Angespielt

Neue Alben von Tash Sultana, Tindersticks, David Gray und The Hold Steady

Plattentipps: Tash Sultana
 präsentiert Ihr neues Album „Terra Firma“
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Tash Sultana präsentiert Ihr neues Album „Terra Firma“

Tash Sultana fühlt sich so frei, die Tindersticks lenken sich ab, The Hold Steady baden in wärmenden Verzerrungen und ein beseelter David Gray zwischen Mystik und Mythos

Tindersticks - Distractions

Tindersticks - Distractions

Waren das noch Zeiten! Ich, Kammerspiele, erste Reihe, Mitte: Stuart Staples, seines Zeichens Kopf und Sänger der Tindersticks, etwa den jetzigen Mindestabstand von mir entfernt. Staples artikuliert sehr emotional und ist dabei gelegentlich auch etwas feucht in der singenden Aussprache und so spuckte er mir 1,5 Stunden beständig vor die Füße. Es war ein absoluter Genuss, er, die Band, das gesamte Konzert, der Sound, der Platz, danke noch mal an die Plattenfirma City Slang, für die besten Tickets, die ich wohl jemals hatte. Und jetzt ein neues Album, immerhin. Und war zuletzt die Hoffnung der letzte Schatz, dem wir uns nach Meinung der Tindersticks sicher sein konnten, so ziehen Staples und die seinen nun weiter und suchen in der Ablenkung ihr Seelenheil. Und das, obwohl „Distractions“, folgt man der stapleschen Logik („I think the confinement provided an opportunity for something that was already happening. It is definitely a part of the album, but not a reaction to it.”), explizit halt kein Lockdown-Album sein will.

Los geht’s mit „Man alone“, der, für die Tindersticks ungewöhnlich elektronischen, ersten Single. Dass diese dabei geschlagene 11.08 Minuten dauert und aus kommerzieller Sicht natürlich völliger Nonsens ist, geschenkt. Kommerz, sich anbiedern oder sonst wie auf irgendetwas schielen, hat die Tindersticks eh’ noch nie interessiert. Weiter geht’s mit „Imagine you“. Ein sphärischer Track, der durch Reduktion und mystischen Minimalismus begeistert. Etwas grooviger dann wieder „A Man Needs A Maid“, über das der große Erzähler Staples wieder sein unvergleichliches Vibrato erzittern lässt. Dub-Effekte, stoischer Soul-Bass und eine lässige Chanson-Gesangsmelodie auf wunderschönen Harmonien dann im auch immerhin siebenminütigen „Lady With The Braid“. Für mich das Kernstück des Albums. Fast schon funky kommt dann dem Titel entsprechend „You’ll Have To Scream Louder“ daher, während es die wunderschöne Pianoballade „Tue-moi“ und das gemächlich pulsierende „The Bough Bends“ dann eher wieder etwas gemächlicher ausklingen lassen.

Fazit: Vielleicht nicht das beste Album der Tindersticks, definitiv aber eines, das jetzt schon auf dem Merkzettel für unsere Top 10-Jahrescharts vorgemerkt ist.

Anspieltipps: Alle im Text aufgezählten, mithin also: ALLE!

Tash Sultana - Terra Firma

Tash Sultana - Terra Firma

Sehr sympathisch war das letztens, als sich Tash Sultana vor einer Woche schon zum neuen Album beim stets sehr sehenswerten und immer auch überaus interessanten ARD-Kulturmagazin „t t t – titel, thesen, temperamente“ äußerte. Der/die non-binäre Australier*in wurde einst über Straßenmusik- und Schlafzimmer-Performance-Videos bekannt und den Megahit „Jungle“ schrieb Sultana mit schlappen 18 Jahren, kurz nach der Highschool. Dabei so Sultana, sei alles „völlig verrückt“ gewesen, denn sie wollte ja eigentlich nur so für sich rumjammen. Mit drei Jahren bekam sie die erste Gitarre vom Opa, mit 13 spielte sie bereits mit gefälschtem Ausweis erste Konzerte. Jetzt, 13 weitere Jahre später ist die erfolgreiche „One Person Show“ auch fürderhin keinem Genre zuzuordnen. Wild blüht und gedeiht ihr üppig wuchernder Musikgarten mit prächtigen Soul-Gewächsen, fein beschnittenen Pop-Bäumchen und lässigen HipHop-Funk-Pflänzchen.

Dabei spielt Sultana wie gehabt alle Instrumente selber, denn genau das sei ihr Anreiz und erklärtes Ziel: „So viele Instrumente wie möglich zu erlernen“. Und genauso, wie sich Sultana nicht auf ein paar wenige Instrumente festlegen lässt, lässt er/sie sich halt auch nicht auf ein bestimmtes Genre festlegen oder gar in eine Schublade stecken. Getreu ihrem Credo, Vielfalt erkennen und frei sein: „I make my art, and I let it fly“. Ob und wann es dann auch live zur Aufführung ihrer neuen Kompositionen kommen wird, lässt Sultana freilich auch im t t t-Interview offen, auch wenn die Welttournee bereits gebucht ist: „Sind wir mal ehrlich, es sieht gerade ziemlich düster aus, schauderhaft, aber weißt du was, wenn ich nicht reinkommen, dann komm ich halt nicht rein. Ich bin bereit und wenn ich dann wieder auf Tour gehe, werde ich nie wieder sagen, dass ich nach Hause will. Nie wieder!“ Bereit sind auch die Fans und nach Hause geht nach Corona sowieso niemand mehr, den Soundtrack zur neuen postpandemischen Freiheit liefert derweil schon mal Tash Sultana mit „Terra Firma“.

Fazit: Wie bereits erwähnt: sehr sympathisch!

Anspieltipps: Die erste Single „Pretty Lady“ (sh. Video) ist schon mal sehr schön gewesen, aber auch „Crop Circles“, „Greed“, das getragene „Maybe You’ve Changed“, das sonnige „Sweet And Dandy“ und das schwummrige Finale „I Am Free“ haben jede Menge Charme.

Live, dann, wenn, am 26.9. Olympiahalle: Tickets bei MünchenTicket

The Hold Steady - Open Door Policy

The Hold Steady - Open Door Policy

Auch The Hold Steady-Frontmann Craig Finn legt mittelgroßen Wert darauf, das „Open Door Policy“ kein Pandemie-Album ist. Es gehe darin, so der im August 2021 dann auch schon bald 50-jährige, um Themen wie „Macht, Reichtum, psychische Gesundheit, Technologie, Kapitalismus, Konsumverhalten und Überleben.“ Themen also, die sich mit dem Brandbeschleuniger Corona massiv verstärkt haben und so einen weltweiten Flächenbrand weiter angeheizt und befeuert haben. Dabei bleiben Finn und seine Formation stets distanziert höflich und abstrakt poetisch, anders also als etwa artverwandte Post-Punk-Protagonisten wie zuletzt die Sleaford Mods, die Viagra Boys oder auch Shame.

Aber The Hold Steady sehen sich wohl auch eher als alternative Indie-Rockkapelle im klassischen, traditionellen, US-amerikanischen Sinne, weswegen man gerne auch mal quer verweisen darf auf den knapp elf Jahre älteren, unvergessenen David Lowery etwa, seines Zeichens Erfinder so wegweisender Bands wie Camper Van Beethoven und Cracker, oder Bob Moulds Hüsker Dü, Cop Shoot Cop, Guided By Voices, Spoon... Doch zurück zu The Hold Steady und „Open Door Policy“, das unglaublich dicht daher kommt, atmosphärisch versteht sich. Ein absolutes, von Josh Kaufman (Taylor Swift, Josh Ritter, Lisa Hannigan, Bonnie Light Horseman, Muzz u.a.) und Toningenieur D. James Goodwin (Kevin Morby, Whitney u.a.) brillant eingefangenes, Band-Album von absoluten Könnern. Einer eingeschworenen Gemeinschaft gewissermaßen, bei der die Gitarren in all ihrer wärmenden, umarmenden Verzerrung doch auch immer zwingend, dringlich und irgendwie anklagend klingen. Und ehe man sich’s versieht, ist das gute Stück dann auch schon durchgelaufen und man ist begierig darauf die Repeat-Taste zu drücken, immer und immer wieder…

Fazit: Gute, sehr gute Platte!

Anspieltipps: Ganz vorne sind, auch aufgrund der drängenden Fuzz-Gitarren, Songs wie „Spices“, „Hanover Camera“ und „Family Farm“. Aber wie geschrieben, ehe man sich’s versieht, ist die Platte dann auch schon rum; und man will mehr, immer mehr…

David Gray - Skellig

David Gray - Skellig

Auch hier eine kleine Live-Anekdote aus längst vergangenen Zeiten: Muffathalle, keine Ahnung mehr wann (wahrscheinlich Ende der 90er), irgendwo beim Mischpult. Auch David Grays Konzert zu seinem Durchbruchsalbum „White Ladder“ ist bei mir ganz fest gespeichert. Damals war er in Deutschland noch nicht so eine Nummer, weswegen sehr viele Iren, Engländer und Schotten anwesend waren. Und es waren bestimmt nicht mehr wie geschätzte 8-900 aber eine Stimmung machten die, als wären es 10.000, mit Fahnen und Schals und Bannern und Dingens und Fangesängen wie im Fußballstadion, wow, krieg ich gleich wieder Gänsehaut, rauf und runter. Ein wirklich unvergesslicher Moment, vergleichbar für mich persönlich vielleicht nur mit Bryan Adams damals in der Alabamahalle, ca. 1983, als auch fast nur in München stationierte Amerikaner und Kanadier da waren, die Adams wie wir vom Radiosender AFN kannten.

So, egal, weiter im Text: Gegenwart is’ und die klingt bei David Gray sehr verhalten. Minimal instrumentiert sind die Songs seines neuen Albums, die in ihrer Gesamtheit fast schon mystisch, wenn nicht sogar mythisch und spirituell gleichermaßen daher kommen. Kein Wunder, denn Gray benannte seine neueste Arbeit nach einer anmutig schroffen Felseninseln vor der Küste von County Kerry, am westlichsten Zipfel Irlands gelegen. Star Wars-Freaks kennen sie als Rückzugsort von Luke Skywalker… Der Ort „Skellig Michael“ wurde 600 n. Chr. wohl zu einer Art Wallfahrtsort für Mönche, die glaubten, und jetzt will ich kurz mal das Info zitieren: „…dass sie durch die Führung einer solchen barmherzigen Existenz die Ablenkung der menschlichen Welt verlassen würden, um letztlich näher bei Gott zu sein.“ Inspirierend fand das David Gray, der aber inständig darum bittet, alldem keine fundamental religiöse Bedeutung beizumessen. Aber, die Geschichte, die ihm ein Freund erzählte, spukt seither in seiner Fantasie herum, weswegen er ihr hiermit ein musikalisches Denkmal setzt.

Fazit: Wie nah man Gott kommen kann, weiß ich nicht. Dafür weiß ich, dass mir David Gray mit „Skellig“ musikalisch sehr nahe kommt, fast so nah wie mit „White Ladder“. Wahrlich, sehr intim, sehr inspirierend.

Anspieltipps: „Heart And Soul“ ist – wie könnte es auch anders sein – das (spirituelle) Zentrum dieser Platte. Aber, das gesamte Album ist wie ein grandioser Trip, wohin genau? Schaut hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Skellig_Michael

Autor: Gerald Huber

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