnung haben? Also bitte…

Fazit: Der definitive Soundtrack für – huch! – alle Krisen, die da noch kommen mögen… Weiter, immer weiter, aufgeben gilt trotz widrigster Umstände auch weiterhin nicht! Fans von Idles, Fontaines D.C. und Shame sollten sich hiervon genauso angesprochen fühlen wie die von Ted Miltons Blurt und DAF.

Anspieltipps: „Creatures“, „Toad“, „Girls & Boys“, sowie alle genannten.

Passenger - Songs For The Drunk And Broken Hearted

Passenger - Songs For The Drunk And Broken Hearted

Super Titel. Viele wissen es schon: Kein Alkohol ist auch keine Lösung. Zumal in der Pandemie, die wird, wie’s aussieht und was man so hört, aufgrund von gefühlten Endlos-Lockdowns so manch/e Alkoholkranke/n zurücklassen. Aber mei, für die Gesundheit gell, da opfert man ja schon recht gern recht viel… Und ja, gebrochene Herzen, die gibt’s ja auch noch, die die an Einsamkeit zerbrechen etwa, aber, mei, der/das Virus halt… Okay, genug der Polemik, die Zeiten sind ja eh’ schon schwer genug. Und, um es vorweg zu nehmen, Hoffnung macht auch der Passenger keine. Aber auch er gibt sich alle erdenkliche Mühe und mir persönlich etwas Zuversicht, sind doch die Verpackungen seiner CD- und Vinyl-Auflage zu 100% aus recyceltem Material hergestellt. Und Dank seiner Partnerschaft mit Ecologi und dem Eden Project wird für jeden Tonträger, der über den Passenger Webstore (https://passengermusic.com/) verkauft wird, ein Baum gepflanzt. Also, los: Kaufen, kaufen, kaufen!!!

Nicht viel, zugegeben, aber besser als nix und, genau, ein kleines bisschen Zuversicht eben auch dies… Und das obwohl Rosenberg die Songs überwiegend nach einer schmerzlichen Trennung schrieb, was er etwas schlawinerhaft in etwa so beschreibt: „Aber es ist auch ein berauschender Moment, die Liebe zu verlieren und dies durch Alkohol zu betäuben…“ Ach so, Alkohol berauscht und betäubt… Stimmt ja, und gut so, und so gesehen auch ein weiterer triftiger Grund für den Titel… Und dabei klingen die Songs dann aber gar nicht mal so zerbrechlich oder gar zu sehr verkatert. Eher schon entschlossen, das alles wieder hinzukriegen. Angetrunken von mir aus, niemals aber stockbesoffen und dann auch schon wieder aufgeräumt irgendwie… Egal, „Songs For The Drunk…“ ist ein bärenstarkes Singer/Songwriter-Album, wie man es sich von Passenger nur wünschen konnte. So gehört also ein Volltreffer.

Fazit: Mag ich sehr!

Anspieltipps: „Remember To Forget“ (sh. Video), aber auch der Titelsong ist sehr gut und nicht zu vergessen das verletzlich-schwelgerische „Suzanne“. Es waren nicht zufällig die ersten drei Singleauskopplungen vorab…

Aaron Frazer - Introducing…

Aaron Frazer - Introducing…

Ok, muss man kurz vorstellen: Aaron Frazer singt wie ein Zeiserl. Kennen könnten ihn Insider als co-singenden Schlagzeuger bei Durand Jones & The Indications. Hoch, manchmal sehr hoch, und trotzdem samtig warm und einfach nur himmlisch schön, und so gehört könnte er glatt als derjenige welche durchgehen, der das Erbe von Curtis Mayfield antritt. Auch musikalisch ist er in dessen Nähe einzusortieren: Handgemachter Soul trifft auf verspielten, dennoch aber zwingenden 60s-Pop. Darüber fein säuberlich gestreut ein paar Streusel von 70s-Disco und Gospel und R’n’B und meinetwegen auch noch ein bisserl Jazz. Unglaublich überzeugend und stark eingespielt haben eben dies u.a. ein paar Mitglieder der Memphis Boys, die schon für Dusty Springfield und Aretha Franklin aktiv waren. Braucht’s eigentlich nur noch einen Produzenten, der all dies kongenial umzusetzen weiß: Gesucht, gefunden, also der Dan Auerbach den Aaron Frazer. Und, dass der Black Keys-Chef einen ganz besonderen Hang zum Soul hat ist bekannt, dass er ein Genie darin ist, Musik im digitalen Zeitalter so analog wie möglich klingen zu lassen auch.

Knochentrocken aufgenommen, immer leicht schläfrig und verträumt und alles in allem ungemein vereinnahmend. Aus gut unterrichteten Kreisen weiß ich, dass sich Münchens sexiest Blues’n’Soul-Boy Jesper Munk, oder besser dessen Management, darum bemühte, den Auerbach als Produzenten für sich zu gewinnen. Es hat – mir völlig unverständlich – leider nicht geklappt, bislang... Zu wünschen wäre es dem Munk – von dem ich zugegebenermaßen mindestens seit seiner Geburt großer Fan bin – und auch dem Auerbach und vor allem aber allen Handmade-Soul-Fans weltweit, denn dann hätten diese, wenn sie dem Frazer-Falsett mal etwas überdrüssig sind, eine zweite ganz große, dann aber etwas rauere und auch dunkel getönte Soulstimme, die ihnen bestimmt genauso viel Freude bereiten würde.

Fazit: Schönes Debüt mit handgemachtem Soul. Einzig die tolle, leider aber auf Dauer auch eintönig hohe Stimme, nützt sich nach gewisser Zeit etwas ab.

Anspieltipps: Keine bestimmten. Eine runde Sache zum Schwofen und beim Sex. Aber okay, „You Don’t Wanna Be My Baby“, „Bad News“ (sh. Video, was für eine tolle Tänzerin) und „Can’t Leave It Alone“ sind schon ganz besonders schön geworden.

Autor: Gerald Huber

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