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Neue Alben von Rodrigo Amarante, James Vincent McMorrow, Eliza Shaddad u.a.

Neue Alben von Rodrigo Amarante, James Vincent McMorrow, Eliza Shaddad und The Courettes
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Neue Alben von Rodrigo Amarante, James Vincent McMorrow, Eliza Shaddad und The Courettes

James Vincent McMorrow zwischen minimalistisch und opulent, Rodrigo Amarante mit lässigem Indie-Bossa-Pop und The Courettes sowohl superretro als auch extrafresh

Rodrigo Amarante - Drama

Ja, es ist ein „Drama“. All das, mit der Welt im Allgemeinen und den zu vielen (achtlosen und dummen) Menschen darauf im Besonderen. Und dann lachen die auch noch, gleich zu Beginn des dem Album seinen Titel gebenden Intro. Ganz so wie im Kabarett lachen sie, als hätten sie auch nur einen einzigen guten Grund dazu. Im Kontrast dazu sehr traurige Streichinstrumente, was die Lacher aber nicht anficht, die feixen weiter, applaudieren, dann ist Schluss, abrupt. Was folgt ist ein großartiger Move in Richtung ausgelassener und lebensbejahender Alternative-Latin-Pop von einem, der ganz genau weiß, wie das geht. Denn Amarante hat es schon mehrmals bewiesen, wie man die Schwere der Gegenwart mit lässigen Indie-Samba-Bossa-Sonstwas-Poptunes kontrastiert. Mit der Formation Little Joy etwa, wo er zusammen mit The Strokes-Drummer Fabrizio Moretti und Binki Shapiro, von der man zuletzt im Beisein von Adam Green hörte, ein famoses Album kreierte. Oder bei „Tuyo“, Amarantes Titelmelodie zum Netflix-Drama „Narcos“, oder vielleicht auch im Zusammenhang mit Songs von Gal Costa, Norah Jones und Gilberto Gil, mit denen er bereits zusammen komponierte. Egal, wo und in welchem Zusammenhang auch immer man schon mal von Rodrigo Amarante gehört hat, es war nur das Beste und bleibt in der Regel unvergessen, wie hier auf „Drama“.

Live am 27.4.2022 im Ampere, Tickets gibt’s hier.

James Vincent McMorrow - Grapefruit Season

Auch James Vincent McMorrow hat das drauf, mit der feinen Ironie, denn zu seinem Opener mit dem Titel „Paradise“ lud er sich einen Kinderchor ins Studio, denn „…it needed to feel naive and sincere.” Klar, wie sollte man sich in Zeiten wie diesen auch sonst dem Thema annehmen… Aber vielleicht ist es ihm ja auch ernst, ihm, dem formidablen White-R’n’B-Guru, dessen Streben nach der Vervollkommnung der „Fear-Free-Pop-Music“ ungebremst scheint. Da sind dann freilich tolle Songs drauf, wie „Gone“ oder „Planes In The Sky“. Auch das ein kleinwenig an Bon Iver erinnernde „True Love“ weiß zu gefallen. Ganz besonders schön ist die überwiegend von einer Akustikgitarre getragene Herz-Schmerz-Ballade „Waiting“ und auch der melancholische Piano-Schleicher „Poison To You“ fügt sich gut ein. Alles in allem ist das natürlich schon auf Hochglanz polierter, souliger R’n’B-Pop für den Mainstream, wobei sich McMorrow immer auch ein paar überaus geschmackvolle, zum Teil auch sehr minimalistische Ausreißer erlaubt, die ihn überaus sympathisch und glaubwürdig erscheinen lassen.

Eliza Shaddad - The Woman You Want

Ein bisschen erinnert mich Eliza Shaddads Stimme an Susan Vega, vor allem beim etwas rockigeren, beschwingteren „Heaven“. Wunderschön ist das. Aber auch schon der minimalistisch gehaltene Opener „The Man I Admire“ haut einen fast vom Hocker, diese Eindringlich- und Aufrichtigkeit ist wahrlich beeindruckend. Glücklich derjenige welche… Womöglich ihr ganz und gar famos produzierender Ehemann, der To Kill A King-Musiker BJ Jackson, der die Platte in ihrem eigenen Bedroom-Studio in Cornwall aufnahm. Doch während der diversen Lockdowns war es auch für das Ehepaar-Shaddad-Jackson nicht immer ganz so einfach, wie das Album nun selbstverständlich klingt. Dazu Eliza Shaddad: „Es war wirklich sehr intensiv, ein ziemliches Auf und Ab der Gefühle. Ein ganzes Jahr lang rund um die Uhr immer zusammen zu sein, war zwar großartig, weil wir einander bedingungslos vertrauen und alle Zeit der Welt hatten, Dinge auszuprobieren. Aber gefühlsmäßig war es nicht immer leicht.“ Doch wie bereits erwähnt, hören tut man die ehelichen Gefühlsschwankungen eher nur im positiven Sinn, wie etwa beim letzten Song des Albums „Blossom“. Eine Ode an den Frühling sei dieser, bei dem die sudanesischen Wurzeln von Shaddad an die Oberfläche kommen, denn bevor die Sharia im Sudan eingeführt wurde, entnimmt man dem Info, erlebte das Land von den 60ern- bis in die 80er-Jahre eine echte kulturelle Blütezeit. Angedeutet wird die Sudan-Pop-Hommage mit synthetische Casio-Orgel-Streichern, fein getupften Tönen mit der arabischen Laute Oud und einem traditionellen weiblichen Freudenschrei. Ein hoffnungsvolles Finish eines wirklich beeindruckenden Albums, was will man mehr…

The Courettes - Here We Are The Courettes

Obwohl superretro, klingt das dänisch-brasilianische Ehepaar-Duo Flavia und Martin Couri, nun, sagen wir mal: extrafresh. Und zwar bedingungslos nach den 60er-Jahren, nach The Ronettes etwa, oder auch den Shangri-La’s, die hier gemeinsam mit den Ramones in den Ring steigen. Zackig-zickig aufriffende Rockgitarre trifft auf hemmungslos drauflosprügelndes Schlagzeug und mal hyperventilierenden Schrei-, mal lasziven Frauengesang. Ein rüpelig-amüsanter Mix aus Garage, Surf, Soul, Punk, 60er-Jahre-Girlie-Pop und Riot-Grrrl-Attitüde ist das, so gut wie live eingespielt, nur mit minimalen (Orgel- und Gesangs-)Overdubs verfeinert, null-komma-null Editing und Sounddesign, weit und breit kein Auto-Tune und auch sonst „kein Bullshit“ verspricht der Beipackzettel. Und für wahr, selten hat man sich in letzter zeit so ungeniert am rauen Musizieren erfreut wie hier. Ein wilder, ein schweißtreibender Flashback-Tripp zurück in das durch und durch Gute, Schöne, Wahre - ein Fest!

Autor: Gerald Huber

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