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Neue Alben von Porridge Radio, Erdmöbel, Dekker, Craig Finn (The Hold Steady) und Gus Englehorn

Neue Alben von Porridge Radio, Erdmöbel, Dekker, Craig Finn (The Hold Steady) und Gus Englehorn
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Neue Alben von Porridge Radio, Erdmöbel, Dekker, Craig Finn (The Hold Steady) und Gus Englehorn

Craig Finn als Grabredner, Porridge Radio mindestens so wichtig wie Wet Leg, Erdmöbel zur Abwechslung mal sommerlich, Dekker fantastisch und Gus Englehorn auffällig

Craig Finn - A Legacy Of Rentals

Der Anfang klingt ein bisschen nach einer eher billigen 60er-Jahre Science-Fiction-Komödie, womöglich mit Louis De Funès. Sobald aber dann der Chorgesang einsetzt fühlt man sich sogar an Ziggy Stardust erinnert, passt also… Aber schon verfällt der The Hold Steady-Frontmann in seine wirklich ebenso beeindruckende wie berührenden Sprechstimme und fährt im Stile eines Grabredners fort… Denn „A Legacy Of Rentals“ handelt von Erinnerungen und so geht es in „Messing In The Settings“ darum, wie jemand, „der den Kontakt zu den kürzlich Verstorbenen verloren hat, sie aber immer noch für wichtig hält …“ und, Finn weiter: „Wir wollten aus diesem Lied eine Art Beschwörung machen.“ Operation gelungen, Patient… doch lassen wird das, denn es ist sogar etwas mehr als das, denn untermalt wird Finns beschwörende Stimme von einem tollen 14-köpfigen Streicherensemble, das uns auch bei einigen anderen Songs wieder begegnen wird. Dem Thema zufolge wird’s natürlich dann eher melancholisch bis nostalgisch streift Finn doch durch die Liebe(n) und Orte der Vergangenheit. Der Titel so Finn „…trägt der Tatsache Rechnung, dass wir keinen unserer Besitztümer jemals vollständig besitzen können und dass unsere Körper nur ein vorübergehender Aufenthaltsort für unsere Seele sind.“ Wie recht er doch damit haben könnte, gesetzt den Fall es gibt so etwas wie „Seele“. Und würden das am Ende doch alle Menschen ein für alle mal genau so reflektieren und akzeptieren, es wäre ein schöneres Leben, ein liebevolleres Miteinander im Hier und Jetzt möglich. Dazu nochmal Finn: „Alle Momente sind flüchtig. Nach den Zerstörungen der letzten Jahre glaube ich, dass jede noch so banale Handlung im Leben Freude bereitet – Wir alle wollen, dass man sich an uns erinnert. Wir alle wollen, dass unsere Zeit hier von Bedeutung ist.“ Was hier, schwarz auf weiß, ein bisschen wie das Wort zum Sonntag klingt, ist musikalisch betrachtet ein echter Hinhörer, einer, der - wenn schon keine Hoffnung - so doch wenigsten etwas Zuversicht spendet, in diesen verwirrenden Zeiten.

Gus Englehorn - Dungeon Master

Andere mögen das: quirlig, lebendig, aufgeweckt, oder - wie der über jeden Zweifel erhabene Promoter von Englehorns zweitem Album - „intensiv“ finden und auch so nennen. Ich finde und nenne es: anstrengend. Aber der Sound passt natürlich zu seinem „dadaistischen Geist“, der sich um Themen wie Isolation, Entfremdung und (wohlgemerkt: „leichte“) Zwangsstörungen dreht. Jede Wette, der Mann hat ADHS. Und so klingt auch seine Musik, eine Art Garage-Punk mal mit Metal- mal mit Popversatzstücken garniert, und tonnenweise schräger Gesangsmelodien, Absicht, eh’ klar! Verhaltensauffällig und hyperaktiv klingt das, manchmal unangenehm und zu viel des Guten, aber manchmal, zugegebenermaßen, auch unterhaltsam. „Tarantula“ ist einer der gelungeneren Momente, aber auch das eher - für Englehorns Verhältnisse versteht sich - verhaltene „Lies“ und das, im 6/8tel Takt daher tänzelnde, eher getragen wirkende „The Flea“. Das Cover erinnert an Kurt Vile’s kürzlich erschienenes Album, nur ohne Kinder, klar: Angst! Ich wünschte mir, dass Gus Englehorn mal beim ESC spielt, mal so einen anderen Partyschreck gibt, müssen ja nicht immer gleich irgendwelche schrulligen Glibbermonster sein… In dem Zusammenhang fänd’ ich’s dann glaub ich auch sehr geil!

Dekker - I Won’t Be Your Foe

Puh. Durchatmen. Da kommt jemand, der zur Abwechslung mal nicht unser Feind sein will. Beruhigend. Ganz im Gegenteil. Brookln Dekker ist ein Lieber, ein ganz ein Lieber sogar, was eingangs des Infos sofort auch so unumwunden - und ganz ironiebefreit ohne jedes lästige Zwinkersmiley - klargestellt wird: „In einer Zeit schwindender Belastbarkeit und wachsender Polarisierung durch tosende, mediale Echokammern macht es sich Brookln Dekker zur Aufgabe, schonungslos freundlich zu sich selbst und den Menschen um ihn herum zu sein.“ Eat this Englehorn! Dekker, der Mann, der sein Antlitz stets unter einem überdimensionierten Sonnenhut versteckt, erklärt auch kurz mal selbst sein Ansinnen: „Ich habe mich fast immer verloren gefühlt – unsicher, wer ich bin oder was ich hier mache. Ich bin ein Gefühlsmensch, der nur durch das Schreiben und Musikmachen lernt wer er ist. Wenn ich auf die Jahre 2020 und 2021 zurückblicke – Zahlen, die fast zu einem Synonym für Einsamkeit, Schmerz oder Wut geworden sind – erkenne ich jetzt, dass ich viel Angst hatte und zeitweise in einer Spirale steckte. Ein ständiger Kreislauf des Unwohlseins. Ich habe vermutlich bewusst versucht, eine Platte zu schreiben, die im Gegensatz zu meiner wirklichen Realität stand“. Hach! Herzchen! Die Welt, zumal die musikalische kann aber eigentlich gar nicht so schlecht sein, wenn man bedenkt, dass Dekkers Songs seines Debütalbums bislang über 16 Millionen Mal gestreamt wurden, davon wahrscheinlich etwa 2 Mio. Mal von meiner Frau und mir. Mögen die behutsam vorgetragenen, sachte rollenden, immer aber einen ins große Folkpop-Herz schließenden Songs des Nachfolgers aber bitte locker mal die Milliarden Grenze durchbrechen, verdient haben sie es alle mal. (Pflichttermin! 1.6. Milla, Tickets)

Porridge Radio - Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky

Dana Margolins Stimme hat etwas Getriebenes, Fiebriges, Unruhiges. Klar, die Zeiten sind danach. Und, begegnet man all dem - also diesem weltweiten Irr- und Unsinn - so wie Porridge Radio mit gradlinigem, treibendem, kraftvoll-emotionalem, dennoch aber stets hymnischem Postpunk, wahlweise (zwischen schlau-verspielt und kratzbürstig-kantig changierendem) Indiepop, könnte man sich auch gar keine andere als Margolin am Mikrophon wünschen, geschweige denn vorstellen. Es tut so gut mal zwischen all den Idles, Fontaines D.C., Shame, Interpol, Viagra Boys und wie sie alle heißen, mithin also im doch sehr männlich dominierten Post-Irgendwas-Punk, eine Frau an der Spitze einer großartigen Band zu hören. Und großartig sind Porridge Radio aus Brighton ganz bestimmt, nicht nur live, auch auf ihrem Album präsentieren sie sich unbeirrbar, wuchtig, mithin also: Wichtig! Demzufolge sind Porridge Radio nach und/oder mit Wet Leg und King Hannah eine der stilprägendsten femal-fronted Indiebands der Gegenwart. Sehr geil, sehr beeindrucken, bärenstark! Freu ich mich schon sehr auf’s Konzert, welches wir mit dem IN präsentieren, was mich dann noch mehr freut, auch für unsere Leserinnen und Leser, denn die können dann hier wie gewohnt Tickets gewinnen, für ein dann wohl längst ausverkauftes Konzert. (8.12. Tickets)

Erdmöbel - Guten Morgen, Ragazzi

Bei Erdmöbel wird’s mir immer gleich so weihnachtlich-blümerant zumute. Klar, seit Jahren touren sie in der staden Zeit von Haus zu Haus und bringen den Indiepop-Kinderlein von Flensburg bis München einen Sack prall gefüllt mit heiter-besinnlichen Weihnachts-Pop-Schmunzlern zu Ohren. Jetzt aber quasi die Antithese: Ein Sommerpop-Album, heiter-besinnlich auch das, denn wisse: „Mein Leben klebt an mir wie mein Duschvorhang, ich bin ein Kunstwerk, von da wo du stehst, aber hier bei mir fühlt sich’s scheußlich an.“ Reggae („Guten Morgen“) ist zu hören, Italopop („Felicita“) sowieso, moderate Midtempo-Ballade („Das Vakuum“), BaBaBa-Schubidu-Northern-Soul („Der Bernoulli-Effekt“), eklektisch-futuristischer - so es ihn gibt - Funk-Pop („Supermond“), schmeichelnder Lagerfeuer-Folk („Das Mädchen auf den Stufen“), süffisanter Latin-Jazz („Beherbergungsverbot“) und natürlich der mitreißende Polit-Protest-Pop von „Ich bin nicht das Volk (Lass sie rein)“. Mehr muss man gar nicht groß dazu wissen, nur lieben, und zwar - neben Leben, Menschen, Tiere, Welt - die vier Herren von Erdmöbel und ihre neue Scheibe.

Gerald Huber