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Neue Alben von Kevin Morby, Willie Nelson, Kat Frankie und Friska Viljor

Neue Alben von Kevin Morby, Willie Nelson, Kat Frankie und Friska Viljor
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Neue Alben von Kevin Morby, Willie Nelson, Kat Frankie und Friska Viljor

Country-Outlaw Willie Nelson über die schöne Zeit, Kevin Morby und Kat Frankie über die Vergänglichkeit und selbst Friska Viljor haben Bedenken was die Zukunft anbelangt

Kevin Morby - This Is A Photograph

Kevin Morby gerne mal in einem Atemzug mit Ikonen wie Bill Callahan (Smog), Kurt Vile, Sharon Van Etten, Will Oldham (Bonnie `Prince´ Billy), Mac Demarco und Jeff Tweedy (Wilco) zu nennen, gehört mittlerweile ja zum guten Ton eines jeden aufgeklärten Indie-Afficionados. Morbys genialisches Songwriting verbindet auf eine einzigartige Weise atmosphärisch dichte, dennoch aber stringent melodische Antifolk-Kompositionen und gesellschaftlich brisante Inhalte zu funkelnden Underground-Juwelen. Dabei zeigt sich der Künstler stets ebenso vielfältig wie unberechenbar. Ungewöhnliche lyrische Betrachtungsweisen und formidable Musikalität offenbaren dabei immer wieder neue Perspektiven und präsentieren diese auf unterschiedlichen Ebenen. „This Is A Photograph“ nun liegt ein traumatisches Ereignis zu Grunde. Morbys Vater war bei einem gemeinsamen Familienessen vor den Augen aller Anwesenden am Tisch in sich zusammengebrochen und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Auch Stunden später spürte Morby den Schock und die Angst noch in seinen Knochen, weswegen er daraufhin - um sich abzulenken - im Keller seines Elternhauses in Kansas City verschwand und in einer Kiste mit alten Familienfotos blättert. Unter den Fotos auch solche, die seinen Vater als jungen Mann zeigten, voller Lebensmut und Kraft. All das ereignete sich im Januar 2020 und es folgten die Tage, Wochen und schließlich Monate der Pandemie und die damit verbundene dramatische Veränderung der Welt, wie wir sie kannten… Dabei spürte Morby eine unheimliche Ähnlichkeit zwischen seinen Gefühlen in jener Nacht und der Atmosphäre jener Frühlingstage: Furcht, Angst, Hoffnung und Unverwüstlichkeit, die sich nahtlos ineinander fügten. Die Themen begannen sich in seinem Kopf zu drehen: Geschichte, Trauma, der große Kampf gegen die Zeit, mithin also die Vergänglichkeit… Soviel dazu. Ein melancholisches Meisterwerk! Morbys Vater hat sich übrigens wieder erholt, was man von der Welt leider nicht behaupten kann. (12.7. Ampere, Tickets)

Kat Frankie - Shiny Things

Wäre das Album „Shiny Things“ eine Person und könnte für sich selbst sprechen, es würde - schlägt das Album-Info vor - über sich sagen: „Ich bin Musik. Ich bin Tanz, den die Geister der Vergangenheit zwischen uns aufführen, unsichtbar und doch präsent. Ich bin der sehnsüchtige Klang der Nostalgie nach einer besseren Zukunft, deren Erfüllung schon in der Vergangenheit zerstört wurde. Ich bin die Heimsuchung der Gegenwart. Ich bin Trauer und Hoffnung zugleich.“ Zugegebenermaßen bleibt einem da erstmal die Spucke weg, denn was bitteschön, soll man denn dann noch groß schreiben? Vielleicht, dass die 43-jährige australische Wahl-Berlinerin sich als moderne Protestmusikerin sieht, die, den Untergang der Menschheit vor Augen, uns die letzten Stunden im Hier und Jetzt auf melancholisch-nostalgische Art und Weise mit ihren eleganten Indiepop-Exkusionen aufs Vortrefflichste versüßt. So wie die beste Freundin und/oder Freund, die am Sterbebett sitzen, einem die Hand halten, Tränen der Wut, der Verzweiflung, der Trauer, der Fassungslosigkeit vergießen, wissend um die aussichtslose Lage. Die aber bei all dem morbiden Scheiß auch noch den Mut aufbringen und ein kleinwenig Zuversicht spenden, mit Worten und Geschichten (von früher) sowie Gesten und innigen, zärtlichen Berührungen, vor dem Hintergrund, dass es da, wo die/der Schwerkranke bald sein könnte, nicht ansatzweise so arschlochartig ist wie hier. Es ist ein Kreuz und auch Kat Frankie setzt sich intensiv - wie eben zuvor auch schon Kevin Morby - auf ihre Art mit der Vergänglichkeit auseinander. Insgesamt ein starkes Statement, auch…: „Ich bin die Heimsuchung der Gegenwart. Ich bin Trauer und Hoffnung zugleich.“ (12.10. Muffathalle, Tickets)

