Angespielt

Neue Alben von Carla Bruni, Future Islands und Mina Tindle

Plattentipps KW41/2020 - Carla Bruni
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Carla Bruni

Future Islands kehren hoffnungsvoll aus dem Tal der Tränen zurück, Mina Tindl schmückt sich mit Sufjan Stevens und Bryce Dessner (The National) und Carla Bruni pendelt ambivalent zwischen aalglatt und bezaubernd

Mina Tindle - Sister (37d03d)

Mina Tindle - Sister

Es fällt wirklich schwer, diese Frau nicht zu mögen. Sie, ihre Musik, egal… Und doch zeigten beim Video zu ihrer aktuellen Single „Indian Summer“ die Daumen von zwei Miesepetern nach unten. Hinter Mina Tindle steckt die Pariser Sängerin und Komponistin Pauline De Lassus, und mit eben jenem „Indian Summer“ hat sie zusammen mit dem New Yorker Produzenten Thomas Bartlett, der unter anderem schon Künstler*innen wie Joan As Police, Yoko Ono und Florence + The Machine zu Weltruhm mischte, einen wirklich betörenden, unaufgeregt dahin fließenden Song aufgenommen, bei dem dann auch noch The National-Gitarrist Bryce Dessner ein paar flirrende Noten beigesteuert hat.

Der zweite Prominente auf De Lassus’ mittlerweile auch schon drittem Album ist dann kein geringerer als Sufjan Stevens, der gerade mit seinem meinungsstarken Electropop-Meisterwerk „The Ascension“ weltweit für Furore sorgt. „Give A Little Love“ heißt der ebenfalls wunderschöne Song, in dem sie sich stimmlich auch mal mit Laura Gibson vergleichbar macht. „Sister“ ist wahrscheinlich genau das: Musik für Schwestern, mithin also Frauen jeden Alters und Männer, die Gefühle auch mal zulassen. Zärtlich und behutsam ist das, dabei aber keineswegs schwach und verletzlich. Eher hat man den Eindruck, De Lassus sei eine starke, eine selbstbewusste Löwin wie in „Lion“, die auch dem Soul ihre hörenswerte Aufwartung macht. Der heimliche Hit allerdings, zumindest für mich, ist „Belle Pénitence“, zum dahin schmelzen schön.

Fazit: Schöne Platte, tolle Frau, oder andersrum... Wie bringt man es nur fertig sie nicht zu mögen? Versteh ich nicht…

Anspieltipps: Alle im text erwähnten und noch ein paar mehr…

Carla Bruni - Dito (Universal)

Carla Bruni - Dito

Nein, ihre Liaison mit diesem kleinwüchsigen, wirklich nicht sehr liebenswerten französischen Politiker, ist wahrlich nicht der Grund wofür man Carla Bruni mag. Eher im Gegenteil, versteht sich. Andererseits ist sie eine ebenso charmante wie ausgesprochen geistreiche und obendrein empfindsame Singer/Songwriterin, dass man ihr gar nicht richtig böse sein kann oder sie gar in die sogenannte Sippenhaft nehmen möchte, auch wenn ihre Hormone ihr offensichtlich seit vielen, vielen Jahren täglich ein paar scheußliche Streiche spielen. Na wie auch immer, hier soll es ja schließlich auch um ihre Musik und ihr neues Album gehen. Darum nämlich, wie sie es immer wieder schafft einen zu betören, zu verzaubern oder einfach auch nur mit den einfachsten Mitteln um den Finger zu wickeln. Einfach deswegen, weil ihre Songs wirklich nach Schema F funktionieren und sich das Gefühl aufdrängt, dass sich alles permanent wiederholt.

Egal ob der schmeichelnd poppige Midtempo-Chanson von „Quelque Chose“ und „Le Petit Guépard“ oder das gediegen tänzelnde Walzer-Feeling von „Un Grand Amour“, Bruni ist weder rätselhaft noch auf irgendeine Weise geheimnisvoll oder gar verspielt. Genau das Gegenteil auch hier: Bruni ist wahrscheinlich das unspannendste und somit berechenbarste was man sich nur vorstellen kann. Sie erfüllt jedermann/fraus Erwartungen und alles schreit Kalkül, ohne auch nur den geringsten Schnörkel oder Kratzer. Abgesehen vielleicht von ihrer leicht kratzigen, lasziv rauchigen Stimme. Ja, das ist glatt – so wie etwa die sogenannten „Live Sessions“, die exakt so klingen wie die Albumtracks, mithin also eigentlich „Vollplayback Sessions“ genannt werden müssten. Das ärgert einen aber dann doch, dass sie die Leute dann auch noch für dumm verkaufen muss. Schade, wo ich sie doch trotz allem eigentlich immer noch ganz gerne mag…

Fazit: Hm. Schön anzuhören, alles in allem aber halt doch irgendwie oberflächlich, kalkuliert und von irritierender Glattheit.

Anspieltipps: Alle genannten, dann langt’s vielleicht auch wieder.

Future Islands - As Long As You Are (4AD)

Future Islands - As Long As You Are

Es waren wohl die bestgenutzten vier Minuten ihres Lebens. Damals, als eine bis dato nur Insidern bekannte Band Namens Future Islands bei David Letterman mit ihrem Song „Seasons“ ihren großen Auftritt hatte. Fortan ging es ebenso flott wie stetig nach oben, was erwartbarer Weise seine Spuren hinterließ: Burnout, Selbstzweifel, man kennt das ja... Die zum Leidwesen aller Beteiligten völlig übertriebenen Erwartungshaltungen führten zu maximalen Verkrampfungen, die sich nun in diesem – von der Plattenfirma als „Homecoming-Platte“ ausgewiesenen – stimmungsvollen Manifest der Liebe und des Vertrauens, lösen (sollen!?). Wie auch immer, Samuel T. Herring, Inhaber dieser ebenso faszinierenden wie charismatischen Stimme, schreibt gleich im Opener „Glada“ von wünschenswerten Selbstwertgefühlen und der bedingungslosen Liebe.

Es folgen mal retrospektive, mal futuristische Lieder, die mal alte Wunden aufreißen, aber auch neue Hoffnung versprühen. Herring setzt dabei auf Ehrlichkeit und Erlösung („Pulling from my past is a form of therapy“), aber auch das Loslassen spielt hier eine große Rolle. Seit Herring mit seiner neuen Lebensgefährtin in Schweden lebt, fällt im vieles leichter, in Songs wie „Waking“, „The Painter“, „For Shure“ und „Hit The Coast“ ist die Erleichterung – trotz gelegentlich auch finsterer Thematik – fast schon physisch wahrnehmbar. Es ist schön in Zeiten wie diesen positive Vibes wie diese zu vernehmen, auch wenn, oder gerade weil man weiß aus welcher Dunkelheit sie geboren wurden. Wichtig aber ist, dass es Herring und den seinen wieder besser geht und man diese Positivität in ihrem durchaus traditionell zu bezeichnenden Synthie-Wave-Pop auch raushört.

Fazit: Ein ebenso faszinierendes wie inspirierendes Album voller Versöhnlichkeit und Hoffnung, entstanden aus den mentalen Niederungen psychischer Krisen.

Anspieltipps: Alle genannten sowie „Thrill“.

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