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Neue Alben von Nick Cave, The War On Drugs und Larkin Poe

Plattentipps Zuhören, entspannen, nachdenken: Nick Cave performt „Idiot Prayer“
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Zuhören, entspannen, nachdenken: Nick Cave performt „Idiot Prayer“

Nick Cave verleiht der Einsamkeit Ausdruck, The War On Drugs vermitteln Livefeeling und Larkin Poe mit ein paar ausgeschlafenen Covers

Nick Cave - Idiot Prayer: Nick Cave Alone At Alexandra Palace (AWAL)

Nick Cave - Idiot Prayer: Nick Cave Alone At Alexandra Palace

Ja, kann man so machen: um der Einsamkeit in der Isolation Ausdruck zu verleihen, kann man sich – nicht nur, aber eben auch – als Nick Cave schon mal alleine in eine leere Halle ans Klavier setzen und singen. Dass der Streaming-Event vom Juli nun als Film und Album erscheint ist ebenso logisch wie konsequent, denn Cave ist ja durchaus ein formidabler, wenngleich niemals nerviger, Selbstdarsteller und auch -vermarkter. Und natürlich ist das alles in allem auch ein Glücksfall für all diejenigen, wie mich z.B., die das gar nicht so richtig mitbekommen haben und nun umso erfreuter sind, doch noch in den Genuss dieser minimalistischen, dieser sehr intimen, ja, geradezu faszinierend persönlichen Aufnahmen zu kommen.

Songs aus seinem gesamten Œvre sind hier zu hören, von frühen über späte Bad Seeds- bis hin zu freilich etwas weniger prominenten Grinderman-Kompositionen. „I loved playing deconstructed versions of my songs at these shows, distilling them to their essential forms. I felt I was rediscovering the songs all over again, and started to think about going into a studio and recording these reimagined versions at some stage – whenever I could find the time.“ Gut also, dass Lockdown war, sonst hätte Cave – als vielbeschäftigter Multikünstler und musikalischer Wanderprediger, Familienvater und Ehemann der er ja auch noch ist – vielleicht doch niemals die Zeit gefunden um diese wunderschönen, aufs Wesentliche reduzierten Versionen vieler seiner großen Songs aufzunehmen.

Fazit: Ich habe schon ein paar sehr beeindruckende solistische Live-Performances von großen Künstler wie Randy Newman, Kris Kristofferson, Kurt Wagner, Will Oldham, Jesper Munk, Kevin Devine, Matt Elliott, Chilly Gonzales u.v.a. gesehen, leider gab es da nie Alben von. Ich liebe diese reduzierte Performance, diese Stille, diese Andacht, diese Unaufgeregtheit und Intimität. Ganz großes Ohrenkino.

Anspieltipps: Alle. Ganz besonders aber „Jubilee Street“, „The Mercy Seat“, „Into My Arms“, „Far From Me“

Larkin Poe - Kindred Spirits (Tricki-Woo)

Larkin Poe - Kindred Spirits

Das mit den Cover-Alben scheint ja grad groß in Mode zu sein. Letzte Woche erst Lambchop und Die Toten Hosen, diese Woche die beiden Larkin Poe-Schwestern. Die beiden hochmusikalischen Geschwister, die auch schon Elvis Costello als Liveband begleiteten, interpretieren sich dabei quer durch ihren persönlichen Musikgeschmacksgarten, weswegen dann eben nicht nur völlig Absonderliches und Nerdiges zu Tage tritt, sondern durchaus auch etliche Klassiker der Rockgeschichte. „Fly Away“ etwa von Lenny Kravitz ist dabei, in einer sehr emotionalen, kratzig-kantigen Blues-Version, geschmackvoll minimalistisch mit zwei wunderbaren Stimmen und einer Bottleneck-Gitarre instrumentiert.

Neil Youngs „Rockin’ In A Free World“ kommt mit schnurrender Lap Steel-Gitarre etwas getragener daher, keineswegs aber weniger intensiv. Gespannt war ich persönlich auf Phil Collins‘ „In The Air Tonight“, und wer etwa auf den prägnanten Schlagzeug-Einsatz wartet, wird freilich enttäuscht. Wer allerdings die Ohren spitzt und sich an harmonischen Feinarrangements erfreut, wird hier reichlich entlohnt. Stark! Tief unter die Haut geht auch das Moody Blues-Cover „Nights In White Satin“ während „Take What You Want“ von Post Malone bei mir eher unter Nice Try rangiert. Zum Ende noch eine wunderbare, augenzwinkernde und mit den Ohren wackelnde Reminiszenz an den großen Sir Elton John und sein(en) „Crocodile Rock“.

Fazit: Schöne Platte, nicht zwingend notwendig, aber eben ganz schön.

Anspieltipps: Neben den genannten auch Bo Diddleys „Who Do You Love“

The War On Drugs - Live Drugs (Super High Quality)

The War On Drugs - Live Drugs

Ha: Ein Livealbum. Waren die nicht mal relativ out, so die letzten Jahrzehnte über? In Zeiten der Seuche allerdings kriegen diese wieder ein ganz anderes Gewicht, eine andere, größere Wertigkeit und Bedeutung, wie ich finde. Alleine schon der Anfang: Diese ebenso gespannte wie freudige Atmosphäre, diese ganz spezielle Stimmung, das Gemurmel und Pfeifen von so vielen Menschen, die nur darauf warten, dass es endlich los geht. Und dann setzt auch schon Charlie Hall mit dem steady Beat von „An Ocean Between The Waves“ ein, es folgt die Flimmer-Gitarre und die konzentrierte, wohltemperierte Stimme von Adam Granduciel. Und zum Ende hin Applaus… Hach, Livemusik, endlich! Bereits seit 2018 trug Bandleader Granduciel sich mit dem Gedanken eines Livemitschnitts, der sich dem Gesamtwerk seiner Band widmet.

So gehört also ist „Live Drugs“ also eine „Best Of“ unter Livebedingungen, einfach herrlich! Dabei ist es ihm auch wichtig, die Entwicklung zu zeigen die Songs über die Jahre der Liveperformance gerne auch mal nehmen: „As a band leader, I always want to know where a song can go” erklärt Granduciel im Info und weiter „even though we’ve recorded it, mastered it, put it out, and been touring on it, it doesn’t mean that we just have to do it the same way forever, for the rest of our lives.” Und, War On Drugs-Heads wissen es ja bereits, dass vor allem Granduciels exzellente Gitarrenexkursionen immer wieder – vor allem eben auch live – von ganz besonders hohem künstlerischem Anspruch sind. Alle anderen wissen es spätesten jetzt.

Fazit: Wie gesagt, endlich mal wieder Livemusik-Feeling, unersetzlich, unentbehrlich, unglaublich schön.

Anspieltipps: „Buenos Aires Beach“ ist ganz besonders großartig, Gänsehaut pur. Aber auch das knapp 12-minutige „Under The Pressure“ und der im Text angesprochene siebeneinhalb Minuten lange Opener „An Ocean…“ sowie das 9.13 Minuten dauernde „Eyes To The Wind“ transportieren dieses Liveerlebnis besonders gelungen in die gute Stube.

Autor: Gerald Huber

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