Friska Viljor - Don’t Save The Last Dance

Nach all der Melancholie und der Vergänglichkeit, darf es auch mal wieder etwas Frohsinn sein. Und, da atmen die Friska Viljor-Fans bestimmt auf, nach ihrem, für ihre Verhältnisse todtraurigem „Broken“-Album, zeigen sich Sänger Joakim Sveningsson und Daniel Johansson wieder, man möchte es fast schon als Anachronismus bezeichnen, von ihrer sonnigen Schokoladenseite. Musikalisch wohlgemerkt, denn auch die beiden Schweden treibt gedanklich mithin also textlich die allgegenwärtig Dystopie vor sich her: Während auf „Remember Our Name“ aus dem Jahr 2015 noch die vermeintlich positiv besetzte Perspektive des frischen Elterndaseins (und freilich auch die damit einhergehenden Sorgen) thematisiert wurde auf „Don’t Save The Last Dance“ dem Titel entsprechend verstärkt die Befindlichkeiten derer, die auf uns folgen sollen-werden-müssen verhandelt. Das groß angelegte, atmosphärische „Inbreeds“ dient dabei gewissermaßen als Herzstück. Dazu Johansson, der das ausladende Folkepos bereits vor einigen Jahren komponierte und schrieb: „Es ist ein Song über die fortschreitende Polarisierung, die in unserer Gesellschaft zu beobachten ist. Der Text wurde 2015 geschrieben und zu erkennen, dass er sieben Jahre später aktueller denn je ist, ist unbeschreiblich deprimierend. Dennoch geben wir die Hoffnung nicht auf, dass sich etwas ändern wird.“ Danke schon mal dafür! Und natürlich die anderen zehn mitreißenden Songs… (25.5.2022 Backstage Werk, Tickets)

Willie Nelson - A Beautiful Time

Was also Friska Viljor nur ansatzweise gelingt, nämlich mich aufzuheitern, schaffte vor zwei Wochen schon Willie Nelson mit seinem Neuen Album „A Beautiful Time“. Weil ich das Album nicht bemustert bekam, haben mich glücklicherweise die Kolleginnen und Kollegen des Rolling Stone via FB darauf hingewiesen, weswegen ich gleich mal ins Optimal bin und mir das gute Stück auf Vinyl holte und schon bei den ersten Akkorden die Sonne aufging. Welche Zeit der mittlerweile 89-jährige Country-Outlaw Nelson auch meint, er hat auf alle Fälle recht. Denn einer wie Willie Nelson, den man am liebsten jeden Tag (und jede Nacht) ein paar Mal in die Arme nehmen und knuddeln möchte, den man darüberhinaus auf Fotos eigentlich nur lächelnd antrifft - weswegen die Textzeile „I just wanna leave you with a smile, even though that hasn’t always been my style“ Außenstehend dann doch etwas verwundert - einer, der der ganzen reaktionären US-Country-Blase immer und immer wieder den blanken Stinkfeiner unter die Nase hält, so einer, der hat immer recht. Immer! Also auch damit, dass es eine schöne Zeit war, ist, wird… egal. Ich hab ihn mal live auf dem Roskilde Festival mit der Nelson Family gesehen und gehört. War damals stimmungsmäßig etwas unglücklich, zumal kurz davor oder danach, wer will das schon noch so genau sagen, auch Wilco ein astreines Country-Set absolvierten, weswegen uns das Slide-Gitarren-Mundharmonika-Gewimmer auf Dauer ein bissl auf die Nerven ging. Aber auch wurscht, denn jetzt liegt „A Beautiful Time“ auf meinem Plattenteller und fasziniert von der ersten bis zur letzten Minute mit einer glasklaren, brillanten, niemals aber sterilen Produktion. Darauf fünf hinreißende Songs aus Nelsons Feder, die er zusammen mit Produzent Buddy Cannon schrieb, sowie einigen Interpretationen anderer Songs, darunter zwei Klassiker von The Beatles („With A Little Help From My Friends“) und Leonhard Cohen’s „Tower Of Song“. „I’ll Love You Till The Day I Die“ singt Nelson, wahrscheinlich auch ein bisschen für seine Schwester Bobbie, die im März mit 91 verstarb.

Autor: Gerald Huber