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Neue Alben von Low, Heartless Bastards, Colleen Green und Riddy Armand

Neue Alben von Low, Heartless Bastards, Coolen Green und Riddy Armand
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Neue Alben von Low, Heartless Bastards, Coolen Green und Riddy Armand

Hohe Frauenquote bei maximaler Vielfalt: Low zwischen brachial und experimentell, Heartless Bastards unwiderstehlich, Riddy Armand gibt ihr Debüt und Colleen Green ist saucool

Low - Hey What

Starker Anfang: Diabolische Feedbacks, welche vermutlich von abgründig verfremdeten E-Gitarren stammen, die wie Formel 1-Boliden röhren, oder schlimmer noch, wie irgendwelche Bestien aus einer bislang unbekannten Zwischenwelt. Dann verzerrte Stakkatos und zwei vertraute Stimmen: klar, innig, verbindlich und doch irgendwie verträumt wirkend, die nämlich, wie sollte es anders sein bei Low, natürlich dem genialen Musikerpaar Mimi Parker und Alan Sparhawk gehören. Groß dieses „White Horse“, zumindest bis Minute 3:30, dann wird’s ebenso minimalistisch wie experimentell… Wie man „Hey What“ insgesamt als gewagt bezeichnen kann, denn alle Songs scheinen ineinander überzugehen, entwickeln sich aus dem vorhergehenden. Da bleibt natürlich genügend Raum für viel Geschwurbel zwischen Lärm und Effekthascherei, aber wie sich dann doch eine Hymne nach der anderen aus dem jeweiligen Vorgänger herausschält ist schon faszinierend. Besonders gelungen dabei „All Night“, das besonders zu glänzen vermag. Auch das sich anschließende „Disappearing“ mäandert und pumpt ungewöhnlich intensiv bis zu seinem abrupten Ende. Auch das sage und schreibe 7:41 minütige „Hey“ eröffnet einem neue Horizonte in Sachen Slow-Core-Prog-Rock wohingegen das knapp gehaltene „More“ aufgrund des ebenso absurd wie brachial klingenden Gitarrensounds selbst Jack White vor Neid erblassen lassen dürfte, vorausgesetzt natürlich es handelt sich dabei überhaupt um eine Gitarre. Große Kunst ist das allemal, provozierend, abartig, zeitweise hart an der Grenze zum Erträglich und dennoch, kann man sich dieser nur sehr schwer entziehen.

Heartless Bastards - A Beautiful Life

Heartless Bastards-Sängerin Erika Wennerstrom hat’s erkannt, weswegen sie der Meinung ist, dass es immer schwieriger für viele von uns wird, ein einfaches, schönes Leben zu wählen, denn viele Menschen müssten darum kämpfen, voranzukommen oder wenigstens den Status Quo zu wahren, um nicht zurückzubleiben. Und weiter: „Ich glaube, dass eine wirklich erhabene, bewusste Gesellschaft eine ist, die versucht, sich gegenseitig zu unterstützen - eine, in der wir für das Gemeinwohl arbeiten.“ Wie recht sie doch damit hat. Und genau so klingt dann auch das neue Album ihrer Band: hoffnungsvoll, versöhnlich, idealistisch und kraftvoll. Old School Indie-Rock’n’Roll mit dezenten Ausflügen in Richtung Folk, Post-Punk, Psychedelia und French-Pop, analog und retro bis ins Mark produziert von ihr und Kevin Ratterman (Strand Of Oaks, Jim James, White Reaper), eingespielt von so großartigen Musiker*innen wie Gitarristin Lauren Gurgiolo (Okkervil River), Schlagzeuger Greggory Clifford (White Denim), Multi-Instrumentalist Jesse Chandler (Mercury Rev, Midlake), Keyboarder Bo Koster (My Morning Jacket), Gitarrist David Pulkingham (Patty Griffin) und Wennerstrorms langjährigen Heartless Bastards-Bassisten Jesse Ebaugh. Das bei solch einem Spitzenpersonal eigentlich nichts mehr schief gehen kann versteht sich ja von selbst, deswegen auch von meiner Seite nicht viel mehr als allerhöchstes Lob für dieses wunderschöne und so wichtige Album einer großartigen Musikerin und Sängerin und überhaupt sehr starken Persönlichkeit.

Colleen Green - Cool

The producer makes the cool. Haha, ja vielleicht schon, in dem Fall, denn niemand geringeres als Gordon Raphael, ehemals zuständig für die wirklich coolen Platten von The Strokes und Regina Spektor, hat sich auf „Cool“ um die Coolness von Co(o)llen Green gekümmert. Aber Spaß beiseite, man hört das und zwar gern: Schlichter, straight 8telliger, gitarrenorientierter Gradaus-Back-to-the-90s-Indie-Rock-Pop ist da drauf, der mal an die Breeders, ohne das ganz schwere Fuzzpfund freilich, aber auch an Veruca Salt, an Belly und Echobelly und all die anderen fantastischen Female-Fronted-Groups von damals erinnert. Das ist schön, wenngleich, wohlgemerkt schon sehr einfach gestrickt, was aber seinen Charme hat, vergleichbar vielleicht mit Bands wie den Dum Dum Girls und Bikini Kill. Nur auf Dauer wirkt’s dann auch ein bisserl arg simpel und eintönig, vor allem die wenig einfallsreichen Singlenote-Gitarren-Melodien, die schon sehr nah am bestenfalls ambitionierten Schülerband-Level knabbern. Nichts für ungut, aber wenn das neue Cool, mit verhältnismäßig eingeschränkten handwerklichen Fähigkeiten zwischen charmant und spröde und gelegentlich auch schon fast ein bisschen peinlich einhergeht, dann ist „Cool“ wirklich saucool.

Riddy Arman - dito

Riddy Arman, darf man getrost und ohne ihr Unrecht zu tun oder ihr gar zu nahe treten zu wollen, als waschechtes Cowgirl bezeichnen. Und sieht man mal vom Nasenring in ihrem linken Flügel ab, würde man sich auch nicht wundern, wenn so jemand wie sie im „Staat der Cowboys - und Trump-Anhänger“ (Zitat Handelsblatt vom 10.10.20) den gefährlichen Menschen mit den orangen Haaren gewählt hätte. Und, die junge Frau aus Montana lebt den Wild West-Stil, ohne ihn jedoch falsch zu romantisieren. Im Video zur ersten Single „Spirits, Angels, or Lies“ erzählt sie vorher wie es dazu kam: Der Song sei nämlich, so will es schließlich auch das Plattenfirmen-Info, „von der emotionalen wahren Geschichte des Ablebens ihres Vaters und Johnny Cashs posthumen Besuch an seinem Sterbebett inspiriert.“ Also doch eher Cash als Trump, eher Demokratin als Republikanerin, zumal sie vorher auch in Nord-Kalifornien auf einer Ranch arbeitete? Man mag es fast vermuten, ja, inständig hoffen und man zwingt sich sogar ein bisschen, denn Armand äußert sich in ihren Texten eher poetisch als politisch, und erhält so wenig Aufschluss über ihre Gesinnung. Ihre Lyrik bedient sich tendenziell einer Bildsprache, die tief im US-amerikanischen Landleben verwurzelt scheint und demzufolge von der Schönheit und seiner Einfachheit kündet, bis hin zur Isolation, Einsamkeit und folgerichtig auch Melancholie, die seine Bewohner oftmals ereilt. Staubig-trockner Country-Folk auf einem Debüt, dass sich wahrlich hören lassen kann.

Autor: Gerald Huber

